18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Inselleben

Ein neuer Tag. Und wieder scheint die Sonne, die Palmen biegen sich im Wind und ich bin glücklich. Es will gar nicht abreißen. Mientje und ich machen Spaziergänge am Strand. Betrachten Seeigel, angespülte Kokosnüsse, Seegras und unterhalten uns über das kommende Jahr mit all seinen Neuigkeiten. Wir schwingen uns mit einem an einer Palme befestigtem Seil durch die Luft und nehmen Platz in Hängematten die nur für uns dort zu sein scheinen. Wind weht uns durch die Haare und seit Tagen haben wir nur noch Badesachen an. Irgendwie ist die Zeit stehen geblieben und macht Platz für das Kennenlernen des eigenen Ichs. Was man eigentlich will, was man liebt und wonach man sich sehnt. Alte Erinnerungen und Zukunftswünsche.

Wir genießen die Sonnenuntergänge an ‚unserem‘ menschenleeren Strand, schlagen uns die Bäuche voll und steigen auf die Roller für neue Erkundungstouren. Einheimische winken uns zu, gucken uns hinterher. Wieder einmal bestaune ich die Einfachheit dieser Insel. Die kleinen Bambushütten zwischen den Palmenwäldern. Keine Betonbauten, keine Gartenzäune. Kühe und Ziegen laufen grasend durch die Büsche. Hühnchen mit ihren Kücken picken nach Würmern. Hier und da waschen Frauen die Kleidung der Familie in Brunnen. Kleine Kinder stehen eingeseift daneben und blicken mich mit großen Augen an. Auf unserer Suche nach dem Mangrovenwald, kommen wir an einem kleinen Strandabschnitt vorbei der uns mit einer unglaublichen Farbe lockt. Aufgeregt deute ich mit dem Zeigefinger auf das Wasser und laufe schließlich auf das Meer zu. Strahlend weißer Sand unter meinen Füßen, türkises Wasser, so durchsichtig, dass man jedes Sandkorn sehen kann. Ich kann es nicht fassen. Es ist so unglaublich schön. „Ich fasse es nicht! Es ist so schön! Es ist sooo schön!“, bekomme ich mich nicht mehr ein.

Ich laufe und renne über den Strand, meine Hände streifen durch das warme Wasser. Ich springe, hüpfe und führe mich auf wie ein Kind. Mientje lässt sich von meiner Freude anstecken. Wir machen Fotos und strahlen und lächeln und lachen. Während wir unserer Energie freien Lauf lassen, scheint Dave eher ein stiller Genießer zu sein. Er treibt im seichten Wasser vor sich hin, spielt mit dem feinen Sand und unterhält sich mit den einheimischen Kindern.

Als die Energie langsam nachlässt, stapsen wir zurück zum Ufer… und machen ein paar erschreckende Funde. Zwischen wunderschönen Muscheln finden wir auch das ein oder andere Organ. Ja, richtig gelesen- auch uns sind die Augen beim Anblick der Lunge am Strand fast ausgefallen. Eine Blase, und auch ein Stück Darm waren vorzufinden. Tablettenblister, Alkoholflaschen und Scherben inklusive. Das erklärt zumindestens das Fehlen von Touristen. Wir fragen ein paar Einheimische ob sie wissen woher die Organe stammen, doch diese sind zu betrunken um überhaupt unsere Frage zu verstehen. „Die Größe der Organe würde zu Menschen passen, doch das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!“, überlege ich laut. „Wahrscheinlich von einem Schwein“, gibt Mientje zurück. Wir belassen es bei einer optischen Besichtigung und machen uns wieder auf den Weg.

2016.10.04.083635-0463

Joooahh, was soll man dazu noch großartig sagen?

Etwas düster und geheimnisvoll schlängelt sich der Steg hoch über dem Wasser durch den Mangrovenwald. Die Bretter sind krumm und schief und einige fehlen. Ein Blick über die Brüstung lässt mich auf die dunkelgrünen Moosüberzogenen, aus dem Boden wachsenden Spitzen sehen. Zu hunderten steigen sie empor. Kleine rote Krebse, mit Punkten und blauen Scheren wandern hindurch. Schnatternd gehen sie ihrer, für mich nicht erkennbaren, Arbeit nach. Einheimische haben Baumhäuser in die uralten, großen Bäume gebaut, welche diesem Ort noch mehr Eigensinn verleihen. Am Horizont brauen sich dunkle Wolken zusammen und wir machen uns auf den Rückweg. Zwischen den morschen Brettern höre ich etwas zaghaft miauen und finde ein ausgehungertes, kleines Babykätzchen mit verklebten aber kristallklaren Augen. Schwächlich versucht es die Treppe hochzukommen, und scheitert kläglich. Ich nehme es in die Hände und trage es bis zu den Einheimischen, hoffend, dass sie ihm etwas Liebe und Milch geben werden.

Auf dem Roller, mich an Dave klammernd und das Gesicht in seinem Rücken vergrabend, denke ich über die vielen Fälle nach, in denen unglaubliche Schönheit mit Schrecken einhergeht. Was Gott erschaffen hat, mit soviel Phantasie und Glanz und wie es der Mensch zerstört. Wie er es immer mehr ausbeutet und kaputt macht, bis es schließlich nicht mehr da ist. So wie das Great Barrier Reef in Australien, das heute, nach über 25 Millionen Jahren für ‚tot‘ erklärt wurde… Gedanken gehen mir durch den Kopf, wie viel wir Menschen retten könnten. Wie viel wir aufhalten können, wenn sich jeder nur etwas bemühen würde. Weniger Plastik gebrauchen würde, weniger oder besser kein Fleisch essen würde, keine Produkte kaufen würde die Tierversuche voraussetzen, keinen Pelz tragen würde. So kleine Sachen, die in der Masse so viel verändern. Doch der Mensch denkt nur an sich und verschließt vor allem was die Bequemlichkeit raubt die Augen. Und so hebe ich von meinem Abendessen im Restaurant etwas auf, packe es in eine Serviette und setze mich auf die Stufen unserer Veranda. Zwischen den Büschen raschelt es, und ein kleines, abgemagertes Hündchen kommt zum Vorschein. Seit Tagen folgt es mir auf Schritt und Tritt, doch in gebührendem Abstand. Zu angsterfüllt ist es um sich anfassen zu lassen, doch schläft es nachts auf der Matte vor meiner Tür und passt auf. Und heute ist es endlich soweit das Stück Pizza aus meiner Hand selbst zu nehmen. Und auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, so habe ich heute den Tag dieses Hündchens etwas besser gemacht. Weil nämlich jede Tat zählt. Weil jede Tat ihre Kreise zieht und weil man etwas bewirken kann!

 

 

 

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