18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Pfad Nr. 10

Den letzten Tag in den Hügeln Malaysias beginnen wir mit einer Wanderung auf eigene Faust. Im Internet haben wir von bestimmten Wegen durch den Jungle gelesen und machen uns vormittags direkt auf den Weg. Es ist schwühlwarm, und doch irgendwie frisch. Ein seltsames Klima. Mit unserem kleinen Rucksack marschieren wir durch das Dorf in Richtung dunkelgrüne Hügel. Als die erste Steigung kommt, bricht uns direkt der Schweiß aus. Während der Weg anfangs noch breit und steinig war, verschmälert er sich nun zunehmend und führt in dichtestes Gebüsch. Mit Dornen behaftete Schlingpflanzen kratzen uns die Arme auf und das Dickicht lässt uns mit krummen Rücken laufen. Mücken sirren, die Sonne brennt und wieder einmal fragen wir uns, warum wir das machen. „Jetzt nicht müde werden!“, versuche ich uns Mut zu machen. „Der Pfad hat ja noch nicht mal angefangen!“. Dann haben wir den ersten Hügel hinter uns gebracht und stützen uns keuchend auf die Knie. „Ich glaube wir haben eine Dschungelwanderung mächtig unterschätzt!!“, presse ich zwischen zwei Atemzügen hindurch. „Dabei habe ich eh schon die kürzeste und leichtes ausgesucht“, gibt Dave zurück. Er nimmt mir den Rucksack ab und wir betreten Pfad Nr. 10. Ein kleiner Trampelweg führt zwischen dichtestem Grün, hängenden Lianen und vermoosten Baumstämmen hindurch. Immer wieder klettern wir über umgestürzte Pflanzen und bewundern diese ganz andersartige Flora und Fauna. Das letzte Stück führt uns erneut steil Bergan und schmerzlich stellen wir fest, dass wir doch ganz schön unsportlich geworden sind. Wohin die einstige Energie der Kindertage, als man noch außer Rand und Band den ganzen Tag getobt hat? Alle fünf Minuten müssen wir Pause einlegen. Und dann brechen wir schließlich durch die Baumkronen und erhaschen den ersten Blick auf die Wälder Malaysias von oben. Nichts als grüne Hügel mit vereinzelt heraus blitzenden Dörfern. Wir setzen uns auf ein paar aus dem Boden sprießende Felsbrocken und genießen Wasser, einen Keks und nebenbei auch die Aussicht. Obwohl für uns jeder Aufstieg ein einziger Graus ist, sind wir uns immer einig, dass das Gipfelgefühl es allemal wert ist. Gerade als die ersten dunklen Wolken aufziehen, machen wir uns auf den Rückweg- denn auf uns wartet noch eine Einladung.

Für acht Uhr abends, hat uns Kay, unsere Gastgeberin zum Tee eingeladen. Nicht nur irgendein Tee, sondern gleich eine ganze Teezeremonie. Auf die chinesische Art, wie wir erfahren, als wir schließlich auf ihrer Couch sitzen. Vor uns, auf dem niedrigen Tisch stehen allerlei winzig kleine Töpfchen und Tasse, Krüge und Schälchen. Wir sind gespannt und kommen mit unserer Gastgeberin ins Gespräch. Wie der Tag gelaufen sei, fragt sie uns. Wir erzählen von der unglaublichen Erfahrung des Mossyforest, den Teeplantagen und unserem schweißtreibenden Aufstieg durch den Dschungel. Kay nickt und fragt uns sofort welchen Pfad wir gegangen wären. „Die Nr. 10“, antwortet Dave, überrascht über den Ausdruck ihrer Stimme. Wir haken nach, und so kommt Kay ins Erzählen. Über die alte Zeit in den Bergen Malaysias und wie es zuging, als sie noch ein Kind war. Das Dorf sei damals nur über eine einzige, sehr alte Serpentinenstraße zu erreichen gewesen, die ins Dorf hinein und wieder hinaus führte. In den Wälder und Hügeln hätten lange Zeit noch Ureinwohner gelebt. Manchmal habe sie Wanderungen durch den Dschungel unternommen und einmal habe sie sogar Ureinwohner sehen können. Ganz erstarrt und leise hätten sie stundenlang im Dickicht gehockt. Zuerst habe sie gemeint, es seien Tiere gewesen, doch sobald sie sich näherte seien sie sehr schnell weggelaufen. Lautstärke schien sie sehr gestört zu haben, und als der Fortschritt ins Dorf kam, machten sich die ersten Auseinandersetzungen breit. Kay gießt Wasser in Tiegel und Töpfchen und wir hängen gebannt an ihren Lippen. Sie fährt fort: der Staat hätte neue Straßen gebaut, mitten durch die Gebiete der Ureinwohner. Diese hätten sich gewehrt und beispielsweise für jeden gefällten Baum Geld verlangt. Und so sei es teilweise noch heute, erzählt sie. Pfad Nr. 9 zum Beispiel, wäre weniger sicher, da bis heute dort noch einer der Ureinwohner leben würde. Er verstecke sich im Gebüsch und warte auf Wanderer um von diesen für das Passagieren des Weges Geld zu verlangen. Manchmal habe er eine Strumpfmaske auf um Furchteinflößender zu wirken, und wenn man nicht bezahlen würde, so ließe er schon auch einmal seine Hunde von der Kette. Tatsächlich haben wir auf Tripadviser zuvor gelesen, dass man den Pfad Nr. 9 besser nicht wählen sollte. Doch Kay macht uns verständlich, dass diese Ureinwohner es eigentlich gar nicht böse meinen würden. Schon von Generation zu Generation wären Teile des Waldes ihr Eigen gewesen. Sie seien der festen Überzeugung, dass ihre Urahnen in den Bäumen und Büschen leben würden, und so fühlen sie sich beraubt wenn Fremde eben diese Bäume fällen, oder Touristen lärmend hindurch laufen. Wirklich etwas schlimmes gemacht, hätte der Ureinwohner von Pfad. Nr. 9 noch nie. Bevor unsere Augen noch größer werden können, wechselt sie das Thema. In geradezu liebevoller Hingebung erklärt sie uns die Handhabung einer chinesischen Teezeremonie. Je nach Kännchen und Teesorte gibt es bis zu fünf Durchgänge. Angefangen wird nur mit dem Riechen am ersten Tiegelchen. Man kippt und rollt, schüttet um und nippt. Der Gastgeber trinkt als erstes, als Zeichen, dass der Tee nicht vergiftet ist. Wir trinken heute Olong Tee, sehr teuer, aber dafür unglaublich lecker. Das sagt sogar Dave, der normalerweise seinen Tee immer auf die indische Art und Weise trinkt. Nämlich mit viel Milch und Zucker. Kay erzählt uns ein weiteres interessantes Detail zur Größe der Teetassen. Je kleiner die Tasse, desto höher sei man beim Gastgeber angesehen. Es käme außerdem auch nicht auf die Menge, sondern die Qualität des Tees an. Wir wiederholen die Gänge immer wieder und wieder und entspannen uns merklich. Es ist ein wunderbarer Brauch und wir sind dankbar wieder etwas neues gelernt zu haben. Reisen bildet wirklich auf die beste Art und Weise. Nach einer herzlichen Umarmung und Verabschiedung von Kay wandern wir Hand in Hand durch die dunklen Straßen des Bergdorfs und lassen einen erfüllten Tag zu Ende gehen. Wir können es kaum erwarten unsere Freunde und Familie nächstes Jahr zu unserer eigenen, kleinen chinesischen Teezeremonie einzuladen.

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