18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Wind des Wehmuts

Ich schreite aus der Tür des eben besuchten Italieners in der Innenstadt Christchurch, hinaus in den kalten Wind und gebe meinen Gedanken Raum. Das ist er also, der letzte Abend mit Jojo und Jenny. Wir haben uns Pizza gegönnt, die Jungs haben ein Bier getrunken und Jenny ein Glas Rotwein. Ich habe habe am Tisch zu meist Stillschweigen bewahrt und es doch sehr genossen. Und nun? Eine leise Wehmut ergreift von mir Besitz, ich realisiere, dass Dave und ich in wenigen Minuten wieder ganz allein sein werden, ohne eine einzige Menschenseele in unserer nächsten Umgebung zu kennen. Inzwischen ist es dunkel geworden und als wir schließlich an unserem Auto angekommen sind herrscht einen kurzen Moment bedrückende Stille. Eine kurze aber innige, fast hastige Umarmung, die Beteuerung auf ein baldiges Wiedersehen und ein letzter Blick in die Augen des jeweils anderen – dann endet die Szene. Jojo und Jenny sind in ihrem Hostel verschwunden, wir sitzen in unserem Wagen. Keiner von uns zweien sagt etwas, hängt seinen Gedanken nach und spürt die Sehnsucht. Das Drängen und gleichzeitige Ziehen, den Ursprung auf der anderen Seite der Erde. Spüre ich da fast eine Spur Neid auf den Heimflug der Zwei? Während im Wagen ein schon oft gespieltes Lied erklingt, blicke ich versonnen auf die vorbei ziehenden Lichter der Straßenlaternen, mir ausmalend wie es wohl wäre wieder nach Hause zu kommen. Ich schiele rüber zu Dave, frage was er gerade denkt und fühlt und muss still in mich hinein lächeln, als auch er zugibt sich gerade ein Wiedersehen ausgemalt zu haben.

 

Noch in der gleichen Nacht fahren wir ein gutes Stück raus aus Christchurch, versuchen Kilometer zwischen uns und den Flughafen zu bringen, Abstand zu gewinnen. Ohne auch nur darüber gesprochen zu haben, verhalten uns Dave und ich auf einmal wie vor der Ankunft von unseren Freunden. Es wird mehr und länger gefahren, weniger ausgeruht, weniger Geld ausgeben und die Ansprüche schrauben sich um ein Vielfaches wieder nach unten. So kommen plötzlich nur noch kostenlose Campingplätze in Frage, der Kauf von Süßigkeiten fällt rapide ab und auch der Besuch eines Baches wird dem einer Dusche vorgezogen. Es ist ein bisschen, als wäre der Urlaub für uns Weltreisende vorbei und wir fallen in unser perfides Backpacker Dasein zurück. Entgegen der Erwartungen macht es mich glücklich. Noch mal eine Spur einfacher zu leben, nochmal Abschied nehmen von Dingen die man nicht wirklich braucht. Werde ich noch zum kompletten Einsiedler? So kommt es also, dass wir an nur einem Tag die gesamte  Breitseite des Landes durchqueren und uns am folgenden Abend, mit den Füßen im Sand vergraben, an der Westcoast befinden. Dieses Mal haben wir den ‚Arthurs Pass‘ genommen, wobei auch hier gilt: Wer den Fernsteinpass schon mal gefahren ist, dem kommen die Pässe Neuseelands eher wie eine Auffahrt ins Skigebiet vor. Obwohl wir in den vergangen sechs Wochen so gut wie alles besichtigt haben, gibt es hier und da noch kleine weiße Flecken auf unserer Landkarte. So auch ‚Castle Hill‘, eine gold braune Ebene, gespickt mit unzähligen Gesteinsbrocken. Einige von euch kennen sie schon, denn sie ist der Dreh- und Schauplatz des legendären Streifens von C.S. Lewis‘ Narnia. Gewaltig und wild verteilt liegen die grauen Ungetüme vor mir, leise uralte Geheimnisse wispernd. Wir klettern immer höher und weiter, sitzen schließlich ganz oben und fühlen uns trotz der fehlenden Faune, Zentauren und dunklen Krieger wie mitten in einem Fantasy Film. Ich genieße die Weite, das Fehlen von Geräuschen, Bildnissen und Spuren der Rasse Mensch und frage mich gleichzeitig ob ich im, wie meine Mutter immer so schön ausdrückt, ‚zugestopften Deutschland‘ überhaupt wieder Fuß fassen kann. Gibt es dort überhaupt noch so ruhige und einsame Plätze, mit Ausnahme der höchsten Gipfel der Alpen?

„Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“ – C.S.Lewis

 

„Was nicht ewig ist, ist auf ewig veraltet.“ – C.S.Lewis

Weiter entlang der Straßen fahren wir noch einmal an den mächtigen Gletschern ‚Franz Josef‘ und ‚Fox Glacier‘ vorbei, staunend über das Blau des drückend schweren, ins Tal hinabrollendem Eises. Schließlich machen wir in dem kleinen Gletscherdorf Halt, mit einem Plan für Dave’s ganz eigene Mission. An diesem Punkt dürftet ihr nun alle wirklich Bescheid wissen um was es sich handelt.. na? Na klar, eine nächtliche Aktion ganz im Dienste der Glowworms. Einen alten Pfad durch den Wald gibt es hier, des Nachts hell erleuchtet von kleinen blauen Lichtern. Dave, inzwischen ganz der Profi, schaut lieber auch schon mal am Tag vorbei um dann bei völliger Dunkelheit die perfekte Stelle schon auserkoren zu haben.

 

Wie kleine, falschherum aufgehängte Städte sehen die mit klebrigen Tropfen bestückten Fäden der Würmer aus, und ihre Schönheit muss sich auch tagsüber nicht verstecken.

 

Doch des nachts ist es doch nochmal ein ganz anderes Spektakel. Dieses Mal (nur für euch) mit ein wenig Hintergrund. Der Pfad ist gesäumt mit ümgestürzten Bäumen in deren Wurzeln es den Würmern geradezu vortrefflich gefällt. Für den kurzen zwanzigminütigen Weg durch den Dschungel habe ich übrigens weit über zwei Stunden gebraucht 😉

 

Was genau bei dieser 20-sekundenlang andauernden Belichtung passiert ist, kann ich euch nicht sagen. Irgendwie, warum auch immer, muss der Wurm das kleine leuchtende Licht in seinem Inneren einmal längs durch seinen Körper geschoben haben. Dadurch ist der ganze Wurm beleuchtet, was das Bild noch unwirklicher aussehen lässt.

 

Doch nicht nur der Wald lockt hier mit einer Vielzahl von ungeahnten Möglichkeiten… als er morgens um 6:30 Uhr außer Atem zurück kommt, weiß ich, dass er seinen bisher besten Schuss getätigt hat. Mit einem Schmunzeln und unter dem Versuch irgendwie die Augen auf zubekommen schenke ich ihm und den ersten Prototypen auf der Kamera meine volle Aufmerksamkeit- zu schön meinen Lieblingsmenschen so glücklich zu sehen.

Mehrmals geübt, immer noch kein sehr schöner Vordergund, aber meiner Meinung nach bei Weitem besser als meine bisherigen Bilder Milchstraßenbilder oder?

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