18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Schon wieder kein Tagesbericht

Also gut, durch all eure zahlreichen Kommentare, Liebesbekundungen und stillen Meldungen, dass ihr noch da seid, will ich weiter berichten. Voll Freude über eure Anwesenheit da draußen, so weit weg. Ihr habt mich zum Strahlen gebracht, zum Schmunzeln und mir das Herz erwärmt. Zu kitschig? Dieses eine mal ist es ok. Für wen wenn nicht für euch ?
Wo war ich also stehen geblieben? Richtig, noch immer befinden wir uns am untersten Zipfel der Weltkarte, auf der Südinsel Neuseelands, langsam die Westküste entlang hochkrauchend…

Dann übernehme ich wohl den Part und berichte kurz, was sonst so passiert ist: Das ist ein Pfau. Kein ganzer zwar, aber besser als nichts.

Man mag es sich schwer vorstellen, doch dieser Landstrich ist noch dünner besiedelt als der Rest der Insel. Manchmal tauchen Warnschilder auf, dass für die nächsten neunzig Kilometer keine Tankstelle mehr kommt und es gibt nur noch eine befahrbare Straße. Entlang grün bewachsener Hügel und schroffen Felsklippen. Begleitet von kreischenden Möwen und Schwärmen von Sandflys. Niemand wohnt hier und nachts bekommt der Begriff ‚Dunkelheit’ plötzlich eine ganz andere Tragweite. Heißer Sonnenschein geht minutenschnell in dunkle Wetterfronten über und kalter Wind überzeugt mich von der Notwendigkeit meiner Winterjacke. Mit der Mütze auf dem Kopf stehe ich dann manchmal mit einem ziemlich grimmigen Gesichtsausdruck auf einem Felsen oder sitze im hohen Gras. Kaue auf meiner Lippe herum und balle die Fäuste. Bekomme Schweißausbrüche und will einfach nur schreien. Warum ich das zugebe? Weil eben nicht alles eitler Sonnenschein ist, weil dies das reale Leben ist. Mit Höhen und Tiefen, und weil die Tiefen heutzutage niemand mehr zu geben will. Also stehe ich dort, in der einsamsten Natur, von Wind und Wetter umgeben und ringe mit mir selbst. Versuche mit größter Anstrengung mich nicht wie ein in Selbstmitleid badendes Arschloch aufzuführen und scheitere kläglich. Bin wütend auf mich selbst, dass ich nicht einmal meinen Kopf ausschalten kann. Es einfacher sehen, so wie scheinbar alle anderen um mich herum. Einfach mal dankbar und zufrieden sein. Nein, ich muss aus einer Mücke wieder einen Elefanten machen, kann meinen Ärger nicht hinunter schlucken und muss um jeden Preis meiner Stolzen Ader Platz machen. Ansprüche so hoch wie Wolkenkratzer. Natürlich nicht nur an mich. Weiß ja irgendwie, dass ich falsch liege und kann mich doch nicht auf das Wichtige fokussieren. Nämlich die Fakten. Zum Beispiel das Dave mich liebt und wir eigentlich doch eine Chance haben alt zu werden. Dass der einzige Grund der dagegen spricht, ich selbst bin, krampfhaft festhaltend an der Angst dass es doch nicht klappen könnte. Lieber die falsche Gewissheit umarmend, dass es niemals klappen wird. Und durch all die Wut fragt mich eine kleine Stimme, warum ich diese Angst nicht einfach loslasse. „Warum?“, schreie ich mich förmlich an. Weil sie die einzige ist, die ich kenne und viel leichter zu ertragen ist als das Ungewisse, das vor mir liegt. Das Wagnis das ich eingehe zu fallen, so tief wie noch nie. Und weil, wenn ich sie loslasse dort nichts mehr ist woran ich mich festhalten kann. Nichts Gewohntes, nichts Durchlebtes. Neuland – mit dem ich keinerlei Erfahrungen habe. „Also willst du lieber ein glückliches Ende von vorne herein aufgeben als es wenigstens zu versuchen?“, fragt sie mich erneut. „Es ist so viel einfacher lieber bei dem Bekanntem zu bleiben.“, gebe ich müde zu. So viel einfacher vor dem eventuell nahendem Schmerz weg zu laufen, ihn lieber zu umgehen und damit tausende glückliche Momente nie geschehen zu lassen. „Das ist pure Dummheit, gepaart mit absoluter Feigheit. Du läufst weg“, sinniere ich. Wieder einmal. Läufst du weg bevor es überhaupt richtig begonnen hat. „Angst ist ein schlechter Berater!“, wie oft habe ich diesen Satz schon irgendwo gelesen. Überhaupt, wie oft war ich schon an einem Punkt wie diesem… Ich kann sie nicht an einer Hand abzählen! Auch nicht an zwei. Schon gar nicht an fünf Händen. „Und jetzt?“, fragt es leise in meinem Kopf. „Was passiert jetzt? Gibst du nach? Rennst du weg? Nimmst du den nächsten Flug und ertränkst dich in Selbstmitleid?“
Ich möchte am liebsten ‚ja’ sagen. Male mir alles bis ins Detail aus, das Weglaufen, das sich Unsichtbar machen, das von allen Vergessen werden. Die Gewissheit wieder in ein altes Verhaltensmuster hineinfallen zu können gibt mir Sicherheit. Oder gaukelt sie mir das nur vor? „Lass dich nicht von deinen Gefühlen leiten“- ein Erinnerungsfetzen in meinem Kopf. Mama hatte mit diesem Satz schon damals vor vielen, vielen Jahren mehr als Recht. Begreife ich ihn erst jetzt?

Nach nur einer halben Stunde Fahrt vom letzten Campingplatz aus machen wir einen kleinen Spaziergang. Das sind Fliegenpilze. Einer relativ scharf im Vordergrund und einer etwas kleiner und ziemlich unscharf leicht nach links versetzt im Hintergrund.

Das ist ein Wasserfall 4 Sekunden lang belichtet bei ISO 100 Blende 10 und 18mm. Ich barfuß im Wasser, Kamera auf dem stativ und das ganze Bild dank dem benutzten Polfilter leicht unscharf. Danke Polfilter -.-

Ich richte mich auf, lege die Stirn in Falten und unwillkürlich spannen sich meine Muskeln. Dieses Mal nicht. Immer noch nicht und auch nicht das nächste Mal,-! sporne ich mich an, gebe ich auf! Ich biete der Angst die Stirn, schiebe meine Gefühle beiseite und besinne mich auf die Fakten. Ich will kein wedelndes Fähnchen im Wind sein, ich werde ein Leuchtturm sein. Auf Fels gebaut, allen Wettern trotzend und strahlend bis in die tiefste Nacht. Natürlich nicht von Heute auf Morgen, doch alles was da strandet und mich überschwemmt, wird für den Bau verwendet und wer mein Licht ist, das weiß ich auch. Ich will stärker sein, mit jedem Mal, bei dem ich der Angst ins Gesicht blicke und mutig genug bin, ihr nicht zu glauben. Mutig genug bin, nicht weg zu laufen sondern mit Kriegsgeschrei ins offene Feld zu laufen und an der ganzen Situation zu wachsen.

Zum Thema ‚die Westküste hochkrauchend‘: An einem Strand wollte ich unbedingt halt machen: Motukiekie-Beach. Schon auf Postkarten habe ich das Motiv gesehen. Allerdings ist dieses Motiv nur unter den für mich bisher schwierigsten Bedingungen festzuhalten. Direkt in Richtung Sonne. Von Extrem dunkel bis extrem hell ist alles in einem Bildausschnitt vorhanden. Ekliger Nebeldunst und keine Struktur im Himmel. Außerdem muss man schnell sein, da die Flut nicht lange auf sich warten lässt. Und zuguterletzt überall Sandflys und das Deethaltige Insektenschutzmittel verwende ich lieber nicht, da ich gehört habe, dass es Linsen bzw Photoausrüstung ruinieren kann. ‚Was solls‘ denke ich mir, ‚ob ich jetzt hundert oder zweihundert Bisse habe ist doch Jacke wie Hose.

Die anderen tummeln sich währenddessen treibholzsammelnd mit tausenden von Sandflys am Strand.

Aber alles in allem ein herrlicher Tag mit zumindest einigen Bildern und auf jeden Fall einer fetten Beute an unglaublich facettenreichem neuseeländischem Treibholz =)

Und ist nicht genau das, das reale Leben? Sind nicht genau solche Momente, die auf die man Jahre später stolz ist? Nicht eingenickt zu sein, und war der Stein noch so klein?
Ich weiß, nun habe ich schon wieder keinen Text über die Landschaft und die Tagesausflüge in Neuseeland geschrieben. Aber wie könnte ich auch, wenn mir dieses Land so ganz andere Sachen abverlangt, mich anschreit, mich allein mit mir selbst lässt und mich doch schließlich tröstend in den Arm nimmt. Diese Ehrlichkeit will aus mir raus. Muss niedergeschrieben werden um vielleicht doch den ein oder anderen zu ermutigen. Denn in unserem Herzen sind wir alle Krieger, die für etwas brennen und nichts und niemand hat das Recht diese Flamme zu löschen. Nicht mal man selbst.

Da wir uns nicht lange an der Westküste aufhalten (ihr erinnert euch: zu viele Sandflys), landen wir relativ bald schon am nördlichsten Punkt der Südinsel: Farewell-Spit.

 

Vor nicht allzu langer Zeit (ein paar Tagen) sind hier wieder einmal hunderte von Grindwalen gestrandet und zwei Drittel leider sogar vereendet. Als wir allerdings einen stundenlangen Spaziergang machen, ist dieser sich im Wasser spiegelnde Stock das Interessanteste, was ich sehe.

 

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