18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Die fetten Jahre sind vorbei

3:00 Uhr. Mit Mühe öffne ich meine verquollenen Augen und wühle mich aus unserem 80 cm breiten Bett. Der Wunsch mich zu erleichtern lässt sich nun nicht länger verdrängen. Angestrengt sortiere ich meine Gedanken – wie komme ich nur aus diesem Bus raus? Und seit wann muss ich Nachts eigentlich auf’s Klo? Mir wird klar dass mir nur die Option des ein Quadratmeter großen Sichtfensters zur Fahrerkabine bleibt. Behäbig klettere ich auf die Küchenzeile, halte mit einer Hand den Vorhang zur Seite, mit der anderen versuche ich mein linkes Bein zu fassen und durch das Fenster zu schieben. Es gleicht einem Drahtseilakt. Möchte gerade aus der Fahrerkabine springen als mir einfällt dass der ganze Boden mit Ameisen bedeckt ist. Habe natürlich keine Schuhe dabei. Ich versuche zu pinkeln ohne den Boden zu berühren, als hinter mir ein Rascheln ertönt. Zehn Minuten starre ich angestrengt in die Dunkelheit und bin mir sicher einen Elch zu sehen, bis Dave mir bewusst macht dass es nur ein Baumstamm ist. Sind meine Augen schon so schlecht?

Viereinhalb Stunden später schäle ich mich erneut von der schrägen Ebene. Unser Arbeitstag beginnt. Am Schweinegatter treffe ich auf Magdalena, eine Wiener Studentin. Sie versucht meinen müden Ohren die Futterritualien der Tiere zu erklären. Ich habe Schwierigkeiten zu folgen und bin unendlich dankbar dass wir Deutsch reden können. Nebenbei schenkt mir der österreichische Akzent ein wenig Heimatgefühl. Dass ich gestern nicht genau zugehört habe, macht sich nun bemerkbar. Denn anstatt eines gedeckten Frühstückstischs gibt es nur einen Haufen gequält dreinblickender Wwoofer, die sich in der dunklen Scheune gegenseitig angehärtetes Brot und Butter reichen. Fahles Morgenlicht fällt auf den spärlich mit Papptellern gedeckten Tisch. Ich erfahre dass es uns nur zu bestimmten Zeiten gestattet ist das Farmhaus zu betreten. Ein Becher ungesüßter Schwarztee wärmt meine noch klammen Finger.

Zum „Morgenmeeting“ erscheinen wir 15 Minuten zu spät und erhalten unseren ersten Rüffel. Nach weiteren eindringlichen Worten seitens Gabriel zum Thema Pünktlichkeit habe ich den Ernst der Lage begriffen. Das hier wird kein Zuckerschlecken. Magdalena, Thomas aus Vietnam und ich beginnen mittelgroße, zersägte Baumstämme einen Hügel hoch zutragen. Einen auf jeder Schulter, versteht sich. An meinem herabrinnenden Schweiß laben sich nicht nur die Ameisen, welche von den Baumstämmen auf meine Schultern krabblen, sondern auch hunderte kleine Mücken. Thomas versucht mit R’n’B – Songs die Situation erträglich zu machen. Aus der Ferne sehe ich Dave, der sich mit der Seitentür des Sprinters abmüht.

der Weg führt über einen Ameisenpfad

Endlich abgeschlossen, erhalten wir direkt den nächsten Arbeitsauftrag. Holz hacken. Angekommen bei den stumpfen Äxten wage ich kaum auf den Boden zu blicken. Ich höre das dumpfe Summen der Ameisenkolonie bereits aus drei Metern Entfernung. Herrlich diese Sandalen als Arbeitsschuhe. Magdalena und ich tauschen vielsagende Blicke aus. Dave erhitzt mit einem Gaskocher das Metall der Tür. Schwingt Zangen und Hämmer.

Gegen Mittag dann erneut Stellungswechsel. Der Plan ist, alles überflüssige Holz und Geäst auf dem Grundstück zusammen zutragen und zu verbrennen. Bewaffnet mit einem Seitenschneider werfen wir drei uns in ins Gebüsch. Äste zerkratzen meine Haut. Die Sonne brennt. Schweiß tropft. Frage mich wie ich jemals auf die Idee kam nur für Essen zu arbeiten. Über dem Feuer sirrt die Luft. Mit der Mistgabel ins Feuer stoßend fühle ich mich wie eine afrikanische Eingeborene in der Sahara. Als ob mein Leben davon abhinge halte ich nach Regen Ausschau. Und tatsächlich, am Horizont türmen sich dunkle Regenwolken auf. Sekunden später stürzen Tonnen von Wasser auf uns nieder. Es folgt eine Vereinigung der Gepeinigten im „barn“. Unsere Mägen erhalten erneut Brot und Butter und einen Streifen Käse. Erik, Magdalenas norwegischer Freund, erzählt er habe eine Peitsche gefunden. Ich lache trocken. Draußen hat der Regen aufgehört und Gabriels enthusiastische Stimme zerschmettert meine Vorstellung von einem freien Nachmittag.

 

Essen im „barn“

Uns aufrappelnd finden Leidensgenossin Magdalena und ich uns vor einem drei Meter hohem bewachsenen Erd-Stein-Hügel wieder, den wir zu Zwecken eines Treppenbaus abtragen sollen. Der Spaten trennt das dichte Grün nicht wie gewünscht, und so haue ich die Spitzhacke in den Erdhang. Schlag um Schlag trenne ich Grasbüschel, Brennnesseln und Steine von einander. Erinnere mich an einen Kriegsfilm über ein Strafgefangenlager. Bilder von Kohle- und Erdverschmutzten Soldaten die gebückt umherlaufen und schwere Lasten tragen kommen mir in den Sinn. Kann nicht umhin dass mir Ähnlichkeiten auffallen.
Nach dem aufgewärmten Essen von gestern und den müden Verabschiedungen der anderen, krieche ich in unser Schlaflager und falle augenblicklich in Tiefschlaf. Morgen ist Samstag und Arbeitsbeginn ist Punkt 9:15 Uhr.

Als die Tage noch frei und unbedarft waren…

 

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