18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Wild and free

 

 

Schon gut ein Monat ist verstrichen, fehlende Zeilen, das Ende der Geschichte – alles dank meiner unglaublichen Faulheit. Jetzt habe ich mich also doch noch aufgerafft. Warum ich plötzlich einfach so abgebrochen habe? Wollte ich nicht, dass unsere Reise doch auf einmal beendet ist? Wurde ich von den europäischen Gegebenheiten überrannt und stand irgendwie hilflos wieder auf deutschen Boden? Überforderung? Vielleicht von allem ein bisschen. Jetzt bin ich also zurück und eine Flut des altbekannten Neuen spült mich in die vorgefertigten Mosaike des deutschen Alltags. Doch eigentlich habe ich, zu mindestens hier, ja noch gar nicht geendet. Das Beste, nämlich, habe ich bis zum Schluss aufgehoben. Das größte Ereignis, mit der meisten Tragweite. Also nehme ich euch noch einmal mit, hinaus in die Wildnis am anderen Ende der Welt…

 

Es ist die erste Märzwoche, vier Uhr morgens. Unser Campervan steht nur fünf Meter vom Donnern der Wellen entfernt. Während der Wecker schrillt, reiße ich die Augen auf. Es ist soweit. Wir müssen los. Draußen ist es stockfinster, und als ich die quietschende Schiebetür öffne, weht mir ein eisiger Wind um die Nase. Es wird langsam Herbst, hier in Neuseeland. Bibbernd schlüpfe ich in die wärmste, verfügbare Kleidung, ziehe mir die Mütze tief ins Gesicht und krame Müsliriegel und Wasserflasche aus den Untiefen des Wagens. „Was hab ich mir nur gedacht?“, geht es mir durch den Kopf. „Warum hab ich da schon wieder zugesagt?“. Mein Herz schlägt bis zum Hals, mein Magen ist flau. Ich registriere erste Anzeichen von Panik. Ein Seitenblick zum kaum erkennbaren Ozean: Da muss ich jetzt raus. Mir wird schlecht. „Na, schon aufgeregt?“, fragt Dave gut gelaunt. Ist ja klar, der Typ hat wohl vor nichts Schiss. „Alles bestens!“, heuchele ich hüstelnd.

Kayak befestigt, Stühle und Tische eingepackt und schon fahren wir, noch immer in kompletter Dunkelheit, die sandige Straße zurück ins nächstgelegene Dorf. Wir befinden uns in Kaikoura – der von Erdbeben stark ramponierten Küstenstadt im Norden der Südinsel Neuseelands. Schließlich kommen wir vor einem spärlich beleuchtetem Gebäude zum stehen, steigen aus, greifen unseren Drybag und marschieren über die Straße. Wir sind pünktlich. Eine geschäftig wirkende Dame in marineblauem Poloshirt und dazu passendem Cappi begrüßt uns freundlich. Sie hält unsere zwei Ausweise in die Luft und nickt dann in die Richtung einer Tür. Dort hinten seien die Umkleiden, dann käme das ‚Securtiybreefing’ und dann ginge es auch schon los. Als ich meine Karte entgegennehme, ist meine Hand schweiß nass. Nach und nach treffen weitere Touristen ein, die alle entspannt, fröhlich und extrem gelassen scheinen. Ich seufze. Hilfesuchen will ich Daves Hand ergreifen, doch dieser ist schon verschwunden und ich stehe plötzlich allein in dem Fensterlosen Raum. „Whats your size?“, werde ich kurz gefragt und noch bevor ich antworten kann, wird mir ein Neopren der Stärke 7,5, eine Taucherbrille, Flossen und eine gefährlich aussehende Sturmhaube an den Leib gehalten. Dann werde ich in eine Sammelumkleide geschoben. „Jetzt geht es also wirklich los!“, stelle ich nüchtern fest. „Verdammt“. Dabei klang in dem Flyer noch alles so nett und ungefährlich. Es wäre die reinste Freude, haben sich gesagt. Ich werde es nicht bereuen, haben sie gesagt… Wenigsten muss niemand leiden, sinniere ich. Abgesehen von mir …

 

In voller Montur, zitternd vor Angst und bedeckt mit kaltem Schweiß sitze ich erneut in einem Fensterlosen Raum und sehe mir das Sicherheitsvideo an. Als mir bewusst wird, wie sich das ganze abspielen wird, ziehe ich es ernsthaft in Betracht noch schnell abzusagen. Geld hin oder her, dort auf der Leinwand zeigen sie meinen schlimmsten Alptraum (Vom Sterben der Familienmitglieder mal abgesehen). Allgemeines Rumpeln und Stühle rücken reißt mich aus dem beginnen Albtraum. Die Menschentraube bewegt sich träge in Richtung Ausgang und watschelt mit nackten Füßen zu dem bereits wartenden Bus. Es ist nun sechs Uhr morgens und noch immer ist kein Sonnenaufgang in Sicht. Leise und fast andächtig sitzen die jungen Leute in unserem Bus auf ihren Plätzen, werfen ihre Blicke aus den Seitenfenstern und hören den erneuten Sicherheitsaufzählungen unseres Coach’s zu. Schließlich sind wir am Hafen angekommen. Ich erblicke ein kleines bereitstehendes Motorbot. „Letzte Chance Clara! Jetzt kannst du noch kneifen ohne dass es super peinlich wird!“, sage ich zu mir selbst. Doch entgegen aller inneren Stimmen schreite ich wie in Trance auf das Boot zu, klettere die kurze Leiter hoch und finde mich fast apathisch sitzend auf einer der kleinen Bänke wieder. Wenigstens ist Dave jetzt neben mir. Meine panisch anschwellende Stimme fleht ihn, in Kombination mit einer festgekrallten Hand an seinem Unterarm, an: „Du darfst nicht von mir weg, und du musst bei mir bleiben! IMMER!“

Dave nickt und lächelt und drückt mich. „Das wird schon!“, wirft er mit etwas flapsig entgegen. Mir ist sämtliches Lachen vergangen.

 

Mit lautem Motorengeheul und ordentlich Fahrtwind im Gesicht nehmen wir Kurs auf den offenen Ozean. Schwarz, unheilvoll und voller Gefahren klatscht das Meerwasser an den Bug. Im trägen Brei meiner von Angst verzerrten Gedanken versuche ich mir die folgenden Stunden so neutral wie möglich auszumalen. Ich werde ins Wasser springen, in den offenen Ozean. Ich werde extrem weit vom Land entfernt sein, werde mit meiner Taucherbrille in die Tiefe blicken und mich auf alles gefasst machen müssen. Jetzt ist mir, als müsse ich mich wirklich übergeben. Langsam tauchen am Horizont die ersten Strahlen eines rot orangen Balls auf und geben mir ein klein wenig Hoffnung. Unser Coach erzählt derweil begeistert über die örtlichen geographischen Begebenheiten. Wir befänden uns nun direkt über einem seht tiefem Canyon Graben, der eine Verbindung zur Tiefsee schaffe und über den auch alle möglichen Tiere der Tiefsee in die Bucht fänden. Nun wünschte ich, ich würde kein Englisch verstehen. Bilder von Seeungeheuern, riesigen Schlingpflanzen und einem nicht entrinnbaren Sog in die Tiefe tauchen vor meinem Inneren auf. Mühsam erinnere ich mich an Atemtechniken zur Stressbewältigung in meiner Ausbildung. Es scheint nicht zu klappen. Gerade kreischt unser Coach förmlich euphorisch, dass wir einen riesigen Clan von bis zu 500 Tieren gefunden hätten. Das Boot kommt zum Stillstand und mein Herz gleich mit. Nun bricht plötzlich eine geordnete Hektik aus. Alle springen von den Bänken auf, zerren die Brillen auf ihre Gesichter, recken die Actioncameras in die Höhe und laufen unbeholfen zum Ende des Bootes. Schon stehe auch ich in der Reihe und weiß: jetzt ist alles vorbei. Es wird nur noch wenige Millisekunden dauern bis ich meiner größten Angst face to face ins Gesicht blicke. Unser Boot nimmt wieder Fahrt auf, ich stehe am Heck. Vor mir sitzt Dave und springt ins Wasser. Dann bin ich an der Reihe. Panisch versuche ich Dave im Blick zu behalten, doch der ist schon knappe sieben Meter entfernt. Ich nehme allen Mut zusammen den ich besitze, halte die Luft an und springe ab. Eiskaltes, tiefdunkles Wasser empfängt mich. Mein Herzschlag verdreifacht sich, meine Atmung gerät ins Stolpern und ich habe das Gefühl gleich ohnmächtig zu werden. Ich möchte Schreien, doch das Mundstück und die dadurch benötigte Luftzufuhr hindern mich. Dumpf erinnere ich mich an die Worte des Coachs: Immer nach unten blicken und die Umgebung im Blick behalten. Während meine Beine einen Turbo in Daves Richtung einlegen, bleibt mein Gesicht starr nach unten mit weit aufgerissenen Augen gerichtet und blickt in unendliche, schwarze Tiefe. Trotz des kalten Wassers, meine ich zu schwitzen und gehöre nun zu der Gruppe Menschen die schon mal eine Panikattacke erleben durften.

 

An dem Rand meines Gesichtsfelds tauchen rasend schnell Silber-schwarze Silhouetten auf. Plötzlich ist Dave neben mir und nimmt fest meine Hand. Meine Atmung ist noch immer außer Kontrolle, doch seine Anwesenheit zwingt mich zu klaren Gedanken. „Jetzt bist du hier Clara, jetzt mach was draus und stell dich deiner Angst!“, schärfe ich mir ein. Und dann bewege ich meine Augen weg von der unergründlichen, schrecklichen Tiefe unter mir und blicke auf das was mich umgibt. Ich schwimme mitten in einer riesigen, wild lebenden Delfinfamilie, draußen auf dem offenen Ozean. Ganz dicht und scheinbar ohne Scheu kommen die Tiere in enormer Geschwindigkeit auf mich zu, schwimmen um mich herum und sehen mir tief in die Augen. Es sind unglaublich viele. Nach und nach halte ich mich zwar noch immer krampfhaft an Dave fest, doch es wird besser. Ich schwimme Hand in Hand mit ihm ein wenig herum und stelle staunend fest, wie schön, wild, grazil und doch machtvoll diese Tiere sind. Und wie unglaublich wunderbar es ist, dass kein Netz, kein Anfüttern, kein einziger Zwang, von Menschenhand ausgeführt diese Tiere dazu verleitet hier zu sein. Sie kommen freiwillig, sie haben Interesse und sie sind trotz ihrer Schnelligkeit ganz behutsam.

Ein lautes Sirenengeräusch holt uns zurück auf das Boot und wir fahren ein Stück weiter. Als ich wieder am Heck stehe und vom fahrenden Boot springen soll, bin ich schon mutiger und gewillt diesmal die Sache aktiv zu gestalten. Unser Coach hat uns erklärt, dass wir, entgegengesetzt zu den meisten Begegnungen von Mensch und Tier, diesmal wir, die Menschen, für die Bespaßung der Tiere zuständig seien. Sie würden Geräusche lieben und Tauchkünste. Mutig schwimme ich also ein Stück von Dave weg und fange an eine Melodie zu summen. Die Sonnenstrahlen fallen nun weich durch das dunkle Blau und lassen die Tiere in einem noch schönerem Licht erscheinen. Viele haben großflächige Narben auf dem Rücken und einige haben noch ihre kleineren Babys dabei. Immer weiter summend und Wasser tretend habe ich mich ein gutes Stück von der Gruppe entfernt, selbst staunend darüber nicht erneut in komplette Panik zu zerfallen, als plötzlich ein Delfin auf mich zu schwimmt. Er kommt bis auf 15 cm an mich heran, schwimmt um mich herum und sieht mir in die Augen. Ich summe nun etwas lauter und schwimme ihm hinter her. Er dreht um, dreht Pirouetten und scheint auf etwas zu warten. Ich drehe mich im Kreis, nehme all meine Kraft zusammen und versuche mit dem ultradicken Neopren das Ding der Unmöglichkeit: Ein Stück herunter tauchen. Ich komme einen kläglichen Meter, bevor ich wie eine Boje wieder an die Oberfläche ploppe. Doch das Tier scheint gefallen gefunden zu haben und gibt Piepstöne von sich. Ich singe nun und gemeinsam drehen wir unsere Runden im tiefen Blau. Plötzlich gesellen sich auch Dave und ein weiterer Delfin dazu und wir haben eine wirklich spaßige und einmalige Zeit. Als wir zum Boot zurück gerufen werden, folgen uns unsre neuen zwei Freund bis zum Einstieg und scheinen sich ernsthaft verabschieden zu wollen.

So kläglich sieht der Versuch abzutauchen auf diesem Bild gar nicht aus. Eher grazil und äußerst geschmeidig würde ich sagen.

Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen die Wasseroberfläche und lassen die Szenerie in einem völlig neuen Licht erstrahlen.

Eine der Lieblingsbeschäftigungen der Delfine: Sie schwimmen extrem nah und extrem schnell in kleinen Kreisen um einen herum und schauen, ob man mit ihnen mithalten kann. Nach mehreren Durchläufen dieses ‚Spiels‘ ist mir allerdings schwindelig, leicht schlecht und ich bin völlig außer Atem und benötige eine kurze Verschnaufspause an der Wasseroberfläche. Also schwimmen die Delfine weiter und suchen sich den Nächsten, der sich für sie zum Affen macht.

Wieder an Board ist alle Angst vergessen, Erschöpfung und das Gefühlt etwas einmaliges unglaubliches erlebt zu haben macht sich breit. Die Sonne ist nun aufgegangen, taucht alles in rotes Licht und zeigt uns wie einzigartig Gott die Natur gemacht hat. Völlig ermattet setze ich mich triefend nass auf die kleine Bank, als unser Coach ein letztes Mal euphorisch zum Mikrophon greift. Er deutet links vom Boot auf die unruhige Wasseroberfläche. Und dann sehen wir ihn tatsächlich. Den mächtigen Rücken eines Buckelwals. Begleitet von aus dem Wasser springenden Delfinen, pustet er geräuschvoll seine Verbrauchte Luft empor und versetzt alle Anwesenden in sprachloses Staunen. Normalerweise, wären diese Tiere gar nicht hier, zu dieser Jahreszeit, an diesem Ort, so unser Coach. Es sei eine einmalige, bisher noch nicht vorgekommene Sache!

Fix und fertig blicke ich auf das offene Meer, ergriffen, dankbar und auch tief berührt. Ich hab mich meiner Angst gestellt, und wurde reich belohnt. Jetzt kann ich wirklich nach Hause…

 

Während wir schon wieder Richtung Hafen düsen folgen uns einige Delfine, springen aus dem Wasser, schlagen Saltos, klatschen mit ihren Flossen oder überholen uns einfach mit spielender Leichtigkeit.

Die Akrobatik der Delfine ist einfach unglaublich, wobei der Rückwärtssalto wohl die anspruchvollste Übung sein mag.

Eine Möwe. Und tschüss.

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