18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Mehr als nur starker Westwind

Nach einer windigen und kalten Nacht unter unserer schwarz gepunkteten Decke, wische ich ein Guckloch in die beschlagene Fensterscheibe neben meinem Kopf. Sonnenstrahlen blinzeln vereinzelt durch die Wolken und der Wind scheint sich gelegt zu haben. Trotzdem bleibt das Wetter kühl mit vereinzelt starker Sonne, was wir so gar nicht gewöhnt sind, weswegen sich der ein oder andere die ersten roten Hautarreale gönnt. Noch schnell die Achseln im eiskalten Blau waschen und die stinkenden Füße ignorieren und dann geht es mit verstaubten Haaren und funkelnden Augen weiter. Wir sind nun mitten im Gebirge und fahren immer tiefer in das einsame Tal zum höchsten aller Berge. Mount Cook- bedeutet ‚Der der immer in den Wolken ist’, in der Sprache der Maori. Während sich links und rechts der einzigen Straße immer höhere Schotterfelder und Felswände reihen, wird der Name zum Programm.

Ein letzter Blick auf den ‚Lake Pukaki‘, bevor wir ihn türkis leuchtend hinter uns lassen.

Am Ende, im Kessel liegend, türmen sich dunkelgraue, majestätisch und furchteinflößende Wolken zugleich, so hoch auf, dass wir die Größe der Berge nicht mehr ausmachen können. „Das ist dann wohl ein Unwetter wie es im Buche steht“, lache ich Dave noch im sonnendurchflutetem Auto sitzend an. Alsbald trommeln dicke Tropfen auf die Windschutzscheibe und der Wind hat erneut aufgefrischt. Mächtige Gletscherfelder schimmern blau zwischen den Felssparten und sind die Ursprünge unzähliger eisiger Bäche. Am Fuße des Berges angekommen, parken wir unser Gefährt und packen uns in dicke Jacken, bunte Wollsocken und Mützen. Der mit viel Mühe angelegte Pfad führt über kleine und große Hängebrücken, über klare Bäche und milchige Fluten. Grün-gelbes Gras wogt synchron in dem immer länger und enger werdenden Tal. Die Felsbrocken am Rande des Weges werden brachialer und erzählen von uralter Erdgeschichte. Inzwischen reißt der Wind so stark an unseren Extremitäten und Eisregen peitscht uns ins Gesicht, dass es mühevoller als gedacht ist, den Steg in einer aufrechten Position entlang zu gehen. Nichts desto trotz hält mich die raue Schönheit der schroffen Felsen in Atem und einmal mehr weiß ich, dass ich den Bergen für immer zu Hause sein werde.

Nach nur knappen, aber anstrengenden 60 Minuten erreichen wir trotz Jacken, völlig durchnässt das Ende des Tals und blicken auf einen Gletschersee mit großen dahinschwimmenden Eisbrocken. Der Wind ist so stark, dass uns kaum auf einer Stelle halten können und nach ein paar aufsaugenden Blicken treten wir den Rückweg an. Am Parkplatz angekommen, hat der Regen aufgehört und unsre Kleidung ist bereits des starken Windes wegen trocken.

Glücklich und geschafft steuern wir das nächstgelegene Örtchen Omarama an. Eine Besonderheit und richtige Wohltat wartet hier auf unsre kalten Knochen. Ein mit Feuer beheiztes, großes Holzfass nur für uns allein, gelegen zwischen gold-gelben Hügeln direkt an einem kleinen Teich. Wie für uns gemacht, hat sich der Wind gelegt als wir erneut aus dem Auto steigen und in unsere Badesachen schlüpfen. Dampfend wartet der Kessel bereits und als ich mein Bein in die Wanne setze, könnte es angenehmer nicht sein. Ein Abendrot am Himmel setzt dem ganzen ein Sahnehäubchen auf. Nach zwei Stunden anhaltendem Badespaß haben wir aufgetankt und schließen, die Köpfe geneigt mit einem Gebet für unsere Familien zu Hause und auch für unseren weiteren Weg. Wir danken und bitten um Schutz und Führung.

Dass dieses Gebet enorme Auswirkungen hat, soll sich die nächsten zwei Tage mehr als deutlich zeigen. Doch zunächst der Reihe nach. Müde, aber glücklich verlassen wir die Badeanstalt und sind noch etwas ratlos wo wir die Nacht legal verbringen sollen. Es ist schon dunkel geworden, als wir einen kostenlosen Campingplatz keine fünf Minuten entfernt finden. Es gibt ein sauberes Plumsklo und reichlich Platz. Dankbar schlafen alle in Sekunden ein. Starker Wind und gegen das Fenster gepeitschter Regen weckt uns am nächsten Morgen. Es ist wirklich kalt und mehr als ungemütlich. Wir beschließen heute Kilometer zu machen, die Vorräte aufzufüllen und irgendwie sonst mit dem Regen umzugehen. Schnell sinkt die Laune und kleine Keifereien zwischen mir und Dave sind vorprogrammiert. Es ist Nachmittag und erneut rückt die Suche nach einem Schlafplatz in den Mittelpunkt. „Irgendetwas wo wir wenigstens etwas windgeschützt wären…!“, denke ich und hoffe ein bisschen auf ein kleines Wunder. Kochen auf einem Gaskocher in einem Wind, der in Deutschland bereits als starker Orkan gelten würde, ist einfach doof. Dazu noch der permanente Regen, der in Sekundenschnelle alles im Auto und am Körper durchnässt. „Immerhin haben wir kein Zelt und sind auch nicht mit dem Rad unterwegs!“, versucht Dave meine Gedanken in die richtige Richtung zu loten. Auf der Karte finden wir einen relativ günstigen Platz, es soll Plumsklos geben, jedoch kein Trinkwasser. Schön gelegen soll er auch sein. Also gut, dann ab dahin. Als ob es kein Morgen gäbe, nimmt der Regen noch einmal zu und dunkle Wolken verdüstern den Himmel. Schließlich sind wir angekommen.

Es ist ein wunder schöner Platz, inmitten von großen Bäumen, vielen grünen Büschen mit kleinen Buchten und einer Art Carport mit Spülbecken und Kochmöglichkeiten. Wir stellen uns an eine geschützte Stelle und Jojo bringt es auf den Punkt: „Es ist unglaublich wie Gott uns in jeder Situation das absolut passende schenkt“. Dankbar bereiten wir nun Suppen und Nudeln unter dem windgeschütztem Dach zu und realisieren dass Sorgen bei einem Leben mit Gott eigentlich völlig unangebracht sind.

 

Die Nacht verläuft noch windiger als der Tag. Immer wieder peitschen Zweige gegen die Fenster und lassen vor allem mich mehrmals hochschrecken. In den frühen Morgenstunden gesellt sich zu meinem unruhigen Schlaf noch eine gewisse Angst. Dave zunehmend nervend murmele ich dass wir doch lieber das Auto ein, zwei Meter wegefahren sollten bevor uns die Äste den Lack zerkratzen oder gar eine Scheibe einschlagen. Doch wie erschlagen schlafe ich immer wieder ein, bis der Gedanke ‚Fahr das Auto weg’ unerträglich wird. Dave bemüht sich auf mein Bitten also in den Regen hinaus und sieht sich die Sache an. Er hört ein Knacken im Wald und entscheidet das Auto zur anderen Seite des Platzes vor einige niedrige Büsche zu fahren. Ebenso gibt er Jojo und Jenny neben uns bescheid, welche allerdings auch mehrere Aufforderungen brauchen um bei dem nasskaltem Wetter in die Gänge zu kommen.

Da wir nun alle schon einmal wach sind, bereitet sich der ein oder andere ein kleines Frühstück zu oder guckt verdrießlich aus dem Autofenster, als plötzlich der Baum unter dem wir die ganze Nacht standen nahezu lautlos auseinanderbricht. Nicht nur ein ein oder zwei Meter langer Ast, wie anfangs gedacht, sondern der halbe Stamm, liegt nun genau dort wo wir mit unsren Autos parkten. Die Größe des herab gebrochenen Holzes wäre neben einem Totalschaden auch lebensbedrohlich gewesen. Sprachlos starren wir zur anderen Seite des Platzes und haben gerade ganz praktisch eine Gebetserhörung in Sachen ‚Schutz’ erlebt.

Gleich mehrmals hat Gott uns auf die Sekunde genau geführt und so vor großem Schaden bewahrt! Unser Boot liegt immernoch an der Stell wo wir noch kurz vorher standen.

 

Sehr nachdenklich und dankbar packen wir unsere unversehrten Autos und fahren an der Küste weiter entlang nach Süden. Erneut regnet es ununterbrochen und windet so stark, dass mehrere abgebrochene Äste auf der Straße und sogar ein umgekipptes Wohnmobil in unser Blickfeld rutschen. Doch als wir an einer von uns ausgewählten Sehenswürdigkeit stehen bleiben und aussteigen, hört schlagartig der Regen auf, die Sonne kommt raus und alles erstrahlt in den schönsten Farben. Fassungslosigkeit über dieses nun täglich wiederkehrende Gnade macht sich in uns breit und lässt uns über die Liebe Gottes grübeln. Wie sehr wir ihm am Herzen liegen, dass wir wirklich jeden Tag so viel Segen bekommen, beschützt werden und sogar bei Laune gehalten. Und dass obwohl wir nur vier kleine Menschlein sind, die sich in den Kopf gesetzt haben am anderen Ende der Welt einen mehrwöchigen Roadtrip durchzuführen.

 

 

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