18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Planlos geht der Plan los

Äußerst dankbar blicke ich aus dem Seitenfenster und betrachte mit einem Hauch von Schadenfreude das Pärchen neben uns. Eisiger Wind pfeift und rüttelt am Auto, während ich genüsslich meinen heißen Tee schlürfe und gelassen in meinem Buch blättere. Es ist mollig warm und hinter mir raschelt Dave bereits in den Küchenschränken um das Mittagessen vorzubereiten. Der Mann, in offensichtlich gerade erst erstandene, teure Funktionskleidung gehüllt, schneidet mit seinem Multifunktionswerkzeug eine fünf Zentimeter dicke Scheibe von einem Leib Brot und kneift dabei seine Augenbrauen fest zusammen. Seine Frau, ebenso am Heck des dicken Schlittens stehend, wechselt permanent ihre Pose um den Böen nur den Rücken als Angriffsfläche zu bieten, doch es will nicht recht klappen. Der, aus einer ständig anderen Richtung kommende Wind zerrt auch an ihrer Bergans-Jacke und peitscht ihr die Haare ins Gesicht. Ich schlage langsam die Beine übereinander und öffne in aller Ruhe die Tüte mit den frischen Semmeln. Er wippt nun auf den Zehen auf und ab, das mit drei Zentimeter Butter und ein halbes Pfund Käse belegte, jedoch völlig zerklüftete Brot hastig in den Mund schiebend. Einen Blick in ihren Wagen werfend, entdecke ich weitere brandneue und sündhaft teure Outdoor Artikel, die wahllos übereinander gestapelt liegen und auf ihren Einsatz in der ungebändigten Natur Norwegens warten. Ich begreife dass die zwei in ihrem überaus großem und neuem, jedoch zum Schlafen völlig ungeeigneten Jeep auf zwei Isomatten nächtigen werden und lobe mir wieder einmal mehr unser altes, treues und völlig praktisch gebautes Gefährt. Egal welches Wetter einhergeht, wir können drinnen bleiben. Haben einen Esstisch, eine Küchenzeile, einen Kühlschrank, zwei getrennte Betten mit Matratzen und wenn wir in Nöte geraten, sogar eine Toilette mit Waschbecken und Dusche. Fließendes Wasser, eine Standheizung und extrem gemütliches und stilvolles Ambiente. Man kann sich frei bewegen und muss sich nicht einmal bücken. Alles hat seinen Platz und es ist immer aufgeräumt. Die Anschaffung unseres Wagens war zwar nicht gerade billig, jedoch sicherlich nur ein Zehntel des Preises des gegenüber parkenden Wagens. Ebenso besitzen wir keine 4oo Euro Hosen und 200 Euro Mützen mit den passenden 80 Euro Socken, aber einfache Schafswolle und eine Strumpfhose untendrunter tut es eigentlich auch. Auch an die Parkscheibe, die die beiden Deutschen, als sie mit starren Schritten vom Platz eilen, unter die Windschutzscheibe legen, haben wir nicht gedacht…

 

Zum Äußersten greifen jedoch auch wir, als Dave und ich eine nahegelegene Tierhandlung mehr zum Spaß aufsuchen und sie mit dem exquisitesten, wohl teuersten Mundspray der Welt wieder verlassen. Ganze 200 Kronen ist uns die Bekämpfung des Mauldampfes unserer kleinen Morchel wert. Für umgerechnet 20 Euro verspricht das Wässerchen 24h langen frischen Atem. Nach der Rückkehr zum Wagen mischen wir vollen Eifers sofort die Trinkflasche des Kleinen mit dem Wunderwasser und schieben ihm seine Schale mit großen Augen und erwartenden Blicken vor die Nase. Wir geraten in Verzückung als er, wie wild geworden, alles bis zum letzten Tropfen ausschlürft und nach mehr verlangt. Nun heißt es mehrere Stunden abwarten und vorsichtig gen Teppich schnüffeln, ob sich von dort der Geruch nach Minze langsam aber sicher verbreiten wird.

 

Es folgte auch ein Tag, an dem wir uns dachten, wieder einmal körperlich ertüchtigen zu müssen. Eine schöne Wanderung käme da ja grad gelegen und man könne auch einen netten Ausblick genießen. Gesagt getan. Der Rucksack wurde mit dem üblichen Bergsteiger Proviant- ein Stück Käse, ein Stück Salami, ein halber Laib Brot, eine Flasche Wasser, zwei Äpfel und zwei Müsliriegel- bestückt. Hinzu kamen in weiser Voraussicht und an die letzte norwegische Bergwanderung denkend, Mützen und warme Jacken. Wir parkten am Ende eines einsamen Fischerdörfchens und blickten voller Elan auf die schroffe, fast senkrecht aufragende Felswand und die kleinen Geröllfelder. Allein diese Aussicht hätte uns eigentlich abschrecken sollen. Sie tat es nicht. Einige Wanderer, junge und ältere Pärchen, kamen uns entgegen und sogleich fragten wir sie, welchen Weg sie gegangen seien, da die Norweger im Markieren und Beschildern einen eher gemütlicheren Weg anschlagen. Grob umrissen sie ihre letzten Stunden und erklärten jedoch alle einhellig, sie hätten die Tour abgebrochen. Spätestens jetzt, hätten sämtliche Alarmglocken schrillen müssen. Ihr könnt es euch denken: sie taten es nicht.

Nach den ersten zwanzig Minuten war das schlimmste Stück bewältigt und wir schweiß gebadet. Trotz dessen, dass Tino mehr gezogen und geschoben wurde, als selbst zu klettern, starb er bei der kurzen Verschnaufpause auf dem schmalen Bergkamm seinen ersten Tod. Die nassen Unterhemden ausgezogen, die Hälfte des Wasservorrats aufgebraucht und der erste Müsliriegel verdrückt ging es nach fünf Minuten weiter. Die Aussicht, die sich uns bot, milderte die fehlende körperliche Kondition. Mit Blick auf die noch zu erklimmende Bergkuppe, wies ich Dave vorsichtig darauf hin, wie weit der Weg noch sei, und ob uns dieser Ausblick auf den weißen Strand nicht reichen würde. „Aaaach, des geht schon!“, kam es zurück. Und ich warf meine Bedenken in die linksabfallende Tiefe.

Wir beratschlagen, ob wir nach diesem Bild den Rücktritt antreten sollen, entscheiden uns jedoch dagegen.

Viele Stunden später, verschwitzt und aus dem letzten Loch pfeifend, durch kalte Nebelwolken laufend und dem eisigen Nordwind trotzend standen wir dann am Gipfel. Natürlich war es alle Strapazen wert gewesen und zitternd blickten wir auf die schönsten Gesteinsformationen. In albernder Manier, entschied Dave, dass auch Tino, der treuherzig den größten Teil gelaufen war, ein Siegerbild erhalten sollte. Ich bin sicher, in diesem Moment starb er seinen zweiten Tod:

Ja ja, unser kleiner Tino…

Dunkle Wolkenfronten zogen von Osten auf, ließen uns den Rückweg antreten. Still hinter einander herlaufend, den Kopf zwischen die Schultern eingezogen und die Hände tief in die Jackenärmel zurückgezogen, versuchten wir so schnell wie möglich unsere erschöpften Körper ins Tal zu manövrieren. Als Dave meinte eine Abkürzung gefunden zu haben, hätte ich ihm eins überbraten sollen. Zu seiner Verteidigung: der Abstieg zum weißen Sandstrand, sah verlockender aus, als der erneute Aufstieg zum Bergkamm. Und der kleine Trampelpfad sah auch gemütlicher aus als der durch’s Geröllfeld. Der gemütliche Trampelpfad den der beste Ehemann von allen ausgesucht hatte, führte senkrecht den Steilhang bergab und verlor sich im Nichts. Doch nochmal alles zurück laufen? Bergauf? „Wir kommen da schon irgendwie runter“, so die Devise. Wir kamen runter. Auf dem Hosenboden, durchs Bachbett schlitternd. Heulend und fluchend, uns tausendmal versprechend nie wieder eine mehrstündige Bergtour in Angriff zu nehmen. Auf den letzten Metern vor der malerisch daliegenden Bucht, versank ich noch kurz im Morast. Und zur Belohnung unserer fehlgeleiteten Schritte, winkte uns zum Schluss doch nochmal ein steiniger Aufstieg entgegen.

 

Zuletzt sei noch angemerkt, wo wir uns gerade befinden. Wir sind ungeplanter Weise, wie immer, auf eine Inselgruppe noch vor den Lofoten hinaus gefahren. Die Vesteralen. Viel weniger besucht als unser eigentliches Ziel, etwas sanfter und sehr schön. Einen kleinen Eindruck habt ihr ja bereits durch die Bilder erhalten. So lasse ich diese für sich sprechen.

 

Unbestreitbar ist dieser Ausblick eine wahre Wonne, doch ist er den Aufstieg wert? – Sicher! Wäre da nur nicht noch der Abstieg gewesen.

Auch Clara traut sich ganz nach vorne.

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: