18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Weißer Sand und Kriegsschiff

Es ist grün, es ist warm. Der Duft von unzähligen Blumen liegt in der Luft und jeden Tag besuchen uns Papageien auf der Terrasse. Ein schöneres Sommerwetter könnten wir nicht haben. Es ist nicht zu heiß und auch nicht zu kalt. Tägliche Spaziergänge in der Abendsonne mit Bosun und Bella versetzen uns immer wieder ins Staunen. So weich liegen die sacht bewaldeten Hügel am Horizont und so neugierig sind wir jedes mal von kleineren und größeren Kängurus umgeben. Sirrend fliegen Bienen und Fliegen umher und die Art wie ein Kakadu im Gras sitzt und an einem Halm knabbert, bringt mich immer wieder zum schmunzeln.

So gehen die Tage also ins Land und wir genießen jeden einzelnen davon. Ab und an, fahren wir auch  einmal ein Stück mit dem Auto. Heute zum Beispiel. In Richtung Jervis Bay an der Ostküste. Schlappe dreieinhalb Stunden liegen vor uns, doch wir sind mit selbstgemachten Sandwiches, Müsliriegeln und Äpfeln sowie einem Hörspiel gut vorbereitet. Australien ist halt einfach riesig. Während an meinem Fenster abwechselnd Nadelbäume und Graslandschaft vorbeisaust lausche ich konzentriert der Geschichte über einen transilvanischen Bauernjungen, der seine Familie verloren hat. Die Sonne scheint in ihrer vollen Pracht und lässt die weißen Wölkchen einen herrlichen Kontrast zum blauen Firmament bilden. Langsam geht die große Straße in eine mit Pappeln gesäumte Allee über und wir fahren durch einen kleineren Ort bis wir schließlich da sind. Die Picknicktüte und die Kamera umgehängt laufen wir die letzten paar Schritte und hören schon das leise Gluckern des Meeres. Meine Füße betreten strahlend weißen und sehr weichen Sand. Unglaublich fein, rieseln die Sandkörner über meine Zehen und ein quietschendes Geräusch entsteht bei jedem Schritt. Türkis-blau spült das Meer die Wellen auf die braunen Steinformationen und ein paar Möwen fliegen kreischend umher. So habe ich mir immer einen Nachmittag in Kalifornien am Strand vorgestellt. Wir breiten unsere Handtücher in einem schattigen Eckchen aus und – fangen an zu streiten. „Natürlich, wie hätte es auch anders laufen können“, geht es mir wütend durch den Kopf. Eigentlich gibt es gar keinen Grund, und genau weiß ich gar nicht warum ich jetzt so boshaft denke und Dave so gereizt reagiert. Während die anderen Badegäste lachen und kreischend durchs Wasser hüpfen sitzen wir nur im Schatten und keifen uns mit grimmigen Gesichtern und gesenkter Stimme an. Argumente, Vorwürfe, Selbstmitleid wandert hin und her und hinterlässt seine Spuren. Schließlich wird es Dave zu bunt und er lässt mich mit den Worten: „Mach doch was du willst!“ sitzen. Doch etwas hat sich verändert. Zum ersten Mal ist es nicht eskaliert, ich weine nicht und die altbekannte, grauenhafte, alles logische Denken raubende Panik setzt nicht ein. Ich sitze alleine am Strand und bin ruhig. Ein völlig neues Gefühl, ein Triumph, einer sehr tief sitzenden Angst nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Ich betrachte das Dilemma völlig logisch und weiß: Dave wird zurück gekommen, er wird mich nicht alleine lassen. Ich bete, und bitte Gott er möge mir zeigen was genau jetzt schon wieder zwischen uns steht. Nach relativ kurzer Zeit und früher als erwartet stapft ein grimmiger Dave zurück. Mein Herz macht einen Satz. Gott sei Dank, er ist zurück. Erneut sitzen wir nebeneinander und versuchen zur Wurzel des Problems zu gelangen. Stück für Stück erarbeiten wir uns Klarheit. Und dann ist es klar. Obwohl Dave nicht mehr raucht, steht das Problem immer noch zwischen uns. Mehr seine Einstellung zu dieser Angelegenheit, lassen mich mehr in Angst als in Lob um ihn herum leben. Zu Recht meint Dave, er fühle nicht, dass ich sonderlich stolz auf ihn wäre, obwohl er nun schon so lange nicht mehr geraucht hätte. Nie würde ich etwas sagen, und alles was er mache würde mir nicht genügen. Ich nicke, versuche Verständnis zu zeigen und ihm trotzdem meinen Standpunkt klar zu machen. Seine Aussagen: „Joa.. nächste Woche werde ich schon mal wieder eine Zigarette rauchen!“ und „Also dass ich nie mehr rauche, kann und werde ich dir auch nicht versprechen!“, trägt nicht gerade zu mehr Vertrauen bei. Ich begreife, dass er mir nichts versprechen will, was er nicht halten kann und doch macht es mich stutzig dass er sich offensichtlich immer ein Hintertürchen für diese fürchterliche Sucht aufhalten will. „Eine Zigarette die Woche schadet doch niemanden und davon fange ich auch bestimmt nicht wieder an!“, argumentiert er.  Ich kontere mit dem Wissen über abhängig machende Substanzen, auslösenden Triggern, sowie all meiner Erfahrung von Rückfällen durch lapidares Angehen des Problems. Wieso kann er in diesem Punkt nicht eine klare Linie ziehen? „Vielleicht weil ich mit strengen Regeln keine so guten Erfahrungen gemacht habe und ich da irgendwie sehr empfindlich bin“, gibt er zögernd zu. So rudern wir beide zurück, sehen des anderen Situation aus neuen Blickwinkeln und finden schließlich eine Lösung. Ich muss wertschätzen was gerade im Moment passiert und darf mir nicht so viele Gedanken und Sorgen über in der Zukunft liegende Monate und Jahre machen. Und auch Dave gesteht ein, dass er sich vielleicht ab und an überschätzt, er auf mich hören will und bestimmte Situationen mit mehr Sorgfalt angeht.

Als wir uns endlich glücklich anstrahlen,  hat sich die Sonne hinter dicken Wolken versteckt und ein frischer Wind zieht auf. Wir beschließen, uns auf zu machen und einen Strandspaziergang an der Küste zu unternehmen. Hand in Hand laufen wir über von Wasser ausgehöhlten Stein und biegen schließlich um eine Kurve. Wir bleiben stehen und genießen den unglaublichen Anblick eines komplett leeren, riesigen weißen Strandes. Das Meer scheint hier noch blauer zu sein und als ob Gott uns zulächeln würde, schiebt sich in diesem Moment die Sonne hinter den Wolken hervor und taucht alles in goldenes Licht. Dünnes, dunkles Dünengras wächst vereinzelt aus dem Boden. Erneut breiten wir unsere Handtücher aus und genießen nun die letzten Stunden aus vollem Herzen. Es ist so warm, dass wir sogar im Meer baden und lachend am Strand entlang laufen. Mit Sand im Haar und Salz auf der Haut fallen wir schließlich auf unsere Handtücher zurück und verzehren unsere letzten Snacks. Am Horizont läuft gerade ein Kriegsschiff aus…

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