18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Das Keilriemen-Abo

Mühsam drehe ich mich in den Wulsten meiner viel zu dicken Decke einmal um die eigene Achse, stoße mir den Kopf an der Plastikverkleidung über mir und blicke träge in gleißendes Sonnenlicht zu meiner Linken, während mein ausgestreckter Arm nach meinem Smartphone langt. Es gibt ein nerv tötendes Gebimmel von sich welches sofort ausgeschaltet werden will. Dienstag Morgen, halb Acht im Ruhrpott.

Die Nacht war, aufgrund von getrennten Schlaflagern relativ angenehm. Ich oben unterm Dach, Dave unten im Bett. Einer der großen Vorteile, wenn man ein Gefährt mit viel Platz besitzt. Was allerdings weniger angenehm ist, ist der Gedanke der mir mit dem Hochfahren meines Gehirns wie ein süffisanter Werbeslogan in den Kopf kommt: „Brauchen auch sie einen neuen Keilriemen? Machen sie noch heute einen Termin in unserer Werkstatt!“

Ich sammle meine angespannten Gedanken und beginne mir ernsthaft Sorgen zu machen. Die letzten gestern gefahrenen paar hundert Meter hatte unser Bus wieder genauso gequietscht wie am Tage zuvor. Da muss doch irgendetwas ganz im Argen sein. Susan und Dieter, mit denen wir einen herrlich gemütlich und gesprächigen Abend verlebt hatten, teilen unsere Sorge und geben uns die Nummer ihres Schraubers vor Ort. Ein Italiener der die meisten Autos schon wieder irgendwie hinbekommt. Ich schöpfe etwas Hoffnung. Nach Kaffee, Verabschiedungen und guten Wünschen raffen wir unsere Sachen zusammen und machen uns auf den Weg. Schon nach dem wir den Motor anlassen heult der Quälgeist namens Keilriemen mehr auf als je zuvor. Wir fahren mit Angstschweiß behafteten Rücken im Schneckentempo durch die kleinen Gassen und beten gemäß unserem Reiseleitspruch 1 Thessalonicher 5,16 ‚ohne Unterlass’. Ich sehe erneute Tage in der Werkstatt und ein nimmer endendes Problem namens gerissener Keilriemen schon bildlich vor mir, während Dave ganz pragmatisch die Anzahl der zu wechselnden Keilriemen auf die Kilometerzahl der kompletten Route umrechnet. In der Familien Whats-App Gruppe wird gewitzelt ob wir uns nicht ein Keilriemenabo zulegen wollen.

Wir erreichen den bereits skeptisch dreinblickenden Italiener in seiner Hofeinfahrt- er muss uns schon gehört haben bevor er uns sah.

Nach kurzem Umreißen der Sachlage schüttelt er bedauerlich den Kopf und erklärt er habe nicht die Hebebühne um so einen Riesen zu begutachten. Schließlich schickt er uns mit einer Skizze und dem Namen einer anderen Werkstatt weiter. Erneute 15 Minuten Fahrt in der ich um das Leben unseres Keilriemens bange.

Noch bevor wir bei seinem griechischen Kollegin die genaue Situation beschreiben können , werden wir bereits von der Dame im Annahmebüro wieder herauskomplimentiert. Man habe keine Zeit, es gäbe viel zu viel tun. Es scheint als wolle sie ihre Mechaniker vor unserer nach viel Arbeit aussehenden Kutsche beschützen.

Als die Metalltür hinter uns ins Schloss fällt, wird mein Herz schwer. Wir stehen in der Mitte von Deutschland, mit einem eigentlich lächerlichen aber trotzdem massivem Problem und niemand scheint uns helfen zu wollen. Die Zeit mehrere Tage auf einen Termin zu warten haben wir nicht, und so rollt eine erste Träne über meine Wange. Auch Dave blickt äußerst zerknirscht drein und wir sitzen mutlos im Auto. Jetzt kann uns nur noch Gott aus der Patsche helfen und ich flehe ihn an uns irgendwie zu helfen. Im Internet hat Dave eine Werkstatt ergoogelt und ruft dort an. Die Dame am anderen Ende der Leitung ist sehr freundlich und nimmt sich unser einer an. Als wir auf den dortigen Hof rollen, und der Keilriemen noch ganz zu sein scheint bitte ich Gott die Mechaniker mit Geduld und Geschick zu segnen, ihnen das eigentliche Problem zu zeigen und für das ganze eine Lösung zu finden. Gefährt auf Hebebühne, Stirnrunzeln und dramatische Gesichtsausdrücke. „Und damit wollt ihr wohin?“, fragt einer der Jungs uns abwartetnd. Wir antworten „Polarkreis“ und erhalten ein: „Man seid ihr mutig“ gepaart mit einem leisen Pfeifen. Ich lächele unbeholfen und nuschele etwas von ‚Abenteuer suchen’. Schon nach ein paar Minuten wird uns erklärt, die erste Werkstatt habe den Keilriemen nicht richtig gespannt, ‚einfach drübergezogen’ statt ihn richtig zu befestigen. Ein Keilriemenspray habe uns für ein paar Hundert Kilometer nichts merken lassen. Außerdem sei die Schraube an der Lichtmaschine so dermaßen fest, da müsse man schon tricksen, ansonsten stünde der Wagen erstmal für Längere Zeit still. Ich verlasse die Garage um weitere Zwiegespräche mit Gott zu führen. Es scheint als stünde unser Trip auf Messers Schneide. Im Hintergrund wird mit Schraubschlüsseln, riesigen Bunsenbrennern und schwerem Gerät hantiert. Nach einer halben Stunde und bangem Warten ist es dann vorbei. Ich blicke Dave fragend an und er meint: „Jetz isser fest“

Ich kann es noch gar nicht glauben. Und erst recht nicht, als sie uns für einen Zwanziger wieder ziehen lassen. Zum Abschied erhalten wir noch Eiskratzer und gute Wünsche und die Frage wie wir überhaupt auf ihre Werkstatt gekommen seien, da sie schon lange gar keinen Internetauftreten mehr hätten…

 

Voller Dankbarkeit und Elan düsen wir mit satten 90 km/h unserem nächsten Halt entgegen. Und siehe da, selbst 700 km später läuft alles wie am Schnürchen.

Der zweite Tag unserer Reise neigt sich dem Ende zu und trotz aller Geschehnisse haben wir nur Nerven und 80 Euro, jedoch keine Zeit eingebüßt. Alles in allem , ein absolut abenteuerlicher Start. Und war das nicht sogar auf gewisse Weise gewünscht?

 

Doch wer nun glaubt, dass wären bereits genug Geschehnisse für einen Tag gewesen der irrt. Als Nachtlager wählten wir den letzten Rastplatz vor der Dänischen Grenze, um früh morgens des folgenden Tages noch die letzten günstigen Einkäufe auf deutschem Boden erledigen zu können. Eine stinknormale Ausbuchtung der Autobahn, mit übelriechenden Toiletten Häuschen, vielen Mülleimern und etlichen dösenden Brummifahrern in ihren Kajüten, direkt am Waldrand. Dave dehnte seine müden Muskeln vom langen Sitzen und recherchierte etwas über den weiteren Verlauf des Weges, während ich Standard Spaghetti mit Tomatensoße in die Töpfe schmiss. Beide schleichend von bleierner Müdigkeit erfasst, und um gute Laune bemüht, ließen wir unsere Blicke über den Rasthof schweifen. Dave entdeckte ihn als erstes. Den Mann, dessen dünne Beine in Cargo Shorts steckten, und der seit geraumer Zeit scheinbar aufgeregt über den Platz tigerte. Auch ich hatte ihn schon bemerkt, parkte sein Wagen doch genau neben unserem. Er schien auf etwas oder jemanden zu warten. Starrte immer wieder gebannt zur Rasthof Einfahrt und tippte sich an sein ‚Inkognito Cappy’. Zuerst hatte ich mir nichts weiter gedacht, doch nun wurde auch ich aufmerksam und stellte mir die Frage was er vorhaben könnte. Gemeinsam fingen wir an zu rätseln. Dave war der festen Überzeugung er würde sich mit irgendeiner Frau heimlich treffen. Ich hielt entschieden dagegen: „ Welche Frau fährt für ein Date extra auf einen Rastplatz.? Ganz zu schweigen von den fehlenden Räumlichkeiten, wäre es doch viel einfacher sich irgendwo am Rande des Ortes zu treffen, als extra auf eine Autobahn zu fahren. Und das Auto was er fährt ist ja wohl auch viel zu klein. Ob er wohl auf ein Brummi Fahrerin wartet?“

Aber wie viel Brummifahrerinnen gibt es schon? Uns kamen, sicherlich ein Gemisch aus Müdigkeit und dem neuen Fitzek –Thriller den wir die letzten Stunden gehört hatten , die abgedrehtesten Dinge in den Sinn.’ Drogenübergabe an der Grenze’, ‚getunter, illegaler Angelruten-Handel’, und ‚Familien Zusammenführung auf neutralem Boden’ waren nur einige Überlegungen. Ich war der festen Überzeugung es müsse eine ganz normale, logische Erklärung geben. Mit hereinbrechender Dunkelheit häuften sich jedoch die ankommenden Wägen mit alleinstehenden, gepäcklosen Männern .Laut Kennzeichen, aus der angrenzenden Gegend. Es war immer das gleiche Schauspiel zu beobachten. Es wurde geparkt, ausgestiegen, und zu lange für eine kurze Pause, über den Rastplatz flaniert. Und dann verschwanden die ersten in den, inzwischen in völliger Dunkelheit daliegenden Wald. Alle Müdigkeit war wie weggeblasen und uns dämmerte langsam wo wir gelandet waren. Ich wies Dave an unseren Standort zu googeln und konnte nicht glauben, dass es so etwas wirklich gab. Doch auf einer ominösen Seite sprang uns unser Rasthof und dessen von Menschen auserwählter Zweck direkt entgegen. Wir waren auf dem beliebtesten Treffpunkt der Gegend für unverfänglichen Verkehr an Wochentagen zwischen Fremden gelandet. Unser Standort wurde hoch angepriesen und mit „da geht immer was“ beworben. Ich war von den Socken. Als prüdes Ei vom Lande, hatte ich natürlich nicht im Traum daran gedacht einmal auf so etwas zu treffen, geschweige den mitten im Geschehen zu sein. Wir kamen uns vor wie verdeckte Ermittler, die Codenamen wispernd, aus ihrem Lieferwagen heraus Verdächtige ausspähten. Einige kamen auch nah an unser Gefährt heran, lugten ins Innere uns standen abwartend davor. Inzwischen eingekapselt wie in Fort Knox hofften wir ihnen eine deutliche Botschaft zu senden.

Zugegeben fiel es mir an diesem Abend schwer mühelos einzuschlafen und mich von dem Treiben um mich herum, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht tangieren zu lassen. Als leise Schnarch Töne von Dave heraufdrangen, gelang es dann endlich auch mir den Tag ausklingen zu lassen.

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