18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Ein bisschen wie Winterblues

 

Unschlüssig stehe ich vor dem Spiegel und starre angewidert dem Gesicht darin entgegen. Dünne strähnige Haare, angeschwollene Tränensäcke, ein schmaler Mund und Augen die ich nicht kenne, blicken mir entgegen. Verzweifelt versuche ich die langen Fransen irgendwie adrett aussehen zu lassen, doch es will mir nicht gelingen. Zudem ecke ich in der kleinen Kabine unseres Wagens ständig irgendwo an und Utensilien die ich aus dem Schrank nehmen will fallen unschön auf den Boden. Wutentbrannte Gedanken türmen sich zunehmend wie dicke Gewitterwolken auf und entladen sich schließlich, in Form eines Faustschlags gegen die Wand, mit einem Ohrenbetäubenden Knall. „Ich hasse mich!“, schreit es nur so aus mir heraus. Warum muss ich so aussehen wie ich aussehe? Eine Welle ohnmächtiger Hilflosigkeit, gepaart mit grausigem Selbstmitleid überrollt mich unangekündigt, reißt mich mit sich in die Tiefe und ist dabei alles andere als unbekannt. Die Wahrheit schmerzt und nimmt der Phantasie jegliche Hoffnung. So wurde ich geboren, so sehe ich aus und daran wird sich nie etwas ändern. Dieses eine Gesicht, an dem auch Schminke nur für kurze Zeit etwas vortäuschen kann, ist jenes welches für mich ausgesucht wurde. Ebenso die Länge meiner Beine, wie auch die Dicke. Und alles andere was mir ein Dorn im Auge ist.

In meiner abwärtsführenden und nutzlosen Raserei, meldet sich leise, kaum hörbar ein winziges Stimmchen: „ Und was ist mit deinen Füßen? Schau wohin sie dich schon überall getragen haben. Welche Orte du durch sie entdecken konntest…!“ Das Stimmchen gewinnt nun an Kraft und legt gleich nach: „Und deine Beine, welche du so verabscheust, haben deinen Füßen dabei geholfen. Ihre Muskeln haben dich die Nächte durchtanzen lassen, ließen dich durch die goldenen Felder Neuseelands rennen, ermöglichten dir durch das Azurblaue Wasser der Philippinen zu schwimmen und betätigen nun die Pedale deines Lieblingsgefährts in Richtung große Freiheit. Und überhaupt, hast du keine einzige Krankheit die dich irgendwie einschränken würde. Alles, aber auch alles ist dir möglich.“

Ich, inzwischen leise geworden, sinke auf die schmale Bank gegenüber des Küchentresens und lausche beschämt den weisen Worten aus meinem Inneren. Mehr liebevoll als anklagend ertönt es weiter: „Und was wenn dich jemand genauso haben wollte? Wenn dich jemand, so wie du aussiehst, absolut atemberaubend und wunderschön findet? Wenn du sein größtes Meisterwerk bist…“

„Dann hat er aber einen ganz schön schlechten Geschmack!“, will ich unterbrechen, schlucke den undankbaren Gedanken aber gleich wieder herunter.

„So wurdest du gemacht, weil sich jemand nichts Schöneres vorstellen konnte, als dieses einmalige Gesicht, das du jetzt trägst! Diese Beine wurden genau für die Abenteuer designt, die du so gerne erleben willst und die Augen die du nicht kennst, werden vielleicht eines Tages noch viel mehr Schönheit an dir entdecken… wenn du dich endlich mal darauf einlassen würdest! Und solange du das nicht annehmen willst, könntest du wenigstens der Realität ins Auge blicken und einfach dankbar sein, dass jede Zelle deines Körpers genau so funktioniert wie sie soll.“

Fröstelnd blicke ich aus dem kleinen Seitenfenster in den grau verhangenen, bewölkten Himmel und weiß ganz genau was mir nun bevorsteht. Ich kann mich jetzt entscheiden. Werde ich weiter meine einsame und erniedrigende Selbstmitleidsparty feiern und mich dabei immer noch hässlicher finden oder fokussiere ich meine Gedanken auf das Wesentliche. Auf die Wahrheit. Ja ich sehe so aus, und ich werde nichts daran ändern können. Und selbst wenn ich mich nicht schön finde, für jemand ganz Bestimmten bin ich das Schönste, dass er je gesehen hat und ich beleidige sein großartiges Gesamtwerk jedes mal aufs Neue, wenn ich mich so dem Selbsthass hingebe. Und wenn das an den ganz schlechten Tagen als Argument nicht reicht, dann besinne ich mich eben auf meine Gesundheit. Das allein ist Grund genug an allen Tagen mehr als dankbar zu sein.Während ich noch sinniere, ist meine Entscheidung längst gefallen… Noch angeschlagen aber mit neugeschöpftem Mut, ziehe ich einfach eine Mütze über den Kopf, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und schlucke meinen Stolz herunter. Während ich durch die Hintertür unseres Wagens heraussteige, verbiete ich mir den Blick in den Spiegel und versuche stattdessen ein Lächeln auf meine Lippen zu legen. Irgendwo hab ich mal gehört, dass dies das schönste sei, dass eine Frau tragen könne. Naja, man kann’s ja mal versuchen.

Inzwischen legen wir nicht mehr so große Streckenabschnitte zurück, da wir, wie man es auch am Wetter merkt, auf der Inselgruppe der Lofoten angekommen sind. Die letzten Tage haben wir, mit kurzen Ausnahmen versehen, im Bus zugebracht. Eng aneinander gedrückt, der Kälte trotzend und dem brausenden Wind lauschend, der unser Gefährt doch immer wieder erzittern lässt. Eisiger Regen perlt an den Fensterscheiben ab und hier und da passt sich auch die unsere Stimmung an das arktische Wetter an. Gelegentlich schleicht sich der ein oder andere wehmütige Gedanke an die warme Sommerszeit daheim ein, und man fragt sich, ob es einem nicht genügt hätte, in Badesachen mit einem Eis an der Isar zu entspannen. Noch mehr ereilt einen dieser Gedanke, wenn man sich, obwohl erst vor drei Tagen das Gegenteil beschworen, schon wieder an einem nasskalten Berghang befindet. Gleichzeitig schwitzend und frierend, mit aus Magnesium Mangel zitternden Beinen und stoßweise gehendem Atem. Es muss die sagenumwobene Wanderlust sein, die uns ein aufs andere Mal plötzlich überfällt und uns die felsigen Scharten hinauftreibt. Die aber auch bereits nach zwanzig Minütigem Unterwegssein schon wieder ganz schnell das Weite gesucht hat. Doch das Hochgefühl, dass sich auf den letzten Metern in den eisigen Höhen breitmacht und die Aussicht über die teils türkisfarbenen Fjorde, das triumphierende Lächeln und das Lob des Partners machen alle Anstrengungen wieder wett. Und genau dieses Heulen des Windes, dem Ausgesetzt sein der Gezeiten, die wilden Farben der einmaligen Natur und das Überschreiten der eigenen Grenzen sind der Grund warum es für uns doch wichtiger ist das Abenteuer zu suchen, als sich zu Hause in Wohlstand und Sicherheit zu wiegen.

Wiedereinmal irgendwo oben angekommen ist der Ausblick zwar wolkenverhangen, aber dadurch trotzdem nicht weniger spektakulär.

Tino bekommt sein obligatorisches KdL Bild und dann steigen wir auch schon wieder geschwind ab.

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