18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Route 38

 

23.Juli 2016, jegliche Spur von einem ankommenden Paket oder einem fröhlich winkenden Postman fehlt. Dave und ich sitzen in der Fahrerkabine des Trucks und beratschlagen uns. Mein Blick wandert zu den unzähligen kleinen Kreisrunden Schimmelflecken in der Innenverkleidung. Wie ein Muster ziehen sie sich über den graumelierten Stoff. Hätte ich doch nur ein Putzmittel gegen Schimmel und eine Wurzelbürste. Immerhin ist der Wohnbereich hinten aus Holz, welches sich gut abwischen lässt. Mit einem leichten Rütteln an meiner Schulter holt Dave mich aus meiner Grübelei zurück. Was wir nun machen sollten. Einstimmig beschließen wir diesen Ort zu verlassen, kaputte Tür hin oder her. Es wird zwar mühsam werden immer gebückt durch die engen Gänge und Öffnungen zu kriechen, aber man gewöhnt sich an alles. Euphorie breitet sich in mir aus. Endlich geht es wieder los, endlich sind wir wieder unser eigener Herr. Mit neuem Elan eile ich mich, den Truck abfahrbereit zu machen. Plündere die Reste aus dem ‚barn‘, fülle die Wasserkanister auf, hole frische Handtücher und lege auf die zweite Ebene eine Matratze – falls uns die 80 cm doch einmal zu eng werden. Freudig blicke ich Dave entgegen, der gerade um die Ecke biegt. Er teilt mir mit, dass auf seinem geschrottetem Smartphone unsere Norwegenkarte mit integrierter Offlinenavigation gewesen sei. Shit- wieder Geld zum Fenster rausgeworfen.
Die neu gewonnene Freude wie einen glimmenden Docht beschützend, antworte ich schnell: „Dann kaufen wir uns eben wieder eine Papierkarte“!

Und dann ist es soweit. Wir sitzen im Truck, sehen uns an und wissen das Abenteuer beginnt wieder. Endlich. Wir beten zusammen, bitten um Schutz für uns und unser altes Vehikel, um Navigation, genügend Essen und eine geile Zeit. Ich bete für gute Fahrkünste seiten’s Dave’, da das Lenkrad sich auf der rechten Seite befindet. Die Büsche und Bäume ziehen an uns vorbei, die Farm wird kleiner und kleiner bis sie schließlich nicht mehr zu sehen ist. Ein breites Grinsen liegt auf meinem Gesicht.
Enge Schotterstraßen winden sich an dunklen Seen vorbei, tiefgrüne Nadelbäume erstrecken sich Kilometerweit über sacht ansteigende Hügel. Zwischen hellgrünen Farbblättern hie und da ein kleines rotes Haus mit weißen Fenstern. Durch die geöffneten Fenster strömt warme Luft in unsere Kabine und vertreibt den miefigen Geruch endgültig. Es ist Sommer in Norwegen und ich genieße es in vollen Zügen.

Unser erster Stop ist bei einem großen ‚billig‘ Supermarkt. Die Preise sind auch hier utopisch, doch angesichts der vor sich mir ausbreitenden Vielfalt rückt dieser Aspekt völlig in den Hintergrund. Buntes Obst türmt sich neben farbigen Gemüse, frischer Brötchenduft steigt mir in die Nase und ich sehe ganz genau wie mir die Schokolade aus dem hintersten Regal winkt. Bedacht schiebe ich meinen Einkaufswagen vor mir her – selten war sich ich so dankbar und glücklich über den Inhalt von Supermarktregalen. Beherzt greife ich in die Auswahl von Äpfeln, Paprikas, Kartoffeln und Salat. An der Kasse dann das böse Erwachen, 60€ für einen Einkauf der in Deutschland nicht mal 30 gekostet hätte.

Trotz mehrfacher Stopps an Tankstellen haben wir noch immer keine Karte von Norwegen und fahren aufs Geratewohl. Die ersten größeren Berge tauchen vor unserer Windschutzscheibe auf, die Häuser werden weniger und alle paar Kilometer stehen ‚Vorsicht- Elche-Schilder‘ am Straßenrand. Ein Blick auf die Tanknadel zeigt, dass unser Gefährt ein durstiger Kamerad ist. Wieder um viele Euros ärmer, dafür mit einer Karte in der Hand kommt Dave aus der kleinen Tankstelle heraus. Es sei nicht die beste, stellt er klar, aber die freundliche Dame hätte sie uns einfach geschenkt. Wieder mal ein kleines wunderbares ‚Hallo‘ von Gott.

Mit Müh' und Not, unter höchster Anstrengung und wohlwissendem Risikobewusstsein haben wir 'the sliding door' mit vereinten Kräften geöffnet. Gönnt man sich ja nicht alle Tage, aber zur Essenzubereitung kann man das ja mal machen.

Mit Müh‘ und Not, unter höchster Anstrengung und wohlwissendem Risikobewusstsein haben wir ‚the sliding door‘ mit vereinten Kräften geöffnet. Gönnt man sich ja nicht alle Tage, aber zur Essenzubereitung kann man das ja mal machen.

Durch die warmen Strahlen der Abendsonne fahren wir durch das immer höher werdende Gebirge. Schneefelder und grüne Mooshänge, rauschende Wasserfälle und unzählige kleine Seen lassen mein Herz höher schlagen. Alle existierenden Grüntöne mischen sich unaufhörlich zu einer atemberaubenden Kulisse. Die alten Straßen auskundschaftend finden wir schließlich den perfekten Schlafplatz. Eine vor einem grünen, mit Flüsschen durchkämmten Tal und Blick auf die Schneebedeckten Berge, sonnige Anhöhe. Akustische DeepHouse Melodien dringen aus unserem Truck. Ich stehe auf einem Fels, schließe meine Augen. Unbändige Freiheit fließt durch meine Adern, lässt mein Herz explodieren.

Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen, bevor wir uns zu 'Bett' begeben.

Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen, bevor wir uns zu ‚Bett‘ begeben.

 

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: