Noch immer befinden wir uns weit ab vom Schuss. Die zweite Halbinsel hat uns im wahrsten Sinne des Wortes gefangen genommen. Wir quälen uns die sogenannten „Gravel Roads“ bergauf und bergab und machen Rast in eisigen Höhen. Es ist wieder einmal so kalt, dass die kleinen blauen Seen und Tümpel langsam zu Eis gefrieren. Auch Nebel scheint heute unser ständiger Begleiter zu sein. Wir können kaum 2 Meter weit sehen. Die Landschaft verändert sich. Selbst das Moos geht immer mehr zurück und weicht einem steinernem Meer. Irgendwann hab ich das Gefühl wir fahren durch eine Mondlandschaft. Erschöpfung macht sich bemerkbar. Die ständigen Höhenunterschiede schlauchen uns.

Der Nebel lichtet sich etwas und wir müssen wieder auf Meeresspiegelhöhe sein, als wir einen weißen Sandstrand erblicken. Ruhig und ganz einsam liegt er da. Ungewohnterweise ist mitten am Tag Ebbe und wir laufen ein paar Schritte hinaus zu den unzähligen Wattwürmern. Eine Wattwürmer-Armee, ja geradezu eine Wattwürmer-Nation breitet sich vor uns aus. Es sind mehr als das Auge zählen kann.

Wir fahren weiter zu unserem eigentlichen Ziel: Das Bird-Cliff ganz am Rande Islands. Und wieder eine Gravel-Road. Und plötzlich ein besorgter Gesichtsausdruck von Dave. Anhalten, aussteigen. F***. Waren meinen Wahnvorstellungen von geplatzten Reifen also doch keine Wahnvorstellungen. Ok, der Reifen ist nicht geplatzt, aber platt ist er trotzdem. Und das mitten im Nebel, irgendwo am äußersten Rande Islands. Was tun? Am besten erstmal Beten. Erstaunlicherweise sind wir ganz ruhig geblieben, haben das Notrad gleich gefunden und zusammen montiert. Ganz unserer Manier fahren wir aber weiter, umdrehen kommt uns nicht in den Sinn. Etwas bange ist mir aber doch. Dieses Notrad sieht so schmal und schwach aus und wir sind ca. zwei Stunden von der nächsten Tankstelle mit Telefonmöglichkeit entfernt.

Clara hilft fleißig mit =)

Clara hilft fleißig mit =)

DCIM100GOPRO

Ich übernehme hauptsächlich die Regie. Clara ist ein ganz wunderbarer Lehrling!

Das Birdcliff lässt uns unser Reifenproblem ganz schnell wieder vergessen. Starke Windböen und Nebel, gepaart mit dem Rauschen des Meeres, empfängt uns. Es ist kälter denn je, ich ziehe alle Jacken an die ich dabei habe und laufe mit Dave Hand in Hand zu den Klippen. Keine Sicherheitsvorkehrungen, dafür besten Blick in die Tiefe. 440 m bis zur spritzenden Gischt. Lediglich eine weißgetünchte Linie auf dem Rasen und zehn cm große Warnschilder fünf cm über dem Boden trennen uns vor dem sicheren Tod. Überall fliegen große Möwen, Papageientaucher und „Pinguin-Vögel“, wie Dave und ich sie getauft haben. Teilweise sitzen sie eng zusammen, brüten ihre Eier aus oder flattern durch die Luft. Alle schreien durcheinander. Schätzungsweise 1 Million Vögel haben hier ihr Zuhause.

Immer wieder versuchen wir ein offenes Wlan zu finden, oder wenigstens ein Signal zu empfangen. Doch nichts klappt. Zurück durch den Nebel und die Kälte machen wir uns mit unserem Notrad auf die Suche nach der nächsten Tankstelle. Oder einem Schlafplatz.