18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Siegreiche Unterbrechungen

Wärme. Sehr viel Wärme. Das wird mir als erstes bewusst, als ich heute die Augen aufmache. Ich japse ein wenig nach Luft und reiße in Windeseile die Schiebetür auf. Eine Hitzewelle entweicht dem Auto. Es ist noch früh am Morgen, doch die Sonne gibt bereits ihr Bestes. Ich befreie mich von den Lagen an Decken, krabbele wie ein Käfer unter einem Laubhaufen hervor und strahle. Zum Frühstück gibt es Grießbrei mit Rhabarbermus. Die roten Stangen haben wir vor zwei Tagen kostenlos in einem fremden Gemüsegarten mit der auf einem Schild stehenden Aufschrift: „Take what you need“ und einer Bibelstelle, geerntet. Dann eingekocht und mit Zimt und Zucker verfeinert. Ein herrlicher Genuss. Gut gelaunt und ausgeschlafen, mit Sonnenschein am Himmel und Hummeln im Hintern sind wir zu allem bereit. Direkt neben unserer Schlafstätte gründet eine sehr alte Brücke über einen breiten Fluss. Die gleiche, auf der wir nachts standen und die Sterne bewunderten und auf der Dave sich noch weitaus länger aufhielt. Die schwarzen Wolken am Horizont ignorierend wird beschlossen endlich mal wieder unser Kayak einer Bestandsprobe zu unterziehen. Jenny und Jojo bieten sich an unser Auto ein paar Kilometer Flussabwärts zu parken und das Unterfangen ist beschlossene Sache. Westen an, Paddel in die Hand und Wasserflasche im Gepäck- schon sitzen wir in den blauen Fluten. Das wird ein Spaß! Dachten wir. So ein paar Kilometer Flussabwärts- da treiben wir nur so dahin! Dachten wir.

20 Kilometer durch gerudert mit Gegenwind und Stromschnellen waren dann doch weniger spaßig als anstrengend. Gezofft haben wir uns natürlich auch, weil ich nicht gut genug gepaddelt und obendrein nicht richtig zugehört hab. Nach ein paar lauten Worten, wilden Gestikulationen, einem Gebet und Entschuldigungen tauchen nach endlosen 120 Minuten endlich Jojo und Jenny in ihren Stühlen am Ufer auf. Wir sind fix und fertig. Mit schwachen Schritten und schmerzenden Armen torkele ich, trotzdem ziemlich glücklich, auf unser Auto zu und lasse mich in die Kissen fallen.

Dave bereitet für seinen niedrigen Blutzucker derweil eine Kalorienbombe aus Weißbrot, Erdnussbutter und Marmelade zu. Die durch die Luft fliegenden Krümel und seine Schmatzgeräusche bringen mich zum Grinsen.

Hochkonzentriert und voll fokusiert widmet er sich der Zubereitung seiner wohlverdienten Mahlzeit.

Inzwischen ist es schon Nachmittag geworden. Eine kleine Konferenz über der zerknitterten Karte ergibt, dass wir kurz vor dem Sagenumwobenen Milford Sound sein müssen. DAS absolute Highlight, wenn man Reiseführern vertraut. Bevölkert von zahlreichen Touristen, durchschifft von Katamaranen und fast durchgehen von Regenwolken umgeben. Es will also gut überlegt sein: wann wird wo geschlafen, was nennt man eine gute Wetterfront und wie entgeht man der Kakophonie des japanischem Geknipse?

Wir beschließen erst mal in den Gebirgszug hineinzufahren, ganz pragmatisch und plausibel.

Alle steigen in die Autos und wir fahren los. Exakte und genau überlegte zehn Meter. Dann steigt Jojo wieder aus. „Ob er schon wieder eine Zigarettenpause braucht?“, frage ich mich mit leiser Genervtheit und bereue meine Gedanken sofort wieder. Mit ernstem Gesichtsausdruck kommt er an unser Autofenster und fragt ob wir ein Abschleppseil haben. Haben wir nicht. Eine Kette mit Haken? Auch nicht. Nun steigen alle wieder aus und besehen sich die Situation aus nächster Nähe. Abseits des Feldwegs, versteckt unter dichten Grasbüscheln hängt das rechte Vorderrad des Honda Odyssey’s frei drehend in einem riesigen Loch. Die schwarze Schürze unliebsam zusammengeknautscht. Um ehrlich zu sein- es sah nicht gut aus. Wir waren mitten im Nirgendwo, weit abseits einer vielbefahrenen Straße, ohne Seil oder Gurt mit freidrehendem Reifen.

Was bleibt ist pure Manneskraft und Unterstützung von oben. Mit der Aufgabe bedacht, den Rückwärtsgang einzulegen und Gas zu geben, steige ich ins Auto. Mir entgegenblickend, drei festentschlossenen Gesichter mit Händen auf der Motorhaube. Ich sende ein Stoßgebet gen Himmel und sage, mehr zu mir selbst: „Jesus, das musst du jetzt machen!“. Ich gebe vorsichtig Gas. Durchdrehendes Reifengeräusch zu meiner linken ertönt. Verschwitzte, rotgesichtige Köpfe vor mir und die Gewissheit, dass es jetzt klappen muss. Mehr Gas, Stöhnen von vorne und plötzlich ist das ausweglose Unterfangen geglückt. Mit einem Ruck, fährt der Wagen zurück. Jubel und erleichtertes Lachen, Danksagungen und an den Hosen abgewischte Hände. Ein letzter Blick auf die Frontschürze- nicht ein Kratzer ist geblieben…

Auf dem Weg zum sagenumwobenen Milford-Sound!

 

Unsere letzte Möglichkeit vor Milford-Sound zu übernachten. Ein herrliches Panorama und noch die letzten Sonnenstrahlen. Besser geht es nicht. 13$ pro Person, kein fließend Wasser und nur zwei Plumsklos für ca 200 Backpacker… Ganz schön happig, aber was bleibt einem schon übrig…

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