18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Von der Tiefe des Meeres

Wir verlassen die Insel Siquijor und machen uns auf die Reise nach Bohol. Dort soll es einige interessante Hügel geben, ganz ganz kleine Äffchen und außerdem liegt es geographisch gesehen auch auf unserem Weg zurück nach Manila. Eine lange Fährenfahrt über das Meer später, steigen wir am Port von Tagbilaran wieder auf festes Land.  Wir hiefen unsere Rucksäcke auf die Rücken und bahnen uns einen Weg durch die sich ständig aufdrängenden Einheimischen. Ob wir schon eine Unterkunft hätten, er habe den besten Preis. Hier sollen wir uns doch setzen und erst einmal was essen. „No thank you, we already have somebody!“, geben wir gefühlte 100 mal zurück, aber die guten Männer lassen sich davon nicht beirren. Endlich sind wir ein Stück ab vom Schuss und setzen uns leicht erschöpft auf den Bordstein als schon wieder jemand auf uns zu läuft. Doch diesmal ist es kein Erwachsener, sondern ein kleines ca. 6 jähriges Kind. Die Haare sind stumpf und fransig, die Kleidung zerrissen, die Haut stehend vor Dreck. Es sieht mich mit großen Augen an und hält bittend die Hände vor. Wir alle sagen gar nichts, und ich kann dem durchbohrenden Blick des kleinen Mädchens nicht standhalten. Verlegen gucke ich auf den Boden. Ich würde ihm so gerne sofort etwas in die Hand drücken, doch Geld wird das Kind nur abgeben müssen und somit würde ich dieses organisierte Betteln nur noch unterstützen. Die Tatsache, dass es überhaupt soweit kommen muss, dass Erwachsene Kinder zwingen betteln zu gehen, macht mich ganz still. Während sie immer noch bittend und murmelnd mit starrem Blick vor mir steht, bemerke ich noch andere Kinder, die gezielt auf Touristen und Erwachsene zu gehen, sich sogar an fahrende Autos heften und betteln. Als unser Taxi kommt, stehen wir auf und lassen das Mädchen zurück. Mit meinem Handy in der Hand und dem Wissen um Laptop und Camera im Rucksack, habe ich mich nie beschämter gefühlt. Der Blick des Kindes bohrt mir förmlich ein Loch in den Rücken und stürzt mich in tiefes Grübeln über die Gerechtigkeit dieser Welt.

Dankbarkeit überkommt mich. Es ist ein Vorrecht in Deutschland geboren zu sein. So viele Chancen in meinem Leben, die ich für selbstverständlich nehme und von denen Kinder und Erwachsene in anderen Ländern nur träumen. Und ich beschwere mich über die Länge und Form meiner Beine? Dass ich lieber blonde Haare hätte als braune und warum man auf Instagram nicht sonderlich viele Klicks bekommt. Was ist das für ein Luxusleben, dass ich führe? Und das ich gar nicht bemerke. Wie nichtssagend sind eigentlich meine Probleme? Während der Autofahrt zu unserer Unterkunft nehme ich mir vor, meine Gedanken noch mehr zu fokussieren. Das wichtige und wahre im Leben zu erkennen, dankbar zu sein. In allen Dingen. Und Chancen wertzuschätzen.

Ana, unsere Fahrerin macht vor ihrem Haus halt und zeigt uns mit stolzer Geste das Gebäude dass sie und ihr holländischer Mann vor einigen Jahren gebaut haben. Es ist ein vier stöckiger Turm mitten im Palmenwald der Insel Panglao. Von der Dachterasse aus könnte man über den ganzen Wald und das Meer blicken, lächelt sie und führt uns in unser großes, herrlich sauberes Zimmer. Wir genießen die warme Dusche, die Möglichkeit endlich wieder eine Klospülung betätigen zu können, weiche Kissen und saubere Laken.

Beim Abendessen lernen wir ein anderes, deutsches Pärchen kennen und buchen zusammen eine Tour für den nächsten Tag.  Timo und Norma haben schon einige Erfahrungen im Tauchen und schlagen einen Bootstrip auf eine Insel mit super Korallenriff vor. Mientje und Dave sind gleich ganz aus dem Häuschen, können wir hier vllt den verpassten Apo-Island Trip nachholen. Gesagt getan, am nächsten Morgen steigen wir alle pünktlich um neun Uhr auf das knatternde Fischerboot eines Einheimischen und stechen in See.

Wieder ist das Wasser atemberaubend blau. Die Sonne strahlt, ich lasse meine Hand durchs Wasser gleiten und bestaune die Schönheit des Meeres. Als wir an der Insel anlegen, werden wir direkt wieder von Einheimischen bedrängt. Wir sollen Eintritt zahlen, und Touren buchen. Einen Life Guard würden wir auch benötigen, der uns drei Meter ins Wasser rausfährt und dort auf uns aufpassen würde. Sie nennen uns happige Summen und als klar wird, dass wir dass nicht zahlen wollen, bieten sie uns ’special prices‘ an. Damit ist klar, dass dies keine öffentliche Gebühr ist, und jeder nur Geld abgreifen will. Wir entfernen uns von den wütenden Männern und Frauen ein Stück und laufen an dem plötzlich ganz still gewordenen weißen Sandstrand entlang. Das Wasser glitzert in der Sonne und lädt uns ein seine Tiefen zu erkunden. Alle stürmen voraus, während ich vorerst am Ufer zurück bleibe. Ich habe Respekt vor diesem Riff, diesem tiefen Blau. Dieser Unterwasserwelt, in der ich nur Besucher sein darf uns somit nicht im Vorteil bin. Irgendwann traue ich mich dann doch, schnappe mir Maske, Schnorchel und Flossen und springe mutig hinein. Ganz dicht schwimme ich über abgestorbene Korallen und kleine Fische. Zwischen den Steinen liegen Seesterne, und Igel. Meine Gruppe ist weit draußen, direkt am Riff und ich schwimme wie ein Weltmeister um sie möglichst schnell zu erreichen. Hektisch gucke ich mich um, ob von irgendwo her vielleicht doch etwas größeres ankommt, doch ich bin allein in den Weiten des Ozeans. Nach langen Minuten habe ich es geschafft und stoße zu Dave. Zwischen mir und dem Grund liegen bereits zehn Meter, doch das Wasser ist so klar dass ich alles erkennen kann. Bevor ich  mich versehen kann, nimmt Dave meine Hand und zieht mich weiter. Er zeigt aufgeregt auf eine Stelle vor mir, und da schwimmt sie. Eine riesig große Wasserschildkröte. Elegant hebt sie ihre Flossen und gleitet vorüber. Dave nickt mir zu, und ich weiß: Jetzt oder nie. Ich hole tief Luft und tauche auf die Höhe des großen Meeresbewohners ab. Nur ein Meter liegt zwischen mir und der Schildkröte und gemeinsam schwimmen wir durchs schönstes blau. Mir geht die Puste schneller aus als ihr, und so trennen sich unsere Wege und ich blicke ihr nach.

Meine Angst löst sich immer mehr und wir verbringen viele Stunden mit dem Betrachten dieser schönen Natur. Fische in allen erdenklichen Formen und Farben sagen uns fröhlich ‚Hallo‘, Muränen und Seegurken liegen zwischen den Korallen. Fischschwärme ziehen vorüber und hier und da tauchen Schildkröten auf. Sogar ein Druckerfisch verbreitet ein wenig Angst und Schrecken. Und dann ist der Moment gekommen, an dem ich mich traue, ein Blick über die Kante der Insel zu werfen. Mutig schwimme ich bis zum Rand und werfe meinen Blick in die Tiefe. Senkrecht fällt der Fels ab, ist überwuchert von bunten Korallen und endet in gähnender schwarzer Leere. Eiskalte Schauer laufen mir über den Rücken und ich paddle schnell zurück. Und doch zieht mich die Tiefe an, und ich riskiere noch einen Blick. Ich stelle mir vor, wie lautlos aus dem Nichts ein riesiger Hai empor taucht und mich mit seinen kleinen Augen kalt ansieht. Ich habe dann doch genug und paddle zu Dave, um mich an ihm fest zu halten. Hand in Hand tauchen und schwimmen wir mit den Meeresbewohnern und schließen diese Erinnerungen ganz tief in uns ein … doch was sind schon Worte wenn man euch direkt mit unter die Wasseroberfläche nehmen kann. Ob Dave den Angriff überlebt hat… werdet ihr nur erfahren, wenn ihr das Video in HD seht, und bestmöglich gute Kopfhörer oder Boxen anschließt…

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