18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Der schwarze Wald

Wenn alle Hühnchen versorgt, die Hunde beschäftigt und die Pferde besichtigt wurden, alle Wassernäpfe kontrolliert und Oscar gebürstet ist, dann brechen wir ab und an einmal zu einem Ausflug auf. Packen ein kleines Picknick in unsere Basttüte, verschließen das Haus und steigen in unseren roten Explorer. Schalten das rauschende Radio ein und lauschen alten Countrysongs während die Landschaft an unserem Fenster vorbeizieht. Auf den gelbgrünen Weiden tümmeln sich flauschige Schafe und blöken uns entgegen. Starker Wind treibt die Wolken wie Watte vor sich her und zersaust uns beim Aussteigen die Haare. Heute scheint die Sonne besonders stark und es ist richtig heiß. Um am Strand nicht zu verbrennen haben wir uns für den Wald entschieden. Außerdem haben wir schon lange keine richtige Baumansammlung mehr zu Gesicht bekommen und freuen uns außerordentlich auf das dichte Grün. Wie so oft scheinen wir die einzigen an dem von uns gewählten Ausflugsziel zu sein und marschieren los. Der Eintritt in den Waldpfad wird von einer riesigen Eiche und einem Schild mit der Aufschrift „Mount Thomas Forest“ markiert. Gespannt treten wir in den Schatten der Natur, staunend über den Temperaturwechsel und froh über unsere Jacken. Schon nach einigen Schritten wird der Weg schmaler und immer dunkler, was wir zunächst als Ursache der knorrigen Stämme und dichten Baumkronen deuten. Als sich unser Tempo allerdings verlangsamt erschließt sich uns die Besonderheit und die Stimmung dieses Waldes schlagartig. Die Stämme, der Boden, ja sogar die dünnsten Zweige sind kohlrabenschwarz. Es ist keine Rinde zu sehen und überall herrscht leises aber kontinuierliches Summen. Das Grün der Blätter hingegen scheint im Kontrast noch mehr zu leuchten als bisher gekannt. Wir bleiben stehen und gucken uns genauer um. Es scheint ein tief schwarzer, flächendeckender Pilz zu sein der alles um sich herum vertilgen will. Nun fällt uns auch ein schwacher süßlicher Geruch auf, die Ursache für die unzähligen Wespen die darauf Platz nehmen und sich laben. Wirklich jedes Gestrüpp, jeder Baum, teilweise sogar Grashalme werden von dem pelzigen Schwarz ummantelt. Wir sind erstaunt mit welcher Willenskraft immer wieder winzig kleine, grüne Blätter und Knospen die teilweise einen halben Zentimeter dicke Schicht durchdringen.

Wie kleine Sternchen sehen manche Pflanzen vor dem schwarzen Hintergrund aus.

Unser Weg führt uns um enge Kurven und über kleine Brücken. Ein Bächlein plätschert versonnen und alles wirkt surreal. So als ob der Wald ein dunkles Geheimnis hätte und gefährlich wäre. Wir steigen ein Stück den Berg hoch, häufig stehenbleibend, dieses außergewöhnliche Biotop betrachtend. Zwischen dem Pilz und den Bäumen scheint mehr eine Art Symbiose zu bestehen als ein Wetteifern. Als wir um eine Kurve biegen verändert sich die Vegetation aufs Neue. Wir sind nun tief in den Wald eingedrungen. Es wird lichter, Sonnenstrahlen brechen durch die Baumkronen und lassen Farngewächse in ihrer ganzen Schönheit strahlen. Als ob sie die Wächter des Waldes wären, sind sie und die Bäume die in ihrer Mitte wachsen, als einzige nicht des schwarzen Pilzes betroffen. Anders als bei uns zu Hause finden wir während unserer Wanderung bis zu acht verschiedene Farnarten. Kleine Sträucher mit dicken, wulstigen Blättern. Gewächse mit kleinen Dornen darauf oder ganz feingliedrige Exemplare. Richtige ‚Farnwedel’, die so groß wie mein Oberkörper sind und welche mit außerordentlichen Musterungen sind mit von der Partie.

Hier der Beweis: So groß wie ihr Oberkörper 😉

 

Alle haben jedoch die Immunität gegen den schwarzen Pilz gemeinsam und bilden wunderschöne grüne Oasen. Nach einer erneuten Brücke über einen etwas breiteren Bach lassen die Farngewächse nach, Baumsorten ändern sich und wir befinden uns auf einem neuen Hügel. Wie von Zauberhand ist der schwarze Pilz verschwunden und einem ganz normalen Wald gewichen. Noch lange grübeln wir über Ursachen und Bedeutung dieses Waldes und finden uns schließlich am Auto wieder. Es ist spät geworden und die Sonne steht tief. Zeit auf unsere Farm zu fahren, etwas Riesenspinat aus dem Garten zu ernten und den Abend auf der Terrasse ausklingen zu lassen. Für morgen haben wir schon ein neues Ausflugsziel. Ein Bachbett, gefüllt mit türkisfarbenem Wasser, weißen Steinen und einer Weite die ich noch nie zuvor gesehen haben werde.

Noch nie habe ich so eine intensive Wasserfarbe gesehen. Unbeschreiblich!

Neuseeland überrascht uns mit jeder Entdeckung aufs Neue und übertrumpft sich selbst. Und das, obwohl wir so gut wie noch nichts gesehen haben. Doch inzwischen ist alles vorbereitet und vollendet. Die Autos gekauft, mit Betten und Küchen ausgestattet, Versicherungen abgeschlossen und die Taschen erneut gepackt. Der Housesit ist beendet und wir starten in ein neues Abenteuer. Doch diesmal nicht allein. Daves Bruder Jojo und seine Freundin Jenny kommen bis ans andere Ender der Welt geflogen um mit uns zusammen in einen sechswöchigen Roadtrip zu starten. Die Südinsel liegt wie ein weißer Fleck auf der Karte vor uns und wartet nur darauf entdeckt zu werden. Ich bin mir sicher, es wird eine unglaubliche Zeit. Voll von staunenden Momenten, lachenden Gesichtern, kleineren Problemen und Zusammenwachsen unter Freunden. Neuseeland ist an vielen Stellen noch unberührt und hat somit eine ziemlich schlechte Internetverbindung. Seit also nicht böse, wenn unsere Einträge etwas verspätet kommen. Wir müssen immer erst eine ganz altmodische Telefonzelle suchen um Teil sozialer Netzwerke und virtueller Zivilisation zu werden. Aber werden euch mit Sicherheit an der Schönheit dieses tollsten Landes von allen teilhaben lassen.

 

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