18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Zwei Lappen in Lappland

 

Gereizte Stimmung. Seit Tagen schon. Angespannte Blicke, überbewertete Aussagen, egoistisches Verhalten. In Selbstmitleid badend, die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen trainierend. Ich bin schon immer ein wahrheitsliebender Mensch gewesen, will es auch bleiben, und wer hier schon etwas länger liest, weiß dass ich nicht immer nur die rosigen Zeiten eines Trips in die Ferne schildere. Wozu auch? Wir alle müssen durch die mühseligen Tage an denen wir wehleidig wimmern und uns fragen ob es auch nur ein Fünkchen Positives in dem eigenen Leben gibt. Ganz besonders häufig, so habe ich das Gefühl, passiert das am Anfang einer Reise. Eben dann wenn die täglichen Dinge des Alltags von der Bildfläche verschwinden und es plötzlich ausladend Raum und Zeit gibt um Anderes ans Tageslicht kommen zu lassen. Ein Ungleichgewicht, ungewollt, doch unausweichlich. Und so keiften wir uns an wie verfeindete Nachbarn über den Gartenzaun. Mehrmals täglich stellten wir fest dass es nur Nichtigkeiten sind. Mehrmals täglich nahmen wir uns vor wieder lieb zu einander zu sein. Und mehrmals täglich klappte es nicht. Ich erlangte zunehmend depressive Züge und Dave glich einem eingesperrten Tiger. Als dann auch noch ein wohlbekanntes, sehr verhasstes und exponentiell Sorgen steigerndes Geräusch in der Fahrerkabine erklang, nahm der Zorn in unseren grotesk verzerrten Gesichtern ungeahnte Dimensionen an. Wie ein alter Bekannter meldete sich unser Freund, der Keilriemen wieder einmal an den unpassendsten Stellen zu Wort. Während ich meine Sorgen über Spekulationen des Problems „wegzureden“ versuchte, wollte Dave von allem nichts wissen und ignorierte die Symphonie rigoros. Es gäbe hundert alte Autos, bei denen der Keilriemen quietsche. So sei es halt und ich solle mich doch einfach daran gewöhnen. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen, hielt jedoch verbissen den Mund. Schließlich kam die Oktave an der auch Dave dem Problem erneut Aufmerksamkeit schenken musste. Wir fuhren auf einen kleinen Parkplatz und stellten uns der Sachlage. Samstag Nachmittag, in irgend einem winzigen schwedischem Kaff, Keilriemen kurz vor dem Reißen. Es gab kein Entrinnen, Dave musste die Sache selber angehen und kroch, mit Taschenlampe und unserem einzigen Schraubenschlüssel unter den Wagen. Nutzlos wie ich mich fühlte, aß ich erst mal einen Joghurt und sah trübsinnig in die Motorhaube. Nun gut, sinnierte ich, wenigstens Beten könnte ich ja. Eigentlich sah die Lage aussichtslos aus. Keine Werkstatt, keine Hebebühne, kein Werkzeug, keine Ahnung wo das Problem liegt und auch noch zerrütteter Allgemeinzustand aufgrund der Streitereien. Also Stolz herunterschlucken, erkennen dass wir ohne Gott in den meisten Lagen eigentlich völlig hilflos sind und ihn bitten zu helfen. Die Taschenlampe haltend bat ich um Gnade für uns undankbare Geschöpfe. Dave versuchte unterdessen die versteifte Schraube an der Lichtmaschine zu lösen. Obwohl ausgerechnet unser einziger Schraubenschlüssel passte, war es aufgrund des geringen Platzes unmöglich ohne eine Ratsche das Ding irgendwie locker zu machen. Mit zerfurchter Stirn und schwarzen Fingern kam der beste Ehemann von allen wieder ans Tageslicht und sah mich missmutig an. „Wir haben noch die große Eisenstange, die man beim Wagenheber einsetzt“, nuschelte er mir entgegen. „Und einen Hammer“. Ich betete dringlicher. Dann wurde das ein Meter lange und Faust dicke Rohr in den Untiefen neben dem Motor versengt und Dave knallte den Hammer in Wikinger ähnlicher Manier auf das herausragende Ende. Mit Edding hatten wir noch die Stelle markiert um zu sehen ob sich überhaupt etwas bewegen würde. Und es bewegte sich. Hoffnung am Horizont. In ständigem Wechsel über und unter der Motorhaube mühte er sich ab den Keilriemen zu spannen. Erneute Markierungen und dann war es vollbracht. Wie genau wir es geschafft hatten, war niemanden klar. Der Knoten platzte und wir fielen uns mit tränennassen Augen in die Arme. Dave, trotz all seiner neuen Fähigkeiten, immer noch ein Mechaniker.

Ja, da geht es im wahrsten Sinne des Wortes drunter….

… und drüber.

In unserem wunderbar leisen Vehikel fuhren wir vom Platz. Alles hatte sich geändert und echtes Reisefieber begann sich endlich einzustellen. Hinweggefegt all die Nichtigkeiten, zusammengeschweißt durch die erste durchgestandene und gemeisterte Notlage, auf dem Boden der Tatsachen angelangt, dankbar für die Erinnerung durch Jesus. Die Sonne lächelte uns entgegen und wir ihr.

Scheinbar endlose Weiten, welche erst aus der Vogelperspektive als solche erkennbar werden.

Wo wir inzwischen angelangt sind? Die letzten Tage haben wir die 3000 km Marke überschritten und sind durch weite Wälder gefahren. Durch Lupinen gesäumte einsame Straßen, an unzähligen tiefblauen Seen entlang immer die E45 Richtung Norden. Noch nie bin ich so lange auf einer einzigen Straße gerade aus gefahren. Ohne Gegenverkehr, ohne Abzweigungen, selten ein rotes Schweden Häuschen passierend. Als sich die asphaltierte Straße plötzlich in einen alten Schotterweg wandelt, wissen wir, dass wir nun wirklich weit weg sind. Erneute Freude lässt uns strahlen. Lange kann es nicht mehr dauern… denken wir. Ein Blick auf die Karte lässt uns heiser seufzen. Noch immer über 1000 km bis wir die norwegische Grenze erreichen werden.

Und dann bekommen wir plötzlich doch Gesellschafft. Mitten auf der Straße laufen sie. Manchmal ganz gemächlich, dann in wildem Galopp. Allein oder in Gruppen, oft mit ihren kleinen Kälbern zusammen. Pure Entzückung als wir das erste Rentier erblicken und auch bei allen weiteren Begegnungen nehmen wir uns die Zeit diese herrlichen Tiere zu beobachten. Manch mutiges Exemplar traut sich sogar ganz nah am Auto vorbei.

Lappland zeigt sich uns in seiner ganzen Schönheit. Schon frühmorgens berühren warme Sonnenstrahlen meine Haut, Vogelgezwitscher dringt an mein Ohr. Ausnahmsweise mal nicht an einem See parkend, vollführe ich die Körperpflege mit einer kleinen Waschschüssel, ungerührt wie Gott mich schuf, in der herrlich warmen Morgensonne durch. Außer kleinen Bläulingen, Hummeln und dem Rauschen der Fichten leistet mir niemand Gesellschafft und ich genieße diese grenzenlose Freiheit. Meine Haare trocken im seichten, würzig riechenden Wind und Dave braut sich seinen morgendlichen Kaffee. Wir könnten noch lange hier verweilen… doch eine noch rauere und wildere Natur fernab des Polarkreises lässt uns die Sachen packen und weitere Meilen in Angriff nehmen.

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: