18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Roadtrippin‘ – Teil I

Ich sitze auf einem unserer Klappstühle, in unserem knarzenden Vehikel und blicke durch die geöffnete Seitentür hinaus auf einen Ausläufer des Meeres. Ich bin vollkommen ruhig, ein tiefer innerer Friede erfüllt mich. Leises Möwengekreische erklingt in der Ferne und die nur allzu bekannte und geliebte Seeluft dringt mir salzig in die Nase. Weiße Wattewölkchen ziehen am Himmel vorbei, Sonnenstrahlen wärmen meine aus dem Bus hängenden Beine. Während ich so dasitze und auf die Insel mit dem kleinen dunklen Haus blicke, kann ich die Gezeiten beobachten. Langsam aber unaufhörlich strömt das Wasser zurück, drängt in die Fjorde. Die noch eben freigelegten Algen sind nun schon wieder vom bläulichen Wasser bedeckt. Ein kleiner Spaziergang, über einen metallenen Steg, zum Ufer gibt einen unglaublichen Blick auf die Unterwasserwelt frei. Dave hat ihn entdeckt, ganz begeistert erklärt er mir es gäbe dort hunderte von Seesternen. Zwischen grünlich schimmernden Algen und meterlangen bräunlichen Schlingpflanzen kann ich sie sehen: Eine ganze Kolonie von schwarzen Seesternen, ein Fischschwarm, riesige Krebse. Pockenmuscheln kleben an den Felsen, rötlich schimmernde Seeigel und sogar eine Ohrenqualle wabert gemütlich durch die Pflanzenwelt des Meeres. Die durch die Wasseroberfläche dringenden Sonnenstrahlen zeigen die Tiere in ihrer ganzen Pracht.

Nach den Ereignissen der letzten Tage bin ich nun froh an unserem nördlichsten Punkt, der Atlantikstraße, angekommen zu sein. Es ist doch so einiges passiert, aber alles der Reihe nach …

Clara's Arbeitsplatz, wo sie schreibt und lebt.

Clara’s Arbeitsplatz, wo sie schreibt und lebt.

 

Zu unserer geschenkten Karte fanden wir in der Seitentür noch einen vor sich hin modernden Autoatlas. Viele Seiten sind Schimmel verklebt, einige fehlen. Doch im Großen und Ganzen macht sich das detaillierte Straßenverzeichnis mehr als bezahlt. Hin und wieder haben wir uns aufgrund der Regen- und Nebelverhangenen Berge doch ein- zweimal verfahren. Wurden dafür aber mit atemberaubenden Blicken auf blaue Gletscherfelder entlohnt. Einmal jedoch auch mit einer etwas kuriosen Zusammenkunft mit einem einheimischen Bauern. Gerade waren wir in einen Feldweg abgebogen, hielten und studierten gemeinsam die Karte. Bestimmt fünf Minuten brüteten wir, welche falsche Abzweigung wir genommen haben mussten. Schließlich stand der Weiterfahrt nichts mehr im Wege und so wendete Dave den Truck in Richtung Straße. Gerade möchte er Gas geben, als uns ein kleiner, roter Transporter entgegenkommt. Die Straße ist eng, wir kommen zum Stillstand und wollen das entgegenkommende Fahrzeug passieren lassen. Doch dieses wird immer langsamer und kommt ebenfalls zum Stillstand, allerdings mitten auf der Straße, sodass es für uns unmöglich ist vorbeizukommen. Einige Sekunden vergehen. Niemand bewegt sich. Seitens Dave Gemurmel was der Typ jetzt will. Ich schwenke meinen Arm, mache Zeichen er solle weiterfahren. Nichts passiert. Wir werden ungeduldig, wollen gerade die Hupe betätigen, als sich langsam das Fahrerfenster senkt. Heraus kommt ein Arm, in der Hand ein altes Handy haltend. Ein kurzes Licht, gepaart mit einem Klicken verrät das wir so eben fotografiert wurden. Wir sind verdutzt. Das Fahrzeug gibt nun Gas und kommt dann neben uns erneut zum Stillstand. Ein rotgesichtiger, Mitvierziger beäugt uns arglistig. Er fragt was wir hier machen, wieso wir gehalten hätten. Wir erklären unsere Situation, wir würden den Weg zurück zur Fähre suchen. Wie aus der Pistole geschossen bellt er uns in gebrochenem Englisch an: „Welche Fähre? Wohin?“

Jetzt steigt er sogar aus seinem Wagen. Dave und ich versuchen ruhig zu bleiben, lächeln. Ein Blick durch das Heruntergelassene Fenster auf unseren gammligen Autoatlas scheint ihn etwas zu beruhigen. Die Worte aneinander stückelnd erzählt er uns, er sei schon öfters bestohlen worden, hätte uns für Diebe gehalten. Eine hochgezogene Augenbraue und ein Kopfnicken meinerseits. Aha. Alles scheint gesagt zu sein, wir verabschieden uns und fahren unseres Weges.

Fantastische Blicke auf einen 'glacier' entlohnen uns für die Strapazen. (Wir hatten uns verfahren)

Fantastische Blicke auf einen ‚glacier‘ entlohnen uns für die Strapazen. (Wir hatten uns verfahren)

Die Route führt uns durch steinige Gebirgspässe, finstere Täler und an unzähligen Seen vorbei. Hier und da nehmen wir eine Fähre, fahren durch dunkle, schlecht belüftete, milchige Tunnel und wählen wann immer es geht die alten Straßen. Nicht zuletzt um die Maut zu umgehen. Mehrere Serpentinen erklimmend machen wir an einem kleinen Aussichtspunkt halt, hören das Tosen des Wassers welches in die Tiefe stürzt. Durch Nieselregen hindurch laufen wir den angelegten Wanderpfad an dem gefühlt 300 Meter hohen Wasserfall entlang. Feinster Sprühnebel benetzt unsere Gesichter, belebt die Seele. Das Gespräch hingegen fällt eher flach aus: „Wir brauchen unbedingt noch Klopapier!“, erinnere ich Dave. „Hast Recht.“, stimmt er mir zu. „Wie wär’s wenn wir eins aus dem Klohäuschen entwenden?“, schlage ich vor. „Aber wir sind doch Christen, so was machen wir doch nicht!!!“, zieht Dave mich amüsiert süffisant auf, den ich ein paar Tage zu vor zum Thema ‚fremdes Eigentum’ gemaßregelt hatte. Ich muss lachen, lege die Stirn in Falten und gebe keck zurück: „Das Klohäuschen hat der Staat bezahlt, es gehört also keinem Privatmann. Außerdem haben wir schon genug Maut bezahlt. Da wird eine Rolle Klopapier schon in Ordnung sein!“

Oben angekommen öffnet Dave mit Schwung die besagte Klotür und bleibt in Schockstarre stehen. „So schlimm?“, necke ich ihn und komme näher. Er lässt die Tür zufallen und ist völlig aus dem Häuschen: „Oh mein Gott Clara, dass musst du dir geben! Zieh dir das rein man! Das glaubst du einfach nicht!“

Gespannt ziehe ich am Griff der schweren Metalltür und- traue meinen Augen nicht. Das ist das schönste WC das ich bisher gesehen habe. „Wer macht sich so eine Arbeit für ein kostenloses Rast WC mitten in den Bergen?“, frage ich voller Staunen. Die dunkel getäfelten Wände und der Schnitt des Raumes werden von einer eingelassenen Glaswand, sowie Glasboden übertrumpft. Wir sind uns einig dass wir von einem so wunderschönen WC absolut nichts entwenden wollen. Zu blöd, dass wir nicht mal auf die Toilette müssen.

Mit nur noch fünf Blatt Klopapier geht die Reise also weiter in Richtung Norden.

Awesome place to have a sh**

Awesome place to have a sh**

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