18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Im Herzen Sri Lankas

Als wir unsere Lieblings Nilan winkend in der großen geöffneten Flügeltür zurücklassen, ist mein Herz wehmütig und freudig zu gleich. Lächlend, mit ihren großen braunen Augen steht sie da und wünscht uns von Herzen alles Gute. Wie wunderbar, dass wir sie in 10 Tagen wieder sehen dürfen. Liebevoll hat sie uns die ganzen letzten Tage mit Bananenblüten, Linsen, Getreidebällchen und Kokosreis bekocht, uns Tee bereitet, Snacks mitgebracht und sogar Bier besorgt. Zusammen saßen wir in der gold-orange arrangierten Sitzecke und philosophierten über ferne Länder, Gerechtigkeit und gutes Essen. Während Dave spät abends im Reisfeld saß und Glühwürmchen fotografierte, teilten wir das Leiden einer sportlichen Betätigung und gingen zusammen Laufen. Eine schweißtreibende Angelegenheit bei 28°C. In ihrem eher nach Oxford- äußerst Damenhaft klingendem Englisch ließ sie es sich nicht nehmen sich wieder und wieder nach unserem Wohlbefinden zu erkundigen: „You must be staaaarving, wouldnt you like to have dinner?“ Ach Nilan, wir haben dich wirklich ins Herz geschlossen. Mit unserem Tagesrucksack und zwei Turnbeuteln auf den Rücken, steigen wir in ein rotes TukTuk und begeben uns auf den Weg ins Landesinnere. Großzügig wie unsere Gastgeberin ist, dürfen wir unsere schweren Reiserucksäcke bei ihr lassen und fortan mit leichtem Gepäck die Insel erkunden. Was für ein Vorrecht, ich fühle mich großartig.

Das Essen ist zwar sehr lecker, allerdings auch ziemlich gesund.

Das Essen ist zwar sehr lecker, allerdings auch ziemlich gesund.

Der Morgen ist noch jung, trotzdem liegt eine drückende Hitze in den Straßen. Staub und Abgase nehmen mir die Luft. Zusammen mit anderen Einheimischen warten wir am Straßenrand auf den Bus. „Wenn er zu voll ist, können wir ja auf den nächsten warten!“, sind wir uns einig. Ein blechernes Hupen, ein schreiender Busfahrer, ein gerammelt voller Bus. Diese allgemeine Panik muss auch von uns Besitz ergriffen haben, denn wir laufen wie von der Tarantel gestochen zu den vor Menschen überquellenden Eingängen. Von hinten werden wir noch ein Stück hineingedrückt, zurechtgerückt, dann gibt der Busfahrer bereits Gas. Was haben wir uns dabei gedacht? Ich sehe Dave hinter einem behaartem, braunem Arm. Er hält sich mit beiden Händen an Haltestangen fest, der Rucksack und sein Kopf noch außerhalb des Buses. Auch ich stehe noch auf den Einstiegstreppen. Ein Vorwärtskommen ist unmöglich. Sechs Stunden Fahrtzeit liegen vor uns. „Ruhig bleiben und an was Schönes denken!“, weise ich mich selbst an. Jetzt nur keine Platzangst entwickeln. Nächste Haltestelle: „Vielleicht steigt jemand aus?“ Ich blicke Dave hoffnungsvoll an. Der Bus wird langsamer, drei junge Männer drücken Dave ein Stück ins Innere und stehen mit nur einem Fuß auf der äußersten Stufe. Es ist heiß, meine Haut klebt. Irgendjemand riecht ziemlich ungewaschen und lediglich mein Kopf berührt keine andere Oberfläche. Ruckartiges Bremsen und Gas geben schmeißt mich gegen die anderen Fahrgäste. Wieder eine Haltestelle, ich wage kaum zu gucken wie viele diesmal einsteigen. Vier weitere drängen sich in den Bus, frage mich wie das möglich ist. Noch fünf Stunden und 50 Minuten… Mir bricht der Schweiß aus.

Nach zwei Stunden engstem Körperkontakt mit jedem anderen, außer Dave, stehe ich gebeugt, stützend auf Sitzlehnen immer noch im Mittelgang des Buses. Schweiß bedeckt jede Stelle meines Körpers, ich fühle regelrecht wie ich den Schmutz der Umgebung absorbiere. Es hat gefühlte 40°C und ich versuche krampfhaft das sich stark steigernde Gefühl der Übelkeit zu unterdrücken. Mein Gesicht muss meinen physischen Zustand widerspiegeln, denn plötzlich tippt mir der ebenfalls, morbide aussehende Dave auf die Schulter. In der letzten Reihe steht ein Einheimischer junger Mann auf und weist auf seinen Platz. Zwar sitzen auf den sechs Sitzen schon sieben Personen, aber eine kleine Lücke ist soeben frei geworden. Zutiefst dankbar schiebe ich mich durch die Wartenden und lasse mich auf den Platz zwischen die Herren fallen. Nach weiteren 30 Minuten wird erneut ein Platz frei. Gerade will ein anderer Passagier sich diesen aneignen, als der gleiche junge Mann im blauen Hemd diesen abhält und Dave deutet er solle sich setzen. Mein Sitznachbar nimmt mir sogar den Turnbeutel ab und bettet ihn für mich auf seinem Schoß, sodass ich nicht zwei Gepäckstücke halten muss. Jetzt wo ich mehr Konzentration zum Beobachten aufweisen kann, wird klar hier machen alle das Gleiche durch und jeder hilft jedem. Die Menschen die im Mittelgang stehen müssen, oder an den Eingängen an Haltestangen hängen, werfen ihr Gepäck durch die geöffneten kleinen Fenster zu den Menschen die einen Sitzplatz ergattert haben. Ganz selbstverständlich legen diese die Tüten und Taschen auf ihren Schoß und behalten sie dort bis zum Ausstiegspunkt des Besitzers.

Trotz des von nun an erworbenen Sitzplatzes ist die Fahrt aufgrund des Fahrstils und der Hitze trotz allem eine Tortur. Nach fünf Stunden leert sich der Bus allmählich und schafft Platz für neue Kuriositäten. Verkäufer aller Art springen in Kurven auf und ab und bieten ihre Ware an. Roh aufgeschnittene Zwiebelringe mit gedörrten Peperoni, Maiskolben und allerlei Frittiertes wird in Papiertütchen, bestehend aus alten Zetteln mit Matheaufgaben darauf, angeboten. Als unser Bus für eine kurze Toiletten Pause anhält, erklimmt ein schmächtiger alter Mann die Einstiegstreppen. Seine hagere Gestalt ist in ein grünliches Hemd und einen erstaunlicherweise strahlend weißen Rock gewickelt. In der einen Hand hält er ein Bastkörbchen, mit der anderen stützt er sich auf seinen Gehstock. Direkt neben dem Fahrer bleibt er stehen und öffnet seinen zahnlosen Mund. Sein gleichzeitig gelangweiltes und doch ernstes Gesicht beginnt nun, der Manier eines Predigers zu erzählen. Mit eindringlichen Blicken sieht er den Fahrgästen in die Augen, hebt unterstützend seinen Stock in die Luft und fuchtelt damit rum. Frage mich was er von sich gibt. Dann lüftet er seinen Rock und streckt seinen linken Fuß in die Höhe. Dieser ist bandagiert und besitzt lediglich nur noch die große Zehe. Wissend nickt er und macht dann eine Kunstpause. Nun bin ich interessiert. Er reckt den zweiten Fuß hoch, an diesem ist alles abgeheilt, jedoch hat er auch dort nur noch zwei kleine Zehen. Sein Geschwafel wird nun lauter und er beginnt mit dem Bastkörbchen durch die Reihen zu laufen. Als er bei uns angelangt ist, erkenne ich was er verkaufen will. Weiße Duftkügelchen. Während der Greis den Bus bereits wieder verlässt sinne ich noch über seine Werbetaktik nach. Die Parallelen wollen sich mir nicht ganz erschließen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir schließlich die zentral gelegene Stadt Kandy. Ziemlich geschwächt aber fröhlich steigen wir aus dem rollenden Ungetüm und stehen mitten im Verkehrschaos, welches nur noch von winkenden Verkehrspolizisten beherrscht werden kann. Zwischen riesigen Obstständen drängeln sich Einheimische, Touristen, Straßenhunde und lärmende Kinder. Nach nicht mal zwei Schritten umwerben uns die ersten TukTuk Fahrer und bieten uns ihre ‚besten‘ Preise da. Müde nehmen wir einfach den erst besten und lassen uns für etwas zu viel Geld zu unserem gebuchten Apartment abseits des Trubels fahren.

Paddyfields everywhere. Sunset at Nilan's.

Paddyfields everywhere. Sunset at Nilan’s.

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