18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Safrangelb und Blutrot

Leise Regentropfen klopfen an mein Fenster und ich betrachte die kleinen Rinnsale die sie hinterlassen. Dahinter steigen Nebelfetzen zwischen den schroffen Felsen empor, klares Wasser mit dunkel und geheimnisvoll wirkenden Schlingpflanzen donnert grollend gegen übergroße Gesteinstücke und ein großer Eissturmvogel zieht einsam und majestätisch seine Kreise über dem offenen Meer. Eng windet sich die Straße auf der wir fahren, links der aufragende Fjord, rechts die eisige Flut. Die Gipfel der um ragenden Berge kann man nur erahnen, hüllen sie sich doch in undurchsichtige, weiße Stille. Unwirklich und rau, genauso zeigen sich die Lofoten. Felsige, kaum bewachsene Landschaft, offenes dunkles Meer. Arktischer Wind und dazwischen die ersten Safrangelben auf Stelzen gebauten Fischerhäuser aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Wie die Hühner auf der Stange…

 

 

Lautes Möwengekreische aus den unzähligen an den engsten Stellen platzierten Nestern der gefiederten Inselbewohner. Noch bevor wir die raue Schönheit richtig begreifen können, erreicht schon ein anderer Reiz unsere Nase. Aufdrängende, reichlich angereicherte salzige Briesen die nach einer Vielzahl verwesender Fische duften. Als wir um die nächste Kurve biegen, muss ich meine Vorahnung korrigieren: Briesen die nach einer Vielzahl verwesender Fischköpfe duften. Tatsächlich hängen an verblichenen Holzgerüsten unzählige auf Leinen aufgefädelte Fischköpfe. Vom Rest des Körpers und ebenso der Zunge der einstigen Lebewesen fehlt jede Spur. Wir steigen mit bemützten Köpfen und in dicke Jacken gewickelt in die Kälte hinaus, das abgelegene Dörfchen erkunden wollend. Kleine Gassen führen zwischen den wild aneinander gebauten Hütten hindurch. Wir entdecken noch mehr Fischköpfe. Groß und Klein hängen sie an Schnüren vor den Häusern, über Stegen und an Eingangstüren. Baumeln, wie zur Abschreckung, mit aufgerissenen Mündern von Wind und Wetter mumifiziert.

 

Über eine kleine Treppe und durch aufgebrachtes Möwengeschrei hindurch, erreicht man den Krämerladen des Dorfes. Als wir über die Schwelle treten scheint es, als ob wir um fast 100 Jahre zurück versetzt worden wären. Rostige Blechschilder preisen längst verkaufte Waren an, es gibt alte Waagen und unzählige Dinge aus vergangen Zeiten. In kleinen Packungen werden Trockenfleisch Streifen aus Rentierherz und Walfleisch angeboten. Handgesponnene Schurwolle und echte Norwegerpullover um der Kälte zu trotzen gleich neben geschnitzten Holzlöffeln und Bechern. Und natürlich allerlei Formen des getrockneten Fisches, den man in der Landessprach ‚Skrei’ nennt. Das bedeutet soviel wie ‚Wanderer’ und rührt von der langen Reise die der Kabeljau unternimmt um seinen Laichplatz auf den Lofoten zu erreichen. Das tut er schon seit über 1000 Jahren und genauso lange gibt es die Fischerdörfer der Lofoten, dessen einzige Einnahmequelle die Verwertung dieses Fisches ist. Bis heute wird der Skrei traditionell gefangen und einzigartig weiterverarbeitet. Gleich nach dem Fang werden die Köpfe abgetrennt und wie bereits berichtet auf Kordeln aufgefädelt, während die Körper paarweise, an den Schwänzen zusammengebunden ebenfalls über lange Holzlatten gehängt werden. Der Trocknungsprozess entzieht dem Kabeljau rund 80 Prozent Wasser, jedoch keine Nährstoffe. Und genau das ist das Geheimnis, mit dem er seit dem 12. Jahrhundert weltweit zahlreiche Abnehmer findet. Der Nährwert eines Kilograms Stockfisch entspricht dem von fünf Kilogramm Frischfisch. Dazu ist er Jahrelang haltbar und war somit wesentlich an der europaweiten Hanse beteiligt.

Doch was passiert mit den Fischköpfen? Es scheint eine Zierde, gleich wie ein Brauchtum zu sein, die starr blickenden Dinger vor der Eingangstür hängen zu haben. Aber so viele? Die Antwort die wir erhalten, sprengt jegliches Vorstellungsvermögen. Jedes Jahr im Mai kommen farblich stark pigmentierte Männer aus einem weitentferntem Kontinent, um für umgerechnet 20 Cent pro Kopf, große Mengen abzunehmen. Nigeria, im heißen Afrika, ist seit Anfang an alleiniger Käufer der getrockneten Köpfe. Sie hätten keine so gute Proteinquelle und würden den Geschmack in ihrer traditionelle Fischsuppe lieben. Warum sie nur den Kopf und nicht den ganzen Fisch kaufen, bleibt bis heute schleierhaft.

Zuletzt bleibt nur noch zu klären, was mit den Zungen der Fische passiert…

Dass wir wirklich im Hohen Norden angekommen sind, bemerken wir spätestens, als wir erfahren, dass es seit je her die Aufgabe der kleinen Kinder auf den Lofoten ist, die Verwertung dieses Organs voranzutreiben. Schon mit acht Jahren, kommen sie nach der Schule in öligen Latzhosen und mit einem Messer bewaffnet in die kleinen Hallen der Fischereien. Dort stehen sie vor den großen Behältern und greifen beherzt in die bereits abgeschnittenen Fischköpfe, drücken den Kiefer zusammen und schneiden routiniert den drei Zentimeter langen Muskel heraus. Zehn bis fünfzehn Kilo schafft mancher in einer Stunde. Danach erfolgt der Verkauf. Abnehmer sind Fischfabriken oder private Restaurants, die zwischen 3,50 und 5 Euro pro Kilo zahlen. Eine Möglichkeit sein Taschengeld aufzubessern, von der wir noch nie zuvor etwas gehört haben und der ich äußersten Respekt zolle.

Des Häufigeren überlegen wir dieses einzigartige Fischprodukt einmal zu kosten, sind allerdings genügend von der geschwängerten Luft um uns herum bedient. Dave meint er hätte einmal Lust für mehrere Monate auf einem Fischkutter zu arbeiten. Ich kann mir das zwar weniger vorstellen, muss mir jedoch schmunzelnd gestehen, dass er in einem gelben Anzug wahrscheinlich eine sehr gute Figur machen würde…

 

Ob ich eine gute Figur machen würde? – Entscheidet selbst…

Das kleine aber durchaus reizende Dörfchen am Ende des Nüsfjord.

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