18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Saurer Regen

Die Tage hier laufen mehr oder minder alle gleich ab. Es wird früh aufgestanden und lange gearbeitet. Es gibt kurze Pausen, Sonnenbrand und Millionen von Ameisen. Das dreimal tägliche Füttern der Hühner, Enten und Schweine is gänzlich uns überlassen und nach wegen Tagen wusste ich warum. Direkt nach dem Aufstehen einen Sud aus Brot, verschimmelten Gemüse, miefigem Salat und bereits lebenden Obststücken gepaart mit säuerlichen Milchprodukten anzusetzen ist nicht jedermanns Sache. Alle Produkte die man nicht roh verzehren kann, werden zusammen in einen Topf geworfen und mehrere Stunden gekocht. Hmmm wie das duftet. Zweimal die Woche holen wir für die Farm das weggeschmissene und vergammelte Essen von dem nicht weit entfernten Supermarkt. Circa sechs bis acht Kartons mit Brot, abgelaufenen Milchprodukten und verschimmeltem Obst und Gemüse. Dann wird sortiert. Was noch essbar erscheint wird gesammelt und für uns in Eintöpfe verkocht. Vor jedem Öffnen eines neuen Produkts also erstmal ein kritischer Blick und auch mal ein rümpfen der Nase. Penibel genau müssen wir alle Früchte und Knollen von ihren bereits verschimmelten Nachbarn trennen und säubern, andernfalls würden unsere Mahlzeiten sonst nur aus Brot bestehen. Essen oder Luxusartikel wie Süßigkeiten, Säfte und Eis bekommen wir nicht zusehen. Wasser haben wir nur in einem Kanister. Erwartungsvoll hoffen wir Wwoofer also jedoch Woche auf eine „gute Fuhre“.

Das passiert nach drei Sekunden des Stehen bleibens

Das passiert nach drei Sekunden des Stehen bleibens

Dave baut mit den anderen Jungs eine Treppe. Trägt schwere alte Balken und haut die Stufen mit einer Spitzhacke in den Hang. Zum angleichen muss Erde am Ende des Grundstücks abgetragen und mit unzähligen Schaufelhüben auf die Stufen verteilt werden. Ab und an sehe ich ihn wild um sich fuchteln. Die Mücken scheinen seine mit Schweiß benetze Haut heute besonders zu lieben. Immerhin hat er schon seit Tagen das Cortisonspray nicht mehr benutzt, scheint seinen Heuschnupfen gänzlich vergessen zu haben!

Während Dave sich auf dem Boden abmüht hat mein Aufgabengebiet sich auf den neuen Anbau des Wohnhauses verlagert. Um jedes Fenster, über jede Tür und in alle erdenklichen Ritzen sprühe ich Bauschaum. Innen endlich fertig, mixe ich Asche und eine salzhaltige Chemikalie für die Fassade. Baue in meiner fünf Liter Flasche durch pumpen Druck auf und verteile den Sprühnebel in fünf Meter Höhe auf der Holzwand. Die gepumpte Barzahl reicht nichtmal für einen Quadratmeter, müde rinnt die trübe Masse heraus. Alles muss mit dem Pinsel nachgearbeitet werden. Gut das ich nicht rechnen kann, sonst hätte ich die gefordert Quadratmeterzahl längst im Kopf überschlagen und würde wahrscheinlich resigniert den Kopf in die Hände stützen. Mehrere Tage verbringe ich Stunden in dem schwarzen Dunst, der sich trotz Mundschutz sogar auf die Zähne legt. Alles an mir riecht nach Eisen, lässt sich trotz schrubben der Haut nicht abwaschen. Nach drei Tagen brennt meine Haut und meine Haare stehen wild ab. Das Laken ist inzwischen braun eingefärbt, meine Zähne endgültig nicht mehr Weiß.

Dieser Hof fordert immer mehr Tribut. Müdigkeit und Muskelkater sind unsere täglichen Begleiter. Bremenstiche und Hitze lassen uns nachts im Van nicht schlafen. Immer wieder habe ich Albträume von der einstigen Arbeit in der Psychiatrie. Unsere innig geliebte Trinkflasche von Globetrotter ist spurlos verschwunden und Dave’s Smartphone ist komplett zerstört (Somit gibt es keine Möglichkeit mehr uns mobil zu erreichen- nur noch online). Jeden Tag wird unsere Hoffnung auf das Ankommen des ersehnten Pakets, mit dem Ersatzteil für die Schiebetür des Vans, und damit auf den Beginn unseres Roadtrips, wieder enttäuscht. In schweren Stunden sind uns unsere Gedanken bereits vorausgeeilt und liegen entspannt am Strand oder Surfen eine Welle.
Wenn ich jedoch dann die Nachrichten aus der Welt lese, tritt alles in den Hintergrund und ich bin heilfroh auf einer Farm in Norwegen weitab der Zivilisation zu sein. Militärübernahme in der Türkei, Nordkoreanische Raketen abgefeuert in Richtung Japan, Inflation und Hungersnot in Venezuela, Terroranschlag in Frankreich, Schießerei und Tote in München, Axtmorde in der Deutschen Bahn und 9000 vermisste minderjährige Flüchtlinge in Deutschland. Wenn man sich das vor Augen hält, dann werde ich wieder einmal ganz kleinlaut und bemerke wie unglaublich gut es mir eigentlich geht.

Und so schlimm ist es dann auch nicht, wenn Milan zu später Stunde seinen tschechischen Pflaumenschnaps hervorholt. 40% reiner Alkohol wandern im Reigen eines Trinkspiels von Mund zu und Mund und brennen warm in der Speiseröhre. Die Müdigkeit wandelt sich in ausgelassene Stimmung. Albern versuchen wir jeweils in Tschechisch, Norwegisch oder Deutsch schwierige Wörter nachzusprechen. Die richtigen Leute, zur richtigen Zeit am nicht ganz sorichtigen Ort- und doch ist es einer dieser Abende die man nie wieder vergisst.

Gequältes Lächeln allerseits (Thomas, ich, Dave, Magdalena, Milan)

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