18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Sui-Slide

Unser Zeit auf den Philippinen neigt sich langsam dem Ende zu, doch einen letzter Tag steht uns noch bevor. Noch vor Sonnenaufgang erwachen wir in unserem Tower, verspeisen ein herrlich selbstgemachtes Frühstück von Ana, und schwingen uns dann in aller Hergottsfrühe auf die Mopeds. Es ist noch etwas frisch, eine willkommene Abwechslung nach der Hitze der letzten Wochen. Ich habe Dave’s Longsleeve an und meinen Schal um den Hals gewickelt. Immer wieder scheinen mich Dengue Fieber Symptome erneut einzuholen. Kurze Fieberphasen, Schwäche, extreme Bauchschmerzen und von der Verdauung will ich gar nicht erst anfangen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz werde ich liebevoll von Mientje und David umsorgt, und so ist alles nur halb so schlimm.

Durch die Palmen blitzen die ersten Sonnenstrahlen. Wir fahren an der Küste entlang, durch tiefe Wälder hindurch, vorbei an grünen Reisfeldern. Immer weiter führt der Weg ins Landesinnere. Noch vor acht Uhr morgens haben wir dann schließlich unser Ziel erreicht: die Chocolate Hills. 1268 Hügel breiten sich vor unseren Augen aus. Alle sind grün bewachsen und geben in ihrer Vielzahl ein eigentümliches Bild ab. Zu einer späteren Jahreszeit färben sich die Hügel braun, was ihnen auch ihren Namen einbrachte. Wir laufen auf eine der zentral gelegenen Halbkugeln hinauf und genießen ganz allein, und ohne Touristenansturm die Morgenstunden. Fotos werden geknipst, Dave und ich sagen wie lieb wir uns haben und Mientje muss durch den alltäglichen Kitsch. Bevor es auf der Plattform voll wird, sitzen wir bereits auf den motorisierten Zweirädern und erkunden den Weg bis zur nächsten Destination. Eine Affenreservat soll es sein. Jedoch keine gewöhnliche. Durch das angrenzende Waldstück des großen Hauses, führen kleine angelegte Wege und Mitarbeiter führen uns zu ganz bestimmten Stellen unter dem Blätterdach. Hier leben die kleinsten Affen Malaysias. Die Tarsiere. Wenn die kleinen Säuger auf die Welt kommen, sind sie gerade mal so groß wie ein Daumen. Bevor es auf Entdeckungstour geht, erhalten wir eine Einweisung und bekommen die Regeln erklärt. Tarsiere sind nämlich sehr empfindlich, werden sie von Geräuschen zu sehr gestresst, so hauen sie ihr Köpfchen gegen einen Stamm bis sie tot sind. Wir dürfen nicht mit Blitzlicht fotografieren und müssen genügend Abstand halten. Trotzdem bekommen wir ein paar Exemplare zu sehen und sind von ihrer Winzigkeit alle ganz verzückt. Sie haben dickes Fell und sehr große, sehr runde Auge. Eine Besonderheit dieser Tiere ist, dass sie ihre Augen nicht an der Seite haben, sondern wie wir Menschen vorne. Zum Ausgleich können sie jedoch ihren Kopf in jede Richtung 180 Grad drehen und haben alles im Blick. Ganz heimelig sitzen sie unter einem großen Palmblatt und sehen dich mit starrem Blick an. Erstaunlich ist auch die Tatsache über die Fortpflanzung, ganze sechs Monate ist das Weibchen schwanger und 80 Tage gewöhnt sie das Jungtier ab. Es läuft hier also alles ganz ohne Stress ab. Und das muss es auch, denn wenn die Tierchen erst einmal in Stress geraten, schlagen sie ihren Kopf bis zum Tode gegen einen Baumstamm oder ähnliches…

Unsere Route führt weiter, zu einem Punkt, den ich am liebsten schon wieder auslassen will. Doch keine Chance, wenn man mit Dave und Mientje unterwegs ist. Wir fahren einen Hügel hinauf und parken unsere Roller im Halbschatten.Von weitem hören ich Gekreische, und der Schweiß bricht mir aus. „Muss das wirklich sein?“, murmele ich mehr zu mir als zu den anderen zweien. Es ist heiß, und mein Kreislauf sackt immer mehr in den Keller. Ich weiß wie sehr sich Dave wünscht, dass ich mit von der Partie bin und mich gleichzeitig jedoch nicht drängt. „Also gut Clara, du bist nur einmal hier!“, mache ich mir Mut. Entschlossen stehe ich an der Kasse und blicke Dave an. „Für mich auch ein Ticket!“ Er strahlt und löst drei Tickets. Wir werden den Hügel weiter hoch geschickt. Ich schwitze und keuche, mein Herz bereits in der Hose. Unter einem kleinen Vordach werden wir von drei lachenden, etwas zahnlosen Typen empfangen. Ich betrachte die Konstruktion und muss mich setzen. Auch Dave und Mientje sind etwas bleich vor Aufregung. Und dann geht es auch schon los. Einer nach dem andern wird in eine stabile Stoffmatte gewickelt, mit Karabinern an einem Drahtseil befestigt. Wir bekommen noch einen miefigen Helm aufgesetzt und befinden uns dann plötzlich in Bauchlage- schwebend über dem Boden. Es knarzt im Funkgerät, Zahlen werden durchgegeben. Mein Herz schlägt bis zum Anschlag und das Atmen fällt mir schwer. Alles was ich sehe, ist dichter grüner Wald und wie er plötzlich aufhört und in einer Schlucht endet. „Are you ready?“, ertönt eine Stimme hinter mir. „Nein, nein, nein!“, denke ich, doch es gibt kein Zurück mehr. Ich bin festgezurrt in meiner Matte. Das Klicken eines Karabiners ist der Startschuss. Meine Füße zappeln und meine Arme hängen frei in der Luft, ich beschleunige auf rasante Geschwindigkeit. Unter mir das Grün der Bäume… drei, zwei, eins. Und dann ist der Boden weg. Tiefe und ein kleiner Fluss. „So muss Fliegen sein“, geht es mir durch den Kopf- ich kreische trotzdem. Dave fährt direkt neben mir und hat einen Heidenspaß.  Nach 480 Metern sind wir auf der anderen Seite angekommen. Mit wackligen Knien werde ich aus meiner Rolle befreit und blicke in Mientjes mutiges Gesicht, die ganz alleine als erste ‚geflogen‘ ist. Doch noch kann ich mich nicht entspannen, denn zurück muss ich nochmal über den Abgrund. Nur dieses Mal, ganz allein…

 

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