18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Liebe ist …

… wenn man mit Dave unterwegs ist. 😀 Nein, ganz so schlimm ist es auch nicht, ich beginne besser mal von vorne. Wir befinden uns immer noch zwischen den Gletschern Fox und Franz Josef. Das Wetter ist sonnig mit Wolken und ab und zu ein paar Regentröpfchen. Heute morgen hat Dave sich wie ein Springkäfer aus den Laken geworfen und mir im Anflug hellen Wahnsinns von seiner neusten Idee berichtet. Es gäbe da so eine Höhle, beginnt er schnarrend, eher einen Tunnel. Also eigentlich ist es eine alte Miene in den Berg hinein… und da sollen Glowworms sein. Er müsse da unbedingt hin. Das ganze sei aber auch eine Art Wanderung auf einen nahegelegenen Berg. Ich stoße, pfeifend wie ein alter Dampfkessel, die Luft aus und danke Gott, dass es nur in Neuseeland die besagten Würmchen gibt. Ich müsse natürlich nicht mitkommen, beginnt er, als ich ihn auch schon unterbreche. „Glaubst du allen ernstes ich lasse dich in eine alte Miene irgendwo am Berg so mir nichts dir nichts alleine reinlaufen? Selbst wenn dir nichts passiert, versackst du dort die nächsten acht Stunden und ich weiß nicht ob du stirbst oder nur Fotos machst!“, begehre ich auf. „Und außerdem weiß ich, dass du dich freust, wenn ich mitkomme und dich unterstütze“, füge ich in Gedanken hinzu, will ich mir diese Blöße aber nicht geben. Dem weiß er wohl nichts mehr hinzuzufügen und so machen wir uns auch schon auf den Weg. Kräftig scheint die Sonne nun, der vierzig minütige Aufmarsch bringt uns ins Schwitzen. Schließlich sind wir vor der vermoosten Wand mit dem gähnend Schwarzen Loch angekommen. Eisige Kälte weht uns entgegen und der Boden ist mir Gletscherwasser überflutet. Der erste Schritt meines, lediglich mit einem Flip Flop bekleidetem, Fußes macht mir bewusst, dass ein Kneipbad im heimischen Kurort eine warme Badewanne ist. Ich schärfe Dave ein, er solle nicht zu schnell gehen, da ich keine Taschenlampe habe und um keinen Preis plötzlich allein da stehen will. Er nickt geistesabwesend, prescht voller Tatendrang nach vorn. 200 Meter Nass-kaltes Tunnelgewölbe liegen vor uns. Oh Dave, wenn ich dich nicht so lieb hätte…

Sieht doch gar nicht so uneinladend aus oder?

Nach vorsichtigem Tapsen, klatschnassen Beinen und dem Ausblenden jeglich gelesener Psycho-Horror-Thriller schalten wir die Lampen ab und warten. Um uns herum beginnt es zu leuchten, winzig klein und blau, erstrahlen sie wie ein mystischer Sternenhimmel. Schon nestelt Dave an meinem Rucksack herum um sein Equipment heraus zu holen. Und dann ist es plötzlich still. Ein eisiger Tropfen läuft mir das Rückrad herunter und ein gepfeffertes, aussagekräftiges: „Fuck“ klingelt mir in den Ohren. Dave’s entgleistest Gesicht kann ich mir nur vorstellen, als er mir mit fast tränenerstickter Stimme beichtet er habe die Fernbedienung für die Langzeitbelichtung im Auto vergessen. „Aber du kannst doch auch manuell auslösen!“, versuche ich ihn aufzumuntern und die Situation zu retten. „Aber nicht im Bulb- Modus“, kreischt er fast. Die Wut die er nun schiebt, ist greifbar. „Also gut!“, sage ich. „Dann bleibt nur eine Lösung! Wir gehen die Fernbedienung holen!“

„Aber dass sind noch 2×40 Minuten und dann noch der letzte Abstieg! Ganz zu schweigen, dass ich um Punkt sieben Uhr abends am Seestern Strand sein muss- da ist nämlich nur ganz kurz Ebbe, und die zwei Kilometer bis dahin muss ich auch noch laufen! Brot haben wir auch keins mehr und jetzt ist es schon drei Uhr Nachmittags! Und eigentlich wollte ich dort schon um fünf Uhr sein, damit wir noch Zeit zum Abendessen haben, denn Campingplätze gibt es dort auch nicht – und …“. Da nehme ich den völlig aufgelösten Dave an der Hand und marschiere in die Dunkelheit aus der wir gekommen sind. „Wir schaffen das! Zusammen schaffen wir das alles!“

Im Eiltempo ziehe ich einen noch immer lamentierenden Dave hinter mir her, ihn zu überzeugen versuchend, sich von diesem kleinen Missgeschick nicht die Laune verderben zu lassen. „Wir sind nicht um sonst in den Bergen aufgewachsen! Wir sind trittsicher und schnell! Egal mit welchem Schuhwerk. Und überhaupt, würde sich dieser Weg in den Alpen gerade mal einen Spaziergang schimpfen.“, übertrumpfe ich seine Argumente und presche bergab. Und tatsächlich, nur zwanzig Minuten später sind wir am Auto, packen die Fernbedienung ein und jagen wieder bergauf. Diesmal vierzig Minuten für Ab- und Aufstieg. Als ich erneut vor dem schwarzen Eingang stehe, graut es mir vor der Enge und der Kälte- doch immerhin sind meine Füße noch so taub, dass ich das eisige, knöchelhohe Wasser kaum bemerke. Inzwischen ist Dave ruhiger geworden und greift, recht dankbar, meine Hand. Weitere vierzig Minuten harre ich in der Schwärze mit ihm aus, leise dem Click Geräusch der Kamera lauschend.

Ob es sich gelohnt hat? Für mich allemal!!!! Danke Liebste!!

 

Tapfer ist sie meine Clara. Eiskalt, kein Licht, nass… Ohne sie gäbe es diese Bilder allerdings gar nicht, also bedankt euch auch bei ihr 😉

Als wir endlich wieder am Auto angelangt sind, wird mir bewusst, dass der Tag noch lange nicht vorbei ist. Mir fällt der erwähnte Seestern Strand ein, an den er unbedingt noch mal möchte, weil die Wetterbedingungen das letzte mal etwas unschön waren. Bei einem stillen Seitenblick auf Dave, weiß ich außerdem, dass ich die dreieinhalb stündige Autofahrt übernehmen werde- zu sehr schlägt er sich die Nächte mit Knipsen der Sternbilder um die Ohren, am Tag für seine Exkursionen bezahlend. Kaum fahren wir, ist er auch schon eingenickt und ich bereite  mich auf eine einsame Fahrt vor. Fast glaube ich es selbst nicht, dass ich die langen, kurvigen, von toten Possums bespickten Straßen so schnell und gleichzeitig sicher fahren kann, dass wir um Punkt Sieben Uhr ankommen. Also bitte ich Gott und Schutz und Sicherheit, freies Feld und äußerste Konzentration. Und es klappt: mit steifen Gliedern, am Lenkrad festgekrampften Händen und starr aufgerissenen Augen, komme ich um 18:58 Uhr auf dem Parkplatz über den Klippen zum Stillstand. Dave ist begeistert, sucht seine sieben Sachen zusammen und verschwindet so schnell wie er eingeschlafen ist. Eigentlich würde ich mich jetzt gern in der Abendsonne entspannen, aber draußen warten mal wieder hunderte hungrige Sandflys und so bereite ich unser Abendessen irgendwie zwischen Autositz und Armaturenbrett zu. Nun heißt es erneut warten, bis der zukünftige Gatte seine Momente im Kasten hat und wir uns über das Mahl hermachen können. Mit Einbruch der Finsternis, um 21:15 Uhr, klopft er endlich ans Beifahrer Fenster.

Zwar sind dieses Mal die Bedingungen nicht viel besser, aber immerhin ist der Himmel klar und nicht hinter lauter Dunstnebel versteckt.

 

Sogar mit Sonne! Danke Clara fürs Fahren, fürs geduldig sein, fürs Essen machen, fürs Warten, für die Ermutigung und für einfach alles!!

Morgen, so ist mein letzter Gedanke, will ich nichts mehr von Würmchen und Sternchen hören, wobei… ach und wenn schon- solange Dave glücklich ist, bin ich es auch.

Auf unserer Weiterfahrt wieder in Richtung Christchurch halten wir eines nachts an einem kostenlosen Campingplatz. Als sich uns am nächsten Morgen dieses Panorama eröffnet, machen wir sofort das Kayak los und paddeln eine Runde um diesen herrlich spiegelglatten See.

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: