18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Das Leben mit Merl

Es ist 8 Uhr morgens. Grunzend drehe ich mich im Bett nochmal um und versuche das penetrante Scharren an unserer Tür zu ignorieren. Ich kneife die Augen noch ein wenig fester zusammen und versuche gedanklich wieder an meinen Traum anzuknüpfen. Jetzt piepst es herzzerreißend und angklagend. „Ok, ok!“, seufzt Dave und wankt schlaftrunken zur Zimmertür. Ich höre ein murmelndes „Guten Morgen ihr zwei“ und dann schließt sich die Zimmertür wieder. „Ahh, herrlich. Es ist wieder ruhig“, sind meine letzten Gedanken bevor ich wieder einnicke. Doch der Schlaf ist nicht von Dauer. Ich wollte ja auch eigentlich früh aufstehen, doch das Bett ist so weich und warm, dass ich es nur ungern verlasse. Nun ist es an mir schlaftrunken aus der Tür zu wanken und die anderen drei zu Begrüßen. Freudiges Gepiepse und ein gurgelnder Laut empfangen mich. Ich kraule Angel hinter ihrem Öhrchen und sehe schmunzelnd in ihre großen, ganz unschuldig dreinblickenden, grünen Augen. „Fressnapf und Trinkschälchen waren beide noch voll“, lässt Dave aus der Küche verlauten. „Also entweder sie vermissen uns morgens so oder sie lieben es uns zu ärgern“, vollendet er seinen Gedanken. Merl sitzt gelangweilt auf dem Tresen und blickt starr auf einen unsichtbaren Punkt vor sich. Ich wechsele die Stellung und streiche nun ihm über den Kopf, was ein gurgelndes, wütendes und gleichzeitig sehnsüchtiges Geräusch ergibt. „Immerhin hat Merl heute nicht gekotzt“, gebe ich trocken hinzu. Das macht er nämlich wenn er zu schnell isst. Merl heißt eigentlich Merlin, aber Dave und ich finden das passt einfach besser zu seiner leicht senilen, nicht nachvollziehbaren und trotzdem liebenswerten Art. Oft sitzt er stundenlang auf einem Fleck, bewegt sich nicht und starrt ins Leere. Anfangs wollte er überhaupt nicht angefasst werden und fauchte wenn man ihm zu Nahe kam. Doch nun scheint es, als ob er seine Sehnsucht nach körperlicher Nähe nicht mehr verbergen könnte. Wenn ich über seinen pelzigen, grauen Kopf fahre versucht er so leise es geht zu schnurren und krampfhaft die Augen offen zu halten, doch ab einem gewissen Punkt gibt er es wohl auf und es ist deutlich wie sehr er die Zuneigung genießt. Inzwischen streicht er mir morgens sogar um die Beine und guckt unauffällig in Richtung Kühlschrank, indem Dave’s kaltes Hühnchen verwahrt ist. Setzen wir uns zum Essen an unseren Tisch hüpft er wie bestellt auf den leeren Platz und setzt sich zu uns. Ganz interessiert hockt er dann an der Tischkante und reckt seine Nase schnuppernd in die Luft. Blickt lange auf den Teller und scheint zu seufzen. Er ist definitiv, auf seine ganz eigene Art, ein richtiger cooler Kater und wir haben ihn tief in unser Herz geschlossen. Die kleinen Kotzhäufchen und die Versuche unser Schlafzimmer zu erobern übersehe ich jetzt einfach mal.

Schon eine halbe Stunde bevor das Essen überhaupt fertig ist, sitzt Merl schon auf seinem Platz und wartet, als ob er es nicht erwarten könnte.

Schon eine halbe Stunde bevor das Essen überhaupt fertig ist, sitzt Merl schon auf seinem Platz und wartet geduldig. Wohlwissend, dass er eh nix bekommt.

Mit einem Teller voller belegter Brote und einer Tasse Tee lasse ich mich, nachdem ich auch Dave begrüßt hab, in den großen amerikanischen Sessel plumpsen und betätige den Hebel für das herausschnellende Fußteil. Göttlich dieser Luxus. Dave hat bereits Netflix eingeschaltet und wir sehen zum Frühstück eine kurze Folge unserer Lieblingsserie. National Geographics Dokumentationen rund um den Globus- was sollte es auch anders sein. In diese unglaublich kuschlige Decke eingewickelt, mampfe ich glücklich meine Brote und sehe mir die Fotos und Filmaufnahmen der besten Naturphotographen weltweit an. Gerade will ich meinen Teller wegstellen, als ich das nur allzu bekannte Gepiepse höre. Angel sitzt fiepsend und mit großen Augen auf dem Boden und blickt mich an. „Na, komm schon her“, lächele ich und klopfe auf die Armlehne. Keine Sekunde später steht sie schnurrend nehmen mir und drückt ihren Kopf gegen meine Hand. Anfangs kam dieses Fellbündel nur am späten Abend beim Filme gucken vorbei. Etwas zögerlich begutachtete sie uns und schloss uns scheinbar ins Herz, denn nun kommt unsere ‚Piepsmaus‘ im halben Stundentakt und sucht kraulende Hände. Piepsmaus, weil sie mehr wie eine Maus piepst als eine Katze und sich irgendwie auch mehr so benimmt. Auch wenn wir sie bei ihrem Namen rufen, kommt sie angelaufen und begrüßt uns wenn wir vom Einkaufen durch die Haustür zurück kommen.

Das Leben hier in Canberra ist traumhaft. Jeden Tag so schönes Wetter, so viele bunte Vögel, so viel Zeit, so viele Möglichkeiten. Ganz ohne Druck und Stress und mit allen möglichen Küchengeräten habe ich mich schließlich ans Kochen getraut. Es hat klein angefangen, mit Apfelmus-Haferflocken-Muffins, sich über selbstgemachte Kartoffelchips bis hin zu Spargel mit selbst gemachter Hollandaise und Chiasamen-Blaubeer Dessert ausgedehnt. Noch macht es nicht wirklich Spaß in der Küche zu stehen, doch ich habe mich definitiv von der „mir brennt sogar das Wasser an“ Phase wegbewegt. Und Dave’s leuchtende Augen machen die Anstrengungen wieder wert. Ja, ich weiß, diese Gerichte sind jetzt nicht Weltklasse. Aber für jemanden der sogar zum Nudeln kochen zu faul ist, doch ein Erfolg.  Noch schöner ist jedoch die Zeit die wir zusammen und inzwischen sogar alleine mit Gott verbringen. Ja, stellt euch vor, sogar ich habe angefangen in der Bibel zu lesen. Und auch noch über ein Thema was ich Jahrelang, trotz Mutter’s guten Ratschlag, weggeschoben habe. Und siehe da, ich hatte mal wieder einen völlig falschen Eindruck und nun haben mir die Verse über Zorn und Hass doch sehr weitergeholfen. Wir lernen so viel, verstehen immer mehr und alles verändert sich. Was wohl das größte Lob ist? Wenn deine eigene Schwester sagt: „Du bist jetzt so anders“. Ja, Gott sei Dank! Und so unternehmen wir gar nicht so viel wie gedacht, doch reisen in unserem Inneren viele, viele Meilen.

 

 

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