18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Ein Seidenhühnchen in Not

Müde klappe ich meine Augen auf, versuche mich auf den Tag zu besinnen. Durch einen Spalt zwischen den Vorhängen fällt ein Lichtstrahl aufs Bett und lässt mich die Tageszeit nur erahnen. Unwirsch schiebe ich das restliche Stück Stoff zur Seite und blicke direkt in einen trüben, regnerischen Morgenhimmel. Als ich meinen Kopf noch ein Stück nach links drehe, sehen mich die vergessenen Wäschestücke auf der Leine anklagend an. „Shit“, rutscht es mir raus. Ich wühle mich aus den Laken und taumele auf die Tür zu. Hoodie und Wollsocken angezogen, schlurfe ich in meinen rosa Crocs auf den Wäscheständer zu. Alles tropfnass. Na super. Ich stopfe die Klamotten in eine Tüte und mache mich anschließend auf den Weg die Tiere zu versorgen. Als ich, von Polly und Scooby begleitet am letzten Hühnergehege ankomme, fällt mir ein goldgelber Punkt auf der triefnassen Erde auf. Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Meine Gedanken überschlagen sich: „Das wird doch hoffentlich kein Hühnchen sein!“ Seit dem letzten Massaker durch den Marder bin ich um jedes einzelne Exemplar noch mehr besorgt. Doch nach zwei weiteren Metern stellt sich die Tatsache als unverkennbar heraus. Es ist Goldie, eines der Seidenzierhühner im vorderen Bereich des Hofes und besonderer Stolz der Besitzerin. „Fuck Fuck Fuck“, flüstere ich. „Nicht noch eins!“ Die Futterschaufel noch in der Hand haltend, stoße ich das tropfnasse, dreckige Bündel sachte an, und verharre in der Bewegung. Hat sich da gerade etwas bewegt? Ganz leicht nickt das Köpfchen. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf, renne so schnell ich kann ins Haus und hole ein Handtuch. In Windeseile renne ich zurück, packe das Bündel in das Handtuch und renne wieder ins Haus. Dave ist direkt zur Stelle und ich erzähle ihm alles: „Sie saß einfach da, und sie ist eiskalt, aber ihr Augapfel hat sich minimal bewegt!“

„Spürst du noch einen Herzschlag?“, fragt mich Dave, nun auch hellwach. „Nee“, mache ich ein verzweifeltes Gesicht. Wir entscheiden sie in ein warmes Wasserbad zu setzen und ich beginne ihren Brustkorb zusammen zu drücken. Wie man wohl ein Huhn reanimiert? Ich mache alles nach Gefühl und trockne sie schließlich ab. Goldie ist immer noch eiskalt und ab und zu frage ich mich, ob sie nicht schon einfach tot ist. Ein Föhn ist schnell zur Hand und vorsichtig pusten wir ihr Daunenkleid trocken. „Da, wieder ein Kopfnicken“, blicke ich Dave hoffnungsvoll an. Während er föhnt, bearbeitet ich die schmale Hühnerbrust und bete was das Zeug hält. Bei Erfrierungen ist Zeit die Lösung, erinnere ich mich an den ein oder anderen unterkühlten Opa aus meinen Krankenhaustagen. „Goldie, du musst durchhalten!“, flehe ich das kleine Tier an. Wieder ein Kopfnicken. „Ok, ok! Ich glaube an dich. Wir schaffen das!“, flüstere ich ihr zu. Dave hat inzwischen den Ofen eingeheizt und nun sitze ich mit dem goldenen Fleck in meinen Armen direkt davor. Sachte streichle ich sie, murmel ihr beruhigende Worte zu. Dave reicht mir einen Löffel mit Zuckerwasser und wir beträufeln vorsichtig ihren Schnabel. Nicht gerade das beste, aber einer 500 ml Glucose Infusion doch noch am ähnlichsten. Die Stunden gehen ins Land und ich sitze müde neben dem komatösen Hühnchen. Wieder und wieder legt Dave Feuerholz nach und ich flöße Tröpfchenweise Zuckerwasser ein. Langsam scheint sich die Atmung zu kräftigen und als Goldie das erste mal für zwei Sekunden die Äuglein öffnet, möchte ich jubeln. „Sie wird durchkommen“, macht Dave mir Mut und ich drücke sie an mich. Noch kann sie weder ihre Flügel oder die Beine bewegen, aber sie atmet und macht immer mal wieder die Augen auf.

Am frühen Abend schließlich sitzt Goldie mit aufmerksamen Augen auf ihrem Deckchen und guckt mal nach rechts, mal nach links. Körnchen mag sie noch nicht, und so beschließe ich einfach ihr noch Zeit zu geben. Gerade schreibe ich diese Zeilen, als das kleine Tier versucht aufzustehen. Sofort eile ich zu ihr um sie zu beruhigen. Wild schlägt sie mit den Flügeln, doch der Kopf hängt schlaff herab. Als ich sie schützend in die Hände nehme, spüre ich ihre letzten Minuten davon streichen. Speichel rinnt aus dem kleinen Schnabel und plötzlich wird alles schwach. Ihre Augen schließen sich und ich weiß, sie hat es nicht geschafft. Jetzt liegt sie hier, ganz still, in ihrem goldenen Federkleid. Draußen wartet Hendrik, ihr Seidenhahn. Der seine zwei Hennen immer als erstes nach den Körnchen picken lässt und sich so fürsorglich um sie kümmert.

Ein altbekanntes Gefühl überrumpelt mich. Alles versucht  und schlussendlich doch versagt zu haben. Ein Leben gehen zu sehen, bewirkt gleichzeitig das eigene noch mehr zu schätzen. Und sich mit der Wahrheit zu konfrontieren, nämlich dass eines jeden Lebewesens Tage schon vor seiner Geburt gezählt sind. Mit der Schaufel in der Hand und Goldie im Arm, schicke ich sie auf den Weg in den Hühnerhimmel und erweise ihr die letzte Ehre. Einfach weil alle Geschöpfe Gottes liebenswert sind, auch kleine Hühnchen, die nachts zu spät nach Hause kommen.

 

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: