18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Flug DY7201 und seine Folgen

 

 

Überpünktlich und aufgeregt sind wir am Flughafen in Oslo angekommen. Sehr gründlich checken wir alle unsere Daten, stecken unsere Rucksäcke in ihre Packsäcke und kontrollieren die Festmachung der Tags. Soweit alles gut. Direkt nacheinander verschwinden die grünen Pakete aus unserer Sichtweite. Im Flugzeug ist alles bis auf den letzten Platz belegt, die Luft ist stickig. Ein neben mir sitzender, älterer Herr im gestreiften Polohemd entledigt sich seiner Turnschuhe. Seine Füße müssen sich über die neugewonnene Freiheit sehr freuen, dem Duft nach zu urteilen waren sie lange in Gefangenschaft. Mein Blick wandert weiter. Eine Reihe vor ihm sitzen drei blonde Norwegerinnen, die ihren Trip nach Thailand genaustens geplant haben. Ich bewundere die dicke Klarsichthülle in der sich die booking.com Ausdrucke häufen. Käsefuß rinnt eine Schweißperle an der Schläfe herab. Gekonnt kratzt er sich an seiner Wampe und rückt mit dem Zeigefinger seine goldene Hornbrille zurecht. Zeine Zehen strecken sich freudig.

Eine Anweisung des Kapitäns unterbricht meine Beobachtungen. Es geht los. Für einen Langstreckenflug ist die Maschine wenig komfortabel. Während man bei Qatar oder Etihad Decken, Zahnbürste, Socken und Kissen bekommt, muss man sich hier mit der zehn Zentimeter Zurückstellung der Sitzlehne begnügen. „Nun gut“, denke ich mir, „Immerhin gibt es bald Essen!“. Der Geruch von Pasta und frischen Brötchen breitet sich aus. Mein Magen knurrt. Die Thailändischen Flugbegleiterinnen der Norwegischen Airline tippeln gekonnt die Gänge entlang und verteilen Tabletts. Endlich ist unsere Sitzreihe dran. Der desinteressierte, junge Thai, mit der fancy Frisur, links neben uns nimmt dankend das Tablett an. Lächelnd geht die Flugbegleiterin ohne uns eins Blickes zu würdigen weiter. Gedämpftes Schmatzen ertönt zwischen den Sitzreihen. Ich sehe Dave fragend an. „Vielleicht gibt es hier eine Liste und wir kommen gleich noch dran…“, versuche ich meine aufkommende Angst zu beruhigen. Ich warte. Erneut Wägelchen am Ende des Ganges. „Jetzt aber“. Der glückliche Thai bekommt nun Kaffee serviert, sein Tablett wird eingesammelt. Ein Stau lässt den Essenswagen mit seinem dazugehörigen Flugbegleiter kurz zum Stillstand kommen. Ich nutze die Gunst der Stunde und blicke den etwas dicklichen Südländer an. Er ignoriert mich. Ich intensiviere meinen Blick, halte Stand. Den Namen auf seinem angesteckten Schild kann ich nicht aussprechen. Ein kurzer Augenaufschlag durch die Gläser der schwarzen Brille, dann ein stummes Seufzen. Als ob es verboten wäre, reicht er mir endlich ein Becher mit Wasser und schiebt dann eilig den Wagen davon. Mir wird klar, dass dies die einzige Dienstleistung war, die wir diesen Flug bekommen würde. Ein Blick auf die Uhr: noch neun Stunden bis zu Ankunft.

 

Nach drei Filmen, die laut Norwegian Air brandaktuell, in Wahrheit jedoch schon fünf Jahre alt sind, versuche ich Herr der Dinge zu werden. Mein Sitzfleisch ist etwas taub und mein Bein ist zum vierten mal eingeschlafen, jedes Sauerstoffmolekühl scheint die Flucht ergriffen zu haben. Dave sitzt verkrümmt auf seinem Sitz, den Kopf auf die Fäuste gestützt, um Schlaf bemüht. Ein lautes Schnarchen tönt von Stinkefuß herüber, die Hände hat er locker über seinen Wanst gelegt. Klicke mich wieder durch die Videoauswahl. Wechsele nun zu den Serien. Vorne brüllen zwei Babys um die Wette.

 

Irgendwann macht uns der Pilot darauf aufmerksam, dass wir uns im Landanflug auf Thailand befinden, er sich für die Unannehmlichkeiten entschuldige und hoffe dass die Passagiere mit dem ausgezeichneten Service der Thaigroup zufrieden gewesen seien. Rollende Wägelchen mit Sandwiches und Cookies lassen meinen übersäuerten Magen rebellieren. Gerade nimmt eine der Norwegerinnen ihr Lunchpaket in Empfang. Sie öffnet es. Ein kritischer Blick und sie lässt den Inhalt wieder reinplumpsen. „Wie kann sie nur…! Vielleicht isst sie es ja gar nicht?“, denke ich heimlich. Verstohlen lecke ich mir über die Lippen. Jetzt stellt sie das Tütchen auf den Boden. „Verdammt! Vielleicht hebt sie es für später auf?“. Dave lehnt schwer an meiner Schulter. Am Anfang des Ganges kommen bereits die Mülleinsammelnden Flugbegleiter in Sicht. „Jetzt ist meine Chance!“. Nur noch zwei Meter. Die Norwegerin hebt das Tütchen wieder auf. Verheißungsvoll steht es auf dem kleinen, grauen Tischchen. Nur noch ein Meter. „Excuse me? Don’t you eat this?“, ich zeige auf das Tütchen. Die Norwegerin dreht sich um. „Aahhm, no! You want it?“ fragt sie mit hochgezogenen Brauen. Mein „Yes please! Thank you so much!“ muss sich so verzweifelt und lüstern zu gleich anhören, dass ich mich etwas schäme. Sie reicht mir das Päckchen, kurz bevor die Hand der Flugbegleiterin zugreifen will. Ich reiße es an mich wie einen verloren gegangen Schatz.

 

Völlig übermüdet, ausgehungert und halb am verdursten, dankend das bei den Problemen mit dem Bordcomputer und dem Wetterumschwung nichts passiert ist, kommen wir zehn Stunden später in Bangkok an. Es ist 6:00 Uhr morgens. Dave und ich stehend schwitzend am Gepäckband. Es hat 35° Celsius. Nach 40 min stehen mir nicht nur Schweißperlen sondern auch Sorgenfalten auf der Stirn. Daves Rucksack ist in Oslo verschollen.

Als der Taxifahrer, mit dem milchigen Auge, und all seine 20 Kollegen die Adresse unseres Appartements nicht kennen, möchte ich ein wenig weinen.

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