18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Der wichtigste Wald der Menschheit

Langkawi- immer noch. Doch heute haben wir eine Besonderheit geplant. Ein Tour mit einem Landsmann, unserem Landsmann. Übers Internet und andere Blogger haben wir die Nummer von dem hier lebenden Österreicher Peter gefunden und einfach mal angerufen. Direkt einen Tag und eine Uhrzeit ausgemacht und nun sind wir da. Auf der anderen Seite der Insel, vor einem der ältesten Wälder der Erde. Unsere Gruppe besteht aus neun Teilnehmern und erfreulicher Weise sprechen fast alle Österreichisch. Es wird gewitzelt und gescherzt und es fühlt sich an wie ein Stück Heimat. Als wir dann das Boot besteigen, wird Peter ernst und beginnt zu erzählen: „Wir befinden uns auf einem der ältesten Gebiete der Welt. Als andere Inseln noch gar nicht da waren, gab es Langkawi schon lange. 500 Millionen Jahre alt, um genau zu sein, sind hier die Felsen.“ Mit ausdrucksstarke Stimme und unglaublichen Fakten fesselt er die Aufmerksamkeit der Gruppe in Sekunden. Wir fahren langsam auf einem braunen Flüsschen dahin, immer weiter hinein in den Mangrovenwald. Dann halten wir an einer schlammigen Sandbank an und sehen ganz praktisch was Peter uns theoretisch gerade erzählt. Die Geschichte der Schlammspringer und wie sie sich vor Jahrmillionen  an ihre Umgebung angepasst haben. Zwischen den kleinen Fischen mit ihren dünnen Ärmchen bewegen sich schnatternde Krebse mit bunt schillernden Zangen. Ich frage Peter warum diese Krebse nur eine riesige Schere haben anstatt zwei normal großen. „Die Antwort ist eigentlich ganz einfach!“, grinst Peter. „Wegen den Ladys natürlich! Es ist wie bei uns Männern, je größer und leuchtender die Schere ist, desto attraktiver finden das die Krebsdamen. Zur Paarungszeit ‚winken‘ die Männchen mit ihren Scheren in großem Bogen über ihrem Kopf und machen so auf sich aufmerksam. Und natürlich kämpfen sie gegen ihre Rivalen! Deswegen heißen diese Krebse im Englischen auch ‚Winker'“ Ich nicke, und hake noch weiter nach: „Was genau in der DNA bestimmt dass einige Krebse ihre Schere rechts und einige ihre Schere links haben?“ Peter antwortet sofort: „Das ist das beste an den Krebsen! Sie sind schon so weit entwickelt, dass falls sie ihre Schere im Kampf verloren haben, sie sie einfach nachwachsen lassen. Wurde die Schere rechts abgerissen, wächst sie links nach und danach wieder auf der rechten Seite.“ Ich staune. Unglaublich was in der Natur schon alles möglich ist, woran wir Menschen mit zerklüfteter Stirn hart arbeiten.

Die Winkerkrabbe.

Die Winkerkrabbe.

Wir entfernen uns von der Sandbank und schippern auf unseren nächsten Halt zu. Eine Treppe und Stege führen direkt in den Mangrovenwald und ich bin gespannt was ich von Peter gleich Neues erfahre. Ich fühle mich wie auf einem Schulausflug der Extraklasse, nur dass das Niveau des Wissens so hoch ist, wie zu keiner Schulstunde meiner Zeit. Und gleichzeitig so interessant-  ungeduldig warte ich auf Peters Ausführungen. Als wir uns um ihn versammelt haben, beginnt er uns von den Problemen zwischen Mensch und Tier zu erzählen. Welche Auswirkung das Anfüttern von Affen, Adlern und anderen Spezies auf das gesamte Ökosystem hat. Was ich bisher nur im Hinterkopf hatte wird mir nun in voller Tragweite bewusst und auch Dave versteht, dass dies das denkbar schlechteste ist, was der Mensch machen kann. Peter erklärt weiter: „Langkawi ist das malaiische Wort für ‚rotbrauner Adler‘ und nach diesen herrlichen Tieren ist auch unsere Insel benannt. Was machen nun all die Einheimischen? Sie fahren mit den vollgepackten Touristenbooten hinaus und schmeißen billige Hühnerreste ins Meer. Die Adler kommen und die Touristen können fotografieren. Doch wieder einmal hat der Mensch nicht zu Ende gedacht. Diese Adler ernähren sich nun schon seit vielen Jahren komplett einseitig, werden krank durch dieses oft mit Medikamenten verseuchtes Fleisch und, was noch viel schlimmer ist: sie können ihren eigenen Jungen das Jagen nicht mehr beibringen weil sie es selbst verlernt haben. Das gleiche gilt für die Affen. Diese Langschwanzmakaken die hier auf Langkawi heimisch sind, haben schon seit vielen, vielen Jahren nichts mehr zu tun. Halten sich in der Nähe der Menschen auf, werden aggressiv und darüber hinaus noch zur Plage.“ Während uns Peter diese Fakten erzählt sehen wir eine Familie mit Kindern die den Affen um uns herum munter Kekse und andere Nahrungsmittel für Menschen gibt. Noch während sie da stehen und sich nicht an die ‚Affen füttern verboten‘ – Schilder halten, wird einer der Affen aggressiv und langt nach dem Kleinkind. Versucht etwas von den Erwachsenen zu klauen und legt ein bedrohliches Verhalten an den Tag. Kreischend ziehen die Eltern ihr Kind weg und werfen dem Affen böse Blicke zu. Ich blicke ihnen nach und kann nur noch den Kopf schütteln.

Wir folgen Peter immer weiter in den Mangrovenwald hinein und laufen durch die erste Höhle. Er erklärt uns die Gesichte der Stalagmiten und Stalaktiten und weist uns auf die von der Decke hängenden Fledermäuse hin. Peter sprudelt vor interessanten Fakten nur so über und nimmt uns auf eine Reise der Erdgeschichte mit. Abschließend fragt er uns, wer schon einmal einen 500 Millionen Jahre alten Stein angefasst habe. Als er auf eine überhängende Wand zeigt, lege ich meine Hand fast zögerlich darauf und versuche mir diese Zeitspanne nur im Ansatz vorzustellen. Wieder im schummrigen Licht des Waldes stehend, kommt unser Guide zum Kernpunkt der Tour und beginnt uns die Geheimnisse eines Mangrovenwaldes zu unterbreiten: „Dies ist der älteste Mangrovenwald der Welt! Von hier aus hat alles begonnen! Und abseits dieser betonierten Pfade war Kilometer weit noch keine Menschenseele!“ Ich lasse diese Aussage auf mich wirken und blicke um mich. Schwer vorstellbar dass es immer noch Flecken auf der Erde gibt, die niemand erforscht hat. Peter erzählt weiter: „Ich selbst konnte das kaum glauben und habe es das erste und gleichzeitig das letzte Mal versucht!“ Zum Beweis stellt er sein Bein auf die Brüstung und zeigt uns eine lange, wulstige Narbe. „Damals hätte ich bei dem Versuch diese Hügel hier zu erklimmen fast mein Bein verloren!“ Und somit leitet er uns zur Geschichte des Waldes: „Dieser Wald ist deswegen so alt, weil die Menschheit in lange Zeit in Ruhe gelassen hat. Es war unmöglich auch nur wenige Meter in ihn einzudringen, das Holz ist nass und kaum brauchbar. Und so haben die Menschen sich von dem Wald abgewendet und ihn sich selbst überlassen- zum Glück! Denn er ist der wichtigste Wald der Menschheit. Was macht diesen Wald nun so besonders? Zuerst- was sind Mangroven überhaupt?“ Peter fragt in die Runde, doch niemand weiß es genau und alle blicke ihn mit großen Augen an. „Mangroven sind Bäume die im Salzwasser stehen. Sie haben kein Erdreich, keine Möglichkeit Regen aufzufangen, können ihre Wurzeln aufgrund von Ebbe und Flut nirgendwo verankern und haben so  ihr eigenes System um zu überleben. Durch ihre freistehenden Wurzeln filtern sie das Salzwasser und gewinnen Süßwasser um sich zu ernähren. Um nicht umzustürzen lassen sie ihre Wurzeln zwischen die des nächsten Stammes wachsen und stützen sich so gegenseitig. Mangroven bieten den größten Fischbrutplatz weltweit und gewährleisten so das Überleben unzähliger Fischarten. Sie sind die effektivste Methode um die Küsten vor Tsunamis zu schützen und sind der größte Sauerstoffproduzent der Erde. Das unglaubliche daran? Nur 0,7 Prozent aller Wälder weltweit, sind Mangrovenwälder und speichern doch das meiste Kohlendioxid. Sie sind somit unser größter Sauerstofflieferant.“

Das hört sich alles zu gut an, als dass es die Menschheit nicht zerstört hätte, denke ich mir. Und tatsächlich fährt Peter direkt fort: „Da die Menschheit den Wald Jahrelang als unnütz ansah, hat man weltweit begonnen ihn zu roden. 50 Prozent aller Mangrovenwälder sind unwiderruflich zerstört und zwar für Shrimpsfarmen oder für die Landgewinnung. Die Nachfrage von billigen Shrimps für den europäischen Markt ist so hoch, dass immense Kolonien angelegt werden. Sie werden mit Anabolika aufgepumpt und uns dann als King Prawn verkauft! Das Problem? Man kann einen Mangrovenwald nicht einfach so anpflanzen. Er muss mühsam Jahrzehnte lang aufgeforstet werden, doch ohnehin interessiert sich für die Aufforstung so gut wie niemand. Im Gegenteil, die Mangrovenwälder werden weiter abgeholzt.“ Peter sieht uns mit durchdringendem Blick an, macht uns diese Misere klar und bittet uns, diese Informationen einfach weiter zu tragen. An unsere Freunde, unsere Familie. Den Versuch die Augen möglichst vieler Menschen zu öffnen, für die Situation unseres Planeten.

Der Schlammspringer hat Kiemen, und kann trotzdem ertrinken. Regelmäßig muss er nach Luft schnappen um sein 'Atemwasser' mit Sauerstoff anzureichern.

Der Schlammspringer hat Kiemen, und kann trotzdem ertrinken. Regelmäßig muss er nach Luft schnappen um sein ‚Atemwasser‘ mit Sauerstoff anzureichern.

Zurück auf dem Boot, fahren wir abseits der anderen Touristengruppen durch die kleineren Arme des Waldes und genießen die Stille. Die verschiedenen, bunten Vogelarten und die Schönheit dieses unberührtem Fleckchen Erde. Peter beantwortet all unsere Fragen und kommt schließlich zum letzten Teil unserer Route. Er erzählt uns, wie es die Mangroven schaffen sich fortzupflanzen. Ganz ohne Blüten und andere Tiere, nämlich lebendgebährend. In den Händen hält er eine Knolle, daraus wachsend ein langer grüner Strunk: „Dies ist ein Mangrovenbaby“, sagt er stolz. „Und hierin ist alles enthalten, um einen neuen Baum wachsen zu lassen! Wenn dieses Baby reif ist, wirft es die Mutter Mangrove ab und es fällt mit dem spitzen Stück voraus in den Schlamm. Schon steckt der Stamm und die Mangrove kann ihre Wurzeln wachsen lassen. Doch wenn es gerade Flut hat, so fällt das Mangroven Baby ins Wasser. Doch auch hierfür ist gesorgt. Dieses neue Pflänzchen kann mehrere Monate im Wasser schwimmen, ohne kaputt zu gehen. Dabei, ist es von Haus aus leicht krumm gewachsen, damit es sich während seiner Reise im Wasser möglichst wenig drehen kann, und so der verbrennenden Sonne wenigstens eine Seite entgeht. Wenn es dann ein Stück passendes Land gefunden hat, siedelt es sich dort schließlich an. „Und damit wir diesem Wald helfen, pflanzt heute jede Familie einen Baum!“, endet Peter.

Zusammen dürfen wir mit ihm die „Geburt“ vollziehen, holen die ersten Knospen aus der Knolle und pflanzen unser Baby in einem Stück Schlamm, nah am Mutterwald. Ich bestaune diese unglaubliche Pflanze, diesen Wert die sie für uns hat, und die, wenn es so weiter geht in den nächsten Jahrhunderten vom Aussterben bedroht ist. Und all das nur wegen der Dummheit meiner eigenen Rasse. Erneut schäme ich mich für die Menschheit und wie wir unseren Planeten unwiderruflich Stück für Stück zerstören.

Peter erklärt und bereitet die 'geburtseinleitenden' Schritte vor. Die entscheide Befreiung de frisch gekeimten Blatte darf Clara vollziehen.

Peter erklärt und bereitet die ‚geburtseinleitenden‘ Schritte vor. Die entscheide Befreiung de frisch gekeimten Blatte darf Clara vollziehen.

Und anschließend wird das Pflänzchen natürlich auch noch gepflanzt.

Und anschließend wird das Pflänzchen natürlich auch noch gepflanzt.

Als wir wenige Tage später eine Tour von unseren Gastgebern geschenkt bekommen, und erfahren, dass darin das bekannte „Eagle Feeding“ enthalten ist, schämen wir uns bei dieser Sache dabei zu sein, selbst wenn wir sie mit unserem Geld nicht unterstützen. Wir sitzen im Boot, umzingelt von zahlreichen kreischenden Japanischen Touristen, die ihre Kameras zücken und ihren Müll über Bord werfen. Doch die Gelegenheit Adler aus so einer Nähe zu sehen, lässt es uns, wenn auch überhaupt nicht mit Freude mit der eigenen Kamera festhalten. Die geschenkte Tour wird zur schlimmsten, die wir je gemacht haben. Wutentbrannt über die Massen an lärmenden, verschmutzenden Asiaten die überall ihren Müll hinwerfen, lässt uns schäumen. Schließlich schnappen wir uns eine Tüte und sammeln das ganze Plastik entlang der Wege. Wir sind die einzigen europäischen Touristen hier und werden belächelt. Dave und ich müssen an uns halten um nicht handgreiflich zu werden. Tief bestürzt und entsetzt, beschäftigen wir uns die nächsten Tage mit dem Thema Umweltschutz und können unseren Augen nicht trauen. Die Situation unseres Planten ist so haarsträubend, dass ich weinen muss. Das schlimmste daran jedoch, ist, dass wir alle es unterstützen. Mit unseren Käufen. Mit den billigen Shrimps, mit den Produkten in denen Palmöl ist. Mit der Cola die anderen Mitmenschen das Trinkwasser nimmt. Mit dem Fleischkonsum, der unsere Klimaerwärmung immer schlimmer macht. Und wir alle fördern die Konzerne, machen mit und unterstützen sie mit unserem Geld. Jeden einzelnen Tag. Abschließend sehen wir uns den neuen Film von National Geographics und Leonardo Di Caprio an, den wir nur jedem wärmstens empfehlen können- der bereit ist endlich etwas zu verändern. Der für seine Nachkommen, die folgenden Generationen etwas ändern möchte. Der nicht länger tatenlos zu sieht und sich mit Ausreden herauswindet. Der sagen kann, ich habe alles in meiner Macht stehende getan um diesen Planeten besser zu hinterlassen als ich ihn vorgefunden habe.

Film: Before the flood: www.beforetheflood.com

 

 

 

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