18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Nachtwandler

23:30 Uhr,  Gebiet des Myvatn

Hier geht die Sonne unter und wieder auf. Unser Biorhytmus hat sich vollständig verschoben und wir sind inzwischen leicht wahnsinnig durch das Fehlen der Nacht. Immer längere Abstände bleiben wir wach und merken nur durch die Ermüdung unserer Körper das es Zeit wäre ins Bett zu gehen. Doch nachts ist das Licht zum Photographieren einfach der Wahnsinn, und überhaupt sind wir ganz alleine an all den Orten wo tagsüber Touristen ihr Unwesen treiben. Eventuell bin ich literarisch etwas altertümlich angehaucht durch unser Hörspiel „Die Legenden der Albae“, welches uns bei unseren langen Autofahrten fesselt. Unser „Tag“ startet auch heute erst um 23:30 Uhr. Die weiße Wolkendecke reißt auf und weicht den roten Strahlen der Mitternachtssonne. Wir erreichen das Myvatn Gebiet. Millionen Mücken stürzen sich auf unser Auto. Richtige Mücken Säulen stehen entlang der Straße. Ich erblicke Einheimische mit Mückennetz- Hüten auf ihren Köpfen. Es graut mir, das Auto zu verlassen. Graues, zackiges Gestein inmitten von grünen Wiesen und Wassern rauscht am Autofenster vorbei. Kleine wollweiße Schafe mit ihren Lämmern liegen genüsslich grasend in Gruppen zusammen. Am Horizont steigen bullige weiße Dampfwolken auf. Beim genaueren Hinsehen entdecke ich, dass es überall aus Rissen in der Erde dampft. Starker Schwefelgeruch liegt in der Luft.

Wir erreichen einen azurblauen See. 100 ° C heißes Wasser donnert aus dem Boden und treibt weißen Dampf über die Wasseroberfläche. Zu gerne möchte ich in dieses Blau steigen. Baden ist hier strengstens verboten, zu hoch die Verbrennungsgefahr. Allerdings warnt davor nur ein einziges Schild. Wir sind trotzdem vernünftig und belassen es beim photographieren.

Baden verboten!

Bekannt aus Game of Thrones.

Inzwischen ist niemand mehr unterwegs und wir genießen die Stille. Auch die Mücken haben sich größtenteils verzogen. Einzig und allein die Schafe ziehen mit ihren Lämmchen durch die felsig grüne Landschaft und blöken hier und da. Diffuses Licht legt sich über uns und lässt uns träumen. Wagemutig balancieren wir über die Erdrisse  der Kontinentalspalten. Tief blicken wir in die Erde. Begreifen die Macht der Natur. Tiefliegende Sonnenstrahlen streichen über das wogende Gras. Kalte Luft zieht auf. Mutig wagen wir uns in die bekannte Höhle aus Game of Thrones und bewundern das stahlblaue heiße Wasser auf dem Grund.

Nicht genug bekommend klettern wir auf einen stillliegenden schwarzen Vulkanhügel. Erklimmen Stein und Sand und werden mit einem atemberaubenden Blick über Island belohnt. Es ist inzwischen 2:30 Uhr. Alles fühlt sich etwas unwirklich und mystisch an. Kalter Wind pfeift um unsere Köpfe. Ich blicke Dave an und denke mir: Verdammt noch mal. This is my life.

Wir haben immer noch keine Lust unsere Augenlieder zu schließen. Zu anziehend dieses Licht und die Einsamkeit. Wir folgen dem Geheimtipp von Christoph… wandern durch die gezackten Wiesen. Halten vor einem Gatter und betreten Privatgrund. Immer steiniger wird der Untergrund, alles Grüne weicht. Hoch und runter, weiter, in ein Meer aus scharfkantigen Vulkansteinen. Springen über Krater, hangeln uns an Fels entlang. Wir blicken uns um. Ohne Wegbeschreibung hätten wir uns in dieser gespenstischen Landschaft längst verlaufen. Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden. Und dann liegt sie vor uns. Der Eingang zu einer gewaltigen tiefen Kontinentalspalte. Riesige Felsbrocken klaffen auseinander. Ich kann den Grund nicht erblicken. Heiße Luft strömt uns entgegen. Die Felsen sind glatt. Ich blicke ins Dunkle. Leichte Furcht macht sich in mir breit. Kletternd begeben wir uns immer weiter nach unten.  Unter Gesteinsbrocken hindurch, hinab in die Dunkelheit. Angekommen auf einem schmalen Holzsteg zwischen den Felsen blicke ich auf tiefblaues Wasser. Nach Rechts und Links erstreckt sich das mythische Gewässer und wird dann von tiefem Schwarz verschluckt. Ein Streifen Nachtlicht erhellt die Quelle. Das Wasser ist heiß, der Grund tief. Stille.

Genauso viel Furcht ich vor diesem Ort, und diesem tiefem Wasser habe, so sehr zieht es mich auch an. Es scheint regelrecht nach mir zu rufen. Dave ist bereits hineingegangen und schwimmt zwischen der Nordamerikanischen und der Eurasischen Erdplatte. Zu ergriffen bin ich von diesem Ort, als dass ich mich noch reell fühle. Ich nehme all meinen Mut zusammen, schäle mich aus meiner Kleidung und schreite in das tiefe Blau. Dunkle Wärme empfängt mich. Ich bade, nachts um 3:00 Uhr. Tief unter der Erde, mit den letzten Strahlen der Mitternachtssonne.

2016.06.09.052351-0161

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