immernoch der 1. Juni

Bepackt mit Essen für eine Woche starten wir auf die Ringstraße in Richtung Nord-West. Es ist bewölkt, windig und hat ca 8°C. Fühlt sich jedoch eher an wie 4°C. Ich bin äußerst dankbar für unseren Mietwagen und den Luxus der Sitzheizung. Wir befehlen Gott erneut unseren Trip um die Insel an und bitten um Führung und Schutz.

Die Straßen hier sind teilweise wirklich gefährlich. Tiefe Schlaglöcher und keine Begrenzungen an sich. Wer von der Straße abkommt wird direkt von den scharfkantigen Vulkanfelsen aufgeschlitzt. Teilweise bestehen die ‚Straßen‘ auch nur aus groben Schotter. Gott sei Dank haben wir doch einige Versicherungen abgeschlossen. Doch egal wie viel grober Stein aus dem Boden ragt, alles ist mit dickem grünen Moos und langen Gräsern überzogen. Die Landschaft wirkt so ungezähmt, dass man sich als Mensch doch etwas hilflos vorkommt. Auf Island dominiert die Natur, und das bekommt man ganz schnell zu spüren.

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Wir fahren inzwischen an der Küste entlang, Wolken hängen zerpflückt zwischen den schroffen Vulkanbergen und weiße, rauschende Wasserfälle zieren die felsigen Hänge. Die Straße windet sich um die Landzungen und gibt immer wieder majestätische Blicke auf Berge, Fels und Wasser frei. Dave kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und gibt ca alle 20 Meter Begeisterungsrufe von sich. Ich bin etwas still und kann so viel wilde Natur gar nicht auf einmal in mich aufnehmen. Etwas eingeschüchtert bin ich auch und fühle mich in dieser Kälte hilflos. 2 Wochen werden wir nun in diesem Klima draußen sein. Draußen schlafen müssen. Wir sind erst einen Tag hier, und ich möchte schon duschen und sehne mich nach einem warmen Bett. So verweichlicht bin ich als deutscher Luxusbürger also schon. Doch zu all diesen Gefühlen schleicht sich noch etwas anderes ein. Ich vermisse Tino. Ohne ihn Auto zu fahren und rauszugehen fühlt sich falsch an. Ich blicke diesen zwei Wochen und überhaupt der ganzen Reise mit gemischten Gefühlen entgegen.  So lange nicht nach Hause, zu seinen Freunden und seiner Familie zu können, wieso macht mich das so traurig? Anscheinend bin ich mit ihnen doch mehr verbunden als ich dachte.

Gegen Nachmittag fahren wir auf einer sehr steinigen Straße ein wenig ins Landesinnere auf der Suche nach unserem ersten Ziel. Dem Glymur. Der höchste Wasserfall Islands. Doch mit einer Karte aus Papier zu fahren, ist doch gar nicht so einfach. Klar, wir haben das Wifi, aber irgendwie wollen wir es doch lieber mit einer richtigen Karte schaffen. Es kommt wie es kommen muss – wir verfahren uns. Irgendwann entschließen wir uns eine Pause einzulegen und etwas zu essen. Campingkocher, Töpfe, Nudeln mit Soße und Toastbrot. An einem felsigen Hang finden wir eine einigermaßen windgeschützte Stelle. Wie sehr freuen sich unsere hungrigen Mägen auf diese Dose mit Nudeln und Tomatensoße! Doch beim Öffnen der Dose dann die Offenbarung: Nur Soße und keine einzige Nudel. So ist das eben wenn man nicht lesen kann! Also gut, dann gibt es eben Pastasoße mit Toastbrot.

                                         Hat auch den  Magen gefüllt.

 

Doch Gott munterte uns sofort wieder auf: Gerade als wir mit dem Essen fertig sind, lässt er die Sonne durch die Wolken brechen und der Wind legte sich. Wir liegen auf dem trockenen Gras und halten ganz entspannt ein Nickerchen. Gestärkt treten wir den Rückweg an und genau zu diesem Zeitpunkt beginnt es wieder kalt zu werden und zu regnen.

 

 

Ein paar Straßen und Landzungen später finden wir dann endlich den Glymur. Beziehungsweise einen Wegweiser zu ihm. Wie lange der tatsächliche Aufstieg dauern wird, erahnen wir an dieser Stelle allerdings noch nicht. Schnell die Cameras gegrabbt und Wasser eingepackt und dann geht es auch schon los. Zwei Stunden und einige gefährliche Momente (an Drahtseilen über reißende Bäche balancieren) später stehen wir dann endlich auf einer Felszunge in schwindelerregender Höhe und blicken auf einen tosenden in die Tiefe fallenden Glymur. Weiße Möwen kreisten über dem Wasser, lassen sich vom Wind tragen und brüten in den Steilwänden. Der nasse, schwarze Fels ist von hellgrünem Moos bedeckt und Nebelfetzen hängen in der Schlucht. Es ist ein gigantischer Anblick. Ich halte Dave beim Photographieren fest, da der Wind so stark bläst, dass er beim Stativ ausrichten schon schwankt. Leider kommt diese Naturgewalt auf Fotos nie so rüber wie man sie erlebt, wenn man vor Ort ist.

Sichtlich erschöpft machen wir uns um 20:30 Uhr auf die Suche nach einem Schlafplatz, und wickeln uns um 23:00 Uhr endlich in unsere Schlafsäcke in unserem Zelt auf einem Platz abseits der Ringstraße. Es ist  immer noch Taghell.