18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Lost Gypsies

Stellt euch vor, ihr seid von morgens bis abends unter freiem Himmel. Steht mit der Sonne auf und sitzt, wenn die Dämmerung einsetzt noch immer draußen, die Gesichter von Kerzenschein erhellt, philosophierend über die Wuchsrichtung von Grashalmen. Der Wind pfeift euch jeden Tag um die Ohren, fährt euch durchs Haar und ihr habt längst aufgegeben es zu kämmen. Tagsüber ist die Sonne heiß, trotz Sonnencreme werdet ihr so braun wie noch nie und erfahrt nun ganz praktisch wie ein wettergegerbtes Gesicht aussieht und sich auch anfühlt. Der Kauf einer Tafel Schokolade kommt fast einer Sünde gleich und überhaupt habt ihr den Glauben an sämtlichen Schnickschnack verloren, vergessen, dass woanders Menschen ohne Föhn, ohne duftende Wäsche und ohne saubere Fingernägel einen halben Tobsuchtsanfall bekommen. Und ach, wie sehr stören schon diese paar Flecken auf meiner Hose? Makeup? Habe ich das überhaupt dabei? Statt von der neusten Generation des iPads, träumt ihr von einer heißen Dusche. Habt euch jedoch gleichzeitig längst an die kalten Flüsse und Seen gewöhnt. Ein feuchtes Frischetuch ist nun euer bester Freund. Und wenn ihr zu einem der kleine grünen Kabuffs geht, den Deckel anhebt und 70 gelbe Scheißhausfliegen in eurem Gesicht landen, dann schockt euch der Anblick von 5 Tonnen Fäkalien nicht mehr und überhaupt haltet ihr während der Prozedur ganz automatisch die Luft an. Gut – ab und zu sucht ein uralter Reflex noch nach der Spültaste, doch dann lacht ihr kurz über euch selbst und schüttelt in leichter Neigung den Kopf.

Unsere Ankunft in Queenstown.

Ihr fühlt euch erhaben, wenn ihr Trinkwasser gefunden habt und es nährt euer Sicherheitsgefühl wenn der Kanister wieder voll ist. Wichtig geworden ist nun die Kombination aus Stellplatz und Wind zum Gaskocher, der richtige Reifegrad von Avocados und ganz generell ein Vorrat an Kartuschen. Was in der Welt, auf Facebook und in Whatsapp vor sich geht interessiert euch gar nicht, viel zu mühsam ist es geworden zwischen den Wäldern und Bergen einen Wifi Hotspot zu finden. Und ganz klar, der neueste Stand im Watten hat viel mehr Vorrang.

Wenn ihr euch dann mal wieder einer größeren Zivilisation namens Stadt nähert, seid ihr begeistert von der Auswahl an Essen und Restaurants und werdet von der Flut an Möglichkeiten und Luxus regelrecht überschwemmt. Doch die Masse an Menschen wird euch schnell zu viel und ihr staunt über euch selbst, dass ihr einen einsamen Campingplatz mit penetrierendem Fäkalgeruch und einem grimmigen Wärter dem Fortschritt vorzieht. Ihr vergesst dort eure Schuhe und seit einen Tag später völlig aus dem Häuschen, nicht mehr im Gedächtnis, dass man auch neue Exemplare kaufen kann.

Eine kleine Wanderung auf den Queenstown-Hill. Herrliches Wetter und perfekte Sichverhältnisse.

Allerdings kann es 20 Minuten später auch schon ganz anders aussehen.

Doch zwischen all dem, seid ihr vor allem eins: Glücklich und ausgelassen, zufrieden und bei euch selbst angekommen. Ihr habt nur noch Augen für die Schönheit der Natur, für die realen Dinge des Lebens und ihr seht alles weniger kompliziert. So dicht aufeinander kommt es natürlich zu Streitigkeiten, doch sie werden sofort ausgetragen und gleich vergeben, denn Weglaufen kannst du hier nicht. In einer solchen Weite, ganz ohne Ablenkung von Menschen, Medien oder der Arbeit kannst du nicht mal vor dir selbst weglaufen. Und du blickst dir selbst ins Gesicht, akzeptierst und fängst sogar an dich ein wenig zu lieben.

Ein abschließender Spaziergang am letzten Zipfel des Sees Wakatipu.

So und nicht anders ziehen die Tage ins Land, schaffen Erinnerungen und Platz für neue Träume. Verändern und machen einem das ein oder andere bewusst. Wieder einmal werde ich dankbar für dieses kostbare Gut der Zeit, gleichzeitig hoffend, dass ihr alle den Mut habt einen neuen, unbekannten Schritt zu gehen. Einen der euch fordert, euch zurückwirft oder über den ihr später lachen werdet. Nur einen Schritt heraus aus dem Gewohnten und Gekanntem.

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