18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Nächstenliebe auf Norwegisch

Draußen nieselt es ein wenig. Dave und ich werfen uns in unsere warmen Jacken und stehen geschniegelt und gestriegelt zur Abfahrt bereit. Das erste mal bewegen wir uns von der Farm weg. Gemeinsam mit Turid und Ole fahren wir in das nächste Dorf. Krageroe liegt direkt in den Fjorden und ist schon mit dem Meer verbunden. Am Autofenster ziehen blaue Seen und tiefgrüne Nadelwälder vorbei. Überall ragen Steine aus der Erde und lassen die Landschaft ganz und gar naturbelassen aussehen. Die Fahrt zu Turids Eltern dauert nur kurz. Wir sind auf eine Grillfeier eingeladen. Mir ist ein wenig mulmig. Als Fremder bei einem Familienessen dabei zu sein? Nicht mein Ding. Tapfer blicke ich auf das große weiße Anwesen. Es ist gigantisch. Das Haus ist mehr oder minder auf dem Wasser gebaut, liegt eingebettet zwischen Felsen direkt am Hafen. Warmer Seewind pfeift mir durch die Haare. Möwen kreischen und lassen sich vom Wind tragen. Da werde ich bereits herzlich umarmt. Turids Eltern haben die Terrasse, welche mehr einem Holzsteg gleicht, ganz wunderbar hergerichtet. Ein Tablet mit Lachsfilets wird an mir vorbeigetragen. Bratenduft dringt an meine Nase. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Dave blickt mit großen Augen auf die Holzboote und ich bin mir sicher er fühlt die gleiche Atmosphäre wie ich. Zu der Runde gesellen sich noch Turids Schwester und deren Familie, sowie Ole´s Mutter. Plötzlich sitzen wir in einer großen norwegisch plappernden Familienrunde und fühlen uns als ob wir mit dazu gehören würden.

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Bis der Fisch und das Fleisch fertig gerillt ist gibt es „Waiting-Sausages“, wie Turid sie nennt. Ein gegrilltes Würstchen mit Ketchup und Senf in einem Vollkornpfannkuchen. Da ich schon in Island gegen meine „Ich esse kein Fleisch-Regel“ mehrmals verstoßen haben, fallen nun alle restlichen mühsam aufgestellten Barrikaden. Es ist 16 Uhr am Nachmittag und ich hab nur gefrühstückt. Außerdem will ich auf der Reise eigentlich allerlei neues ausprobieren. Bevor ich weitergrübelnd kann ob ich die angebotene Warte-Wurst nun nehme oder nicht, befindet sie sich auch schon in meinem Mund. Die folgenden gegrillten Hühnchen- und Lachsfilets, Ofenkartoffeln, Salat mit Wokgemüse und der Kartoffelsalat lassen mich in den siebten Himmel abdriften. So verdammt lecker. Ich bin im Fleischrausch.

Nach dem Essen verschwindet Opa Jorgenson im angrenzenden Schuppen und holt Angeln herbei. Es gäbe jetzt ein Wettangeln, kündigt er an. Alle sind begeistert. Es werden Eimer mit Wasser für die Fische bereit gestellt und die Teilnehmer werden in Dreier Gruppen gesplittet. Drei, zwei, eins – Petriheil. Ich halte mich erstmal im Hintergrund. Weiß noch nicht ganz was ich von der Aktion halten soll. Als Köder dienen zertümmerte Schneckenkadaver. Spätestens als in unserer Gruppe der erste Fisch am Haken hängt, weiß ich, dass ich es ganz furchtbar finde. Mir wird die Ehre zu teil ihn vom Haken zu befreien. Da hängt es also, ein kleines Fischlein in meiner Hand, gerade mal der Kopf guckt heraus. So vorsichtig wie ich kann versuche ich den Haken aus seinem Mund zu ziehen. Ich kann die Qual regelrecht in seinen Augen erkennen. Ausgerechnet jetzt fällt mir ein, dass Fische auch Schmerz fühlen können. Zwar bin ich nun der Spielverderber, aber ich trete aus der Gruppe aus und beteilige mich nicht weiter. Dave angelt noch ein zwei Fischlein, aber der Spaß ist ihm beim Anblick des Haken entfernens auch vergangen. Die Fische werden nach Beendigung des Wettkampfes zwar wieder freigelassen, aber einige haben herausquellende Augen und verschobene Kiefer. Der Bauch treibt oben.

Wieder einmal fällt mir auf wie grausam der Mensch ist. Nur zum Spaß quält und foltert er andere Lebewesen. Ich lasse es mir noch eingehen, wenn man angelt und den Fisch kurz und schmerzlos tötet um ihn dann zu essen. Aber alles andere ist grausam und unwürdig. Ich sitze etwas abseits und starre missmutig auf die See. Gerade geht mir durch den Kopf wie viel Leid das Hühnchen und der Lachs ertragen mussten die ich vorher verspeist hab. Sone Shite.

Waffelduft steigt mir in die Nase und lenkt mich ab. Für die hat wenigstens niemand gelitten, denke ich mir und stopfe mir den goldgelben, mit Himbeermarmelade und Rohrzucker beladenen Teigfladen in den Mund. Ich bin etwas besänftigt. Muss hin und wieder aber doch an die kleinen Fische denken.

Inzwischen ist es schon spät, jedoch noch lange nicht dunkel und Opa Jorgensen ist schon wieder in Richtung Schuppen verschwunden. Diesmal aber ein anderer Schuppen. Sehr viel größer und rot angemalt. Direkt über dem Wasser. Dumpfer Motorenlärm dringt aus ihm. Ich staune nicht schlecht als er mit einer Yacht an den hauseigenen Steg schippert. Er hat bereits seine Kapitänsmütze auf und winkt die Familie an Bord. Für jeden gibt es einen mit Schaffellen ausgelegten Platz auf sehr bequemen Stühlen. Leinen los.

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Ich bin sprachlos. Niemals hätte ich mir erträumen lassen dass wir auf unserem Norwegen Trip auf einer Yacht durch die Fjorde fahren. Dave ist auch ganz aus dem Häuschen. Es gibt sogar Bier und Chips. Felsige Küste ragt aus dem tief blauen, kaltem Seewasser. Vereinzelt erscheinen Dörfchen. Rote und Weiße Häuschen in den Fels gebaut. Ole holt sein Akkordeon heraus und beginnt alte Seemannslieder zu spielen. Unser Ziel ist das große Midsommer-Feuer. Immer mehr Bote gesellen sich zu unserer Route bis es schließlich hunderte sind. Kleine und große, geschmückt mit grünen Birkenzweigen und bunten Bändern. Alle kreisen langsam um einen hohen, mit Holzscheiten gefüllten Metallturm, welcher auf einer kleinen steinigen Insel steht. Die Stimmung ist ausgelassen und als schließlich die Dämmerung einsetzt wird das Feuer entzündet. Wärme strahlt aus und lässt mich diesen besonderen Tag, an dem wir so liebevoll in einer anderen Familie empfangen wurden, tief in mein Herz einschließen.

Als Dessert kommt eine Sms von Gordon, dem drei Kilometer entfernten Nachbarn herein. Sie nehmen uns als Wwoofer und wir dürfen zwei Wochen ihren dicken Bus mieten um Norwegen auf eigene Faust zu erkunden. Ich bin völlig von den Socken. Wie awesome ist das denn bitte? Meine Erwartungen und Wünsche wurden von Gott mal wieder völlig übertroffen. Vier ungewissen Wochen haben sich gerade in die Vorahnung auf eine richtig geile Zeit verwandelt.

Oh yes baby.

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