18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Down Under

Es ist also soweit. Seit Wochen freue ich mich darauf. Endlich verlassen wir dieses heiße, stickige von Mücken befallene Land und ziehen weiter. Ein neuer Kulturkreis, ein neuer Horizont. Fast werde ich schon wieder etwas sehnsüchtig nach der Heimat. In den Alpen müsste bald der erste Schnee fallen und die Nächte dürften rauer werden. Wie gerne ich mal wieder etwas kühle Luft hätte. Frisch und nach Schnee duftend. Während wir auf den Take off warten, schwelge ich in der Erinnerung an Auswahl von Wintermänteln, Mützen und Schals. Kaminfeuer, dicke Wollsocken und Tee der nach Zimt schmeckt. Dass der Winter mir so fehlen würde, hätte ich nicht gedacht. Umso besser, dass wir in acht Stunden, wenn wir landen, ein 18° C kühles Sydney betreten dürfen. Ob wohl alles gut gehen wird? Wir haben exakt eine Stunde von der Minute unserer Landung bis zur Abfahrt unsere Busses Zeit, um alles zu regeln und durch den Zoll zu kommen.  Und diesen Bus müssen wir bekommen, denn es ist der letzte der uns ins drei Stunden entfernte Canberra bringt, der wirklich viele Taler gekostet und der unsere einzige Möglichkeit auf eine weiches Bett ist.  Der uns zu Sue bringt, die uns dann um Mitternacht an der Haltestelle abholt. Denn dort wartet dann unser erster Housesit auf uns. Für einen Monat dürfen wir kostenlos in ihrem Haus wohnen. Ihr Auto benutzen und uns wie zu Hause fühlen. Im Gegenzug kümmern wir uns um ihre zwei Hunde und ihre zwei Katzen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich es kaum erwarten. Ein richtiges Bett. Eine eigene Küche, ein Wohnzimmer. Wasser, das man aus dem Hahn trinken kann und das Ende von unzähligen Reisgerichten.

Die Stimme des Piloten reißt mich aus meinen Tagträumen, ich muss eingenickt sein. Gerade erzählt er uns, dass wir uns nun über Australien befänden und in ca zwei Stunden landen würden. Ich schiebe das kleine Verdeck des Fensters hoch und blicke ungläubig hinaus. Unter mir befindet sich rotes, ödes Land- so weit das Auge reicht. Ein paar wenige Straßen schlängeln sich hindurch, doch von Zivilisation fehlt jegliche Spur. Ein riesiger roter Felsen erscheint im Visier, dass muss der bekannte Ayers Rock sein. Ein paar weiße Punkte sind an seinem Fuße zu sehen. Eine einsame Straße, das wars dann aber auch schon. Unglaublich wie riesig dieser Kontinent ist. Als die Abenddämmerung einsetzt, senkt sich unser Flugzeug und mit den letzten Strahlen der Sonne landen wir in Sydney. Adrenalin und Aufgeregtheit macht sich in mir breit. Wie jedes Mal wenn ich ein Land betrete in dem ich noch nie zuvor wahr. Doch diesmal mischt sich noch etwas weiteres dazu. Die Aussicht auf Luxus, die Begierde sich zu entspannen. Länger als zwei Nächte in einem Ort zu verweilen. Einfach und endlich ankommen.

Wir bekommen gelbe Papierkarten ausgehändigt und werden genau gefragt was sich in unserem Gepäck befindet. Wo wir waren, wie lange wir bleiben, was wir vorhaben und auch ob sich verbotene Materialien auf unseren Computern befänden. Wir schreiben alles bis ins Detail auf und ich bin froh mich gut informiert und vorbereitet zu haben. Als das Flugzeug schließlich zum Stillstand kommt werfen Dave und ich uns vielsagende Blicke zu. Jetzt geht es um die Wurst. Kein Trödeln, kein Zögern. Die Frisuren sitzen, Fussel wurden so gut es geht entfernt und der Rücken ist gestraft. Wir stehen auf, 60 Minuten bis zur Abfahrt. Der Countdown beginnt. In weiser Voraussicht schlängeln wir uns zügig an den Asiatischen Passagieren, welche aus Erfahrung immer Probleme mit ihren Dokumenten haben, vorbei um Zeitverzögerungen zu entgehen. Und wir haben Glück, noch vor dem großen Ansturm der Schwarzhaarigen erreichen wir die Passkontrolle für Ausländer. Als wir endlich an der Reihe sind, sind bereits 20 Minuten vergangen. „Ok“, sage ich zu Dave: „Nur noch zum Packband, die Rucksäcke finden, Geld wechseln, durch den Zoll, raus aus dem Gebäude und zur Bushaltestelle!“ Wir stürmen weiter. Hibbelig stehe ich am Gepäckband und bete das die Rucksäcke möglichst bald kommen. Und auch dass sie beide kommen. Noch 30 Minuten bis zur Abfahrt. Gerade will ich mein Sorgenvolles Gesicht aufsetzen, als ich Daves Rucksack entdecke. ‚Gott sei Dank‘, die Hälfte ist schon mal da. Doch wo bleibt mein Rucksack? Dave kommt mit gewechseltem Geld zurück geeilt und sieht mich fragen an. Ich schüttele den Kopf. Bleischwer verstreicht die Zeit und inzwischen sind es nur noch 20 Minuten bis zur Abfahrt. Wir sind die letzen am Band. Mir bricht der Schweiß aus. Wo bitte ist schon wieder unser Rucksack geblieben? Dave rennt los, sieht beim Sperrgepäck nach, sucht die gesamte Flugzeughalle ab und kommt mit leeren Händen zurück. Jetzt bin ich den Tränen nahe. Wimmernd sehe ich Dave an und bringe unter wütendem Schluchzen die Worte: „Nicht schon wieder, keine Kleidung, keine Waschsachen, einen Haufen Arbeit!“ hervor. Wir blicken auf die Uhr und uns wird klar, dass wir den Bus nicht mehr erreichen werden. Nur noch fünf Minuten und wir sind noch nicht mal durch den Zoll. Dave nimmt mich in den Arm und wir beten zusammen. Ich lasse die ganze Sache los und gebe die Situation in Gottes Hände. Augenblicklich kehrt Friede in mich ein. Hand in Hand laufen wir zum Kundenservice. Dort ist niemand und ich möchte schon wieder wütend werden. Kann es nicht einmal einfach reibungslos verlaufen? Verzweifelt suchend und völlig aufgeschmissen stehen wir also spätabends in einem fremden Land und vermissen schon wieder die Hälfte unseres Besitzes. Plötzlich blickt Dave angespannt in eine Richtung und kneift die Augen zusammen. Hinter einer Absperrung aus Glas, in einer völlig anderen Halle sehen wir das altbekannte Mattgrün dunkel schimmern. Mein Herz macht einen Satz. „Er ist es“, rufe ich laut und stürme davon. „Er ist es tatsächlich!“. Fast übermütig nehme ich den Rucksack in die Arme und kann Gottes Gnade nicht fassen. Keine Ahnung wie unser Rucksack, abseits von allem anderen Gepäck dort hingelangt ist- aber er ist da. Und das zählt. „Ok, jetzt haben wir immerhin unser Zelt, und können es heute Nacht aufschlagen!“, sage ich dankbar zu Dave. Gerade fährt wohl unser Bus davon.

Es sind kaum noch Fluggäste unterwegs und so weisen uns die Beamten recht zügig zur Zollkontrolle durch. Eine freundliche Frau mit breiten australischem Akzent empfängt uns und wir beginnen unsere Rucksäcke zu öffnen. Top durchgeplant habe ich alle zu deklarierenden Produkte in eine Tüte getan und ganz oben auf gepackt. Die freundliche Dame nimmt diese entgegen und packt alles bis ins letzte Detail aus. Steine aus Island und Norwegen, kleine Muscheln, die Federn von meinem ersten geschlachteten Hühnchen und Chiasamen. Auch das Zelt und die Heringe werden inspiziert und wir müssen unsere Schuhsohlen zeigen. Stumm bete ich, dass sie nicht nach den Medikamenten fragt, für die ich keine schriftliche Erklärung vom Arzt vorzuweisen habe. Da wir den Bus schon abgeschrieben haben, sind wir nun locker und entspannt und plaudern sogar mit der Dame. Ich bin von ihrer immensen, ehrlichen Freundlichkeit überwältigt und sehe sie, während sie in Verzückung über die Steine gerät, nur mit großen Augen an. „Oh, such a little Beauty, isnt it? And these stones, really amazing! Where are they from?“, lächelt sie mich an. Das bin ich von Zollbeamten nicht gewöhnt. Nach fachgerechter Inspektion packen wir alles wieder zusammen und steuern den Ausgang an. „Wie viel Uhr ist es eig?“, frage ich Dave. Der blickt auf die Uhr und sieht mich ungläubig an. Es ist als wäre die Zeit stehen geblieben, denn wir haben noch eine Minute bis zur Abfahrt des Busses. Neue Energie fließt durch unsere Adern und wir rennen was das Zeug hält. Als die Haltestelle in Sicht kommt, ist es Punkt 21:15 Uhr. Verdattert und verdutzt, befürchtend wir haben ihn doch noch verpasst bleiben wir stehen und gucken in die schwarze Nacht. Und dann kommt er, neu und glänzend, mit einem unheimlich netten Busfahrer, um die Ecke. Unser Bus.

Als wir auf unseren Plätzen sitzen, können wir es nicht fassen. Es grenzt an ein Wunder, dieser Abend. Der ganze Ablauf. Zutiefst dankbar blicke ich in die schwarze Nacht hinaus und gebe Gott alle Ehre. Nur noch drei Stunden, dann haben wir es geschafft.

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