18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Dort wo niemand hinsieht

Wir verlassen Bohol, packen unsere Rucksäcke und begeben uns zu unserem letzten Flug der uns zurück nach Manila bringt. Der bevorstehenden Trennung wegen, sind Mientje und ich etwas wehmütig und planen bereits unser Wiedersehen in Deutschland. Beim letzen Frühstück unserer Gastgeberin Ana, lernen wir ein australisches Pärchen kennen. Wir tauschen uns aus, jeder erzählt was er auf den Philippinen bisher entdeckt und gesehen hat. Ich lache und höre interessiert zu, bis sie stolz von einer ‚Slumtour‘ berichten. Ich denke sie machen einen Witz, doch es stellt sich heraus dass ich mich geirrt habe. Sie hätten eine geführte Tour durch die Slums Manilas gebucht, und es sei ‚richtig gut‘ gewesen. Schlagartig bin ich wieder in der Realität angekommen. Vorbei das paradiesische Urlaubsgefühl von Sandstrand und Meer. Ich frage mich was daran gut ist, anderer Leute Armut zu bestaunen. Ich stelle mir vor, wie sich diese ärmsten der Armen vorkommen, wenn ein weißer Tourist mit teueren Klamotten und dickem Handy durch ihre Gassen begibt und angewidert das Gesicht verzieht. Oder ob es genau das ist, was man in die Waagschale werfen muss um den ‚First-World-People‘ klar zu machen was auf unserem Planeten eigentlich vor sich geht.

Auf unserer Fahrt zum Flughafen unterhalte ich mich mit Ana über die Zustände und die neuesten Begebenheiten auf den Philippinen. Darüber dass das auswärtige Amt dringend von Reisen abrät, über entführte Touristen und den neuen Präsidenten Duerte. Von ihr erfahren ich, dass in den Philippinen sich viel zum Positiven verändert hätte, seit über 3000 Kriminelle auf Duerte’s Geheiß getötet wurden. Direkt in ihrer Nachbarschaft, sei der Drogenkonsum und die Vergewaltigung von Frauen und Kindern extrem gesunken. Man würde sich nun viel sicherer fühlen und der Präsident sei das beste was ihrem Land jemals widerfahren wäre. Sie erzählt mir mehr von ihrer Kindheit und dem Leben ihrer Kinder. Dass das Schulgeld für eine philippinische Familie so teuer sei, dass es sich die wenigsten leisten könnten. Dass sie selbst nur ein paar Jahre die Schule besuchen durfte, damit ihre Geschwister auch ein paar ‚Schuljahre‘ abbekommen. Sie erzählt mir von den Chancen die ein Philippino eigentlich hat. Mit einem monatlichen Grundeinkommen von 140 Euro, bei einem gut bezahltem Job wie dem eines Polizisten,  ist es unmöglich auch nur irgendwann das Land zu verlassen. Ziemlich beschämt erinnere ich mich an die Zeiten, in denen ich mich beschwert hab zur Schule gehen zu müssen. An denen ich geschimpft hab, weil ich zum Schichtdienst so früh aufstehen musste. Über die zehn Euro Zuzahlung beim Hausarzt. Ich blicke aus dem Fenster und sehe zerlumpte Erwachsene und Kinder. Ausgemergelte Hunde und stinkende Barracken. Müll für den es keine Verwertungsanlage gibt, der sich stapelt und in dem eine Katze wühlt. Und ich sitze in einem Auto und habe soviel Geld auf dem Konto wie eine ganze Filipino Familie in ihrem Leben nicht verdienen wird. Ich möchte weinen.

In Manila angekommen, werden wir von einem Fahrer unseres Hostels abgeholt. Er ist ein älterer Holländer, der bereits seit 30 Jahren in dieser Stadt lebt und aussieht wie Clint Eastwood. Wir kommen sofort ins Gespräch und ich frage ihn wie er es in dieser Stadt aushält. Jeder der Manila auch nur einmal gesehen hat, möchte so schnell wie möglich wieder raus aus der grauen Betonwelt. Es gibt so gut wie keine Pflanzen dort, alles ist mit ärmlichen Häusern zu gebaut und verstopft von rußenden Fahrzeugen. Er lacht und sagt, irgendwie wäre er einfach hier hängen geblieben. Erneut komme ich auf Manilas Slum zu sprechen, frage ihn ob es diese Tour wirklich gibt. Er beginnt zu erzählen: Der Name des Slums sei ‚Tondo‘ und dieses Gebiet sei eines der größten weltweit. Früher wäre es ein Reichenviertel gewesen, die Königsfamilie und nur ausgewählte Bürger hätten dort gewohnt. Durch vielerlei Kriege sei das Distrikt irgendwann gespalten worden und hätte sich nach und nach in einen Slum verwandelt. So gut wie alle Menschen aus dem Slum, würden dort geboren werden und dort auch sterben. Er selbst fände diese Touren auch nicht gut, doch genau zu interessieren scheint ihn dies nicht. Ich kann mir die Größe dieses Slums nicht vorstellen, und so beginne ich in Google etwas zu recherchieren und stoße dabei auf Bilder. Ich hatte bisher keine Ahnung wie ein Slum eigentlich aussieht, doch so schlimm, hätte ich es mir nicht vorgestellt. Ich  blicke dieses Fotos an, und alles wird nebensächlich.  Ich stelle mir vor, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich dort geboren wäre. Ich schäme mich noch mehr als bei meinem Gespräch mit Ana. Keine Schule, kein Job, kein Einkommen. Essen aus dem Müll fischen. Im Regen schlafen, Parasiten auf mir haben. Und dass,zu einer hohen Wahrscheinlichkeit, mein ganzes Leben lang.

Ich will mit diesem Artikel uns Europäer wachrütteln. Ich will euch wieder darauf aufmerksam machen, wie gut es uns geht. Was wir für selbstverständlich nehmen und auf welch hohem Niveau wir über Kleinigkeiten meckern. Wie unglaublich dankbar wir sein können. Und ich meine wirklich, wirklich, wirklich dankbar!

Ich war selbst nicht dort, doch ein Blick auf diese Bilder reicht  und etwas in meinem Herzen verändert sich. Ich möchte bewusster leben, meine Ansprüche runter schrauben und über meinen Tellerrand blicken. Ich möchte von meinen Bedürfnissen wegsehen und anfangen andere zu bereichern. Mich mehr in andere hinein zu versetzen und viel viel dankbarer sein. Das Leben dieser Menschen ist real, es ist weit weg und außerhalb unseres Beschäftigungskreises, doch es ist da. Und es zählt- genauso wie das unser eigens. Und auch wenn ich gerade für diese Personen nichts tun kann- so gibt es doch genügend zu Hause. In meinem Umfeld. Dies ist ein Appell an uns alle, von sich selbst weg zu sehen, dort hin wo niemand hinblicken mag. Aufzustehen und etwas zu verändern.

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