18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Bis zum südlichsten Punkt aller Länder

Ja, wir befinden uns immer noch auf der Straße. Mit dem Kanu auf dem Dach, den Essensvorräten unter dem Bett und dem großen Wasserkanister zwischen den Füßen, bezwingen wir Serpentinen, blicken in Täler und lassen uns vom Westwind nicht verbiegen. Heute haben wir es geschafft, Jennys lang gehegtem Wunsch, ein Besuch in der Cathedral Cave, stattzugeben. Zwei Tage haben wir vor der ominösen Auffahrt im Wald gewartet, staunend dass jeden Tag andere ‚Öffnungszeiten’ dran standen. Und dann war die Schranke plötzlich offen und wir brausten das Stück Land hoch. Kamen auf einem Parkplatz an und fanden uns erneut vor verschlossenen Toren wieder. Dabei war es gerade mal acht Uhr morgens, nicht mal deutsche Pünktlichkeit schien zu helfen! Resignierte Blicke wurden ausgetauscht, Füße scharrten im Kies, Ratlosigkeit machte sich breit. Dann schwang die Tür der einzigen Hütte auf dem Gelände auf und eine leicht untersetzte, Adrenalin gepeinigte Frau trat auf die niedrige Stufe und trommelte mit kreischender Stimme sämtliche Personen auf dem Parkplatz zusammen. Kaum zu Atem kommend erörtere sie die Lage, uns alle abfragend ob wir auch verstanden hätten, wie auf einem Kasernenhof. Die neu erlangten Informationen hörten sich nicht gerade beruhigend an: Das Meer sei heute ausgesprochen wild, wir alle würden mit Sicherheit nass werden und wahrscheinlich wäre es gar nicht möglich bis ins Innere der Höhle zu gelangen. Sie selbst sei stehen geblieben, als das Wasser ihr bis zu den Knie ging. Aber in fünf Minuten könne alles anders sein, man wisse nie so genau. Wer das Naturerlebnis trotzdem genießen wolle, dürfe jetzt fünf Dollar pro Person zahlen. Niemand traute sich einen Ton zu sagen, stumm wurden die ersten Noten in ihre Hand gelegt. Um ehrlich zu sein, hatte ich an diesem kalten, regnerischen Morgen überhaupt keine Lust durch eine von Wellen durchsetzte Höhle ins Dunkle zu schwimmen. Ok, nicht mal bei Sonnenschein würde ich diese Aktion lieben. Aber ich sah Jennys Gesicht und wusste, da müssen wir jetzt durch. Niemals würde sie sich trauen uns zu überreden und außerdem waren wir eine Gruppe. Wohl an, zwanzig Dollar in die ausgestreckte Hand und schon marschierten wir los. Keiner von uns war auch nur im Ansatz irgendwie ausgestattet und als wir den uralten von Farnen über und über bedeckten Wald verlassen und am Strand angekommen waren, wurde uns das allen schmerzlich bewusst. Donnernd rollten die Wellen an die Küste und jedem war klar: ‚trockenen Fußes’ ist hier nicht. Dabei sah das auf den Google Bildern doch so schön aus. Einmal reinspazieren, die enorme Größe der Höhle bewundern, um eine Kurve biegen und zum anderen Ende wieder hinaus. Inzwischen die Schuhe und Socken in der Hand, standen wir also zögerlich vor dem Eingang und beobachteten die ersten Waghalsigen. Das Meer darf man nie unterschätzen und erst Recht nicht die Abstände zwischen den Wellen. Das habe ich beim Surfen schon mehr als einmal zu spüren bekommen und lasse nun Vorsicht walten. Und wie vorausgesagt, verschwendeten andere Besucher keinen Blick über die Schulter und wurden wenige Sekunden, gerade noch auf feuchtem Sand stehend, buchstäblich kalt erwischt. Bis zum Bauchnabel standen sie in den Fluten und kieksten mit entsetzten Gesichtern. Eine Generation Smartphones weniger.

Reichliches Überlegen, rasches Abzählen und ein: „Los, los, los!“ und wir liefen in das Maul der Dunkelheit hinein. Blieben im Knick auf einigen Felsen stehen und rannten wieder hinaus. Zeit für Fotos? Keine Chance. Lachend und mit einer glücklichen Jenny rannten wir über den Strand und waren spätestens jetzt alle hellwach. Der Tag konnte also beginnen.

 

So früh auf den Beinen waren wir nicht gewohnt, also gleich noch ein paar Kilometer schreiben, zufällig über die aller seltensten Pinguine stolpern und schließlich an einem Ort ankommen, auf den ich schon ganz lange gewartet habe. Eigentlich gibt es dort nichts zu sehen. Nichts von Menschenhand Erschaffenes und auch kein Naturspektakel. Manche würden es als trostloses Ödland mit viel zu viel Wind bezeichnen. Und doch, kann ich es kaum erwarten bis ich über die karge Wiese mit den einzelnen Grasbüscheln gelaufen bin und endlich am Rand der Klippen stehe. Es ist der südlichste Punkt aller Länder. Der weit entfernteste Punkt unserer Reise, der Anfang vom Nichts, an dessen Ende nur noch die Antarktis wartet. Vor mir liegen nur noch exakte 4803 Kilometer Wasser bis zum ewigen Eis, im Rücken satte 5140 Kilometer bis zum Äquator. Sicher- geographisch gesehen, liegen immer noch ein paar Inseln näher dran, doch dieses Fleckchen Erde ist von allen Festländern am weitesten unten, zu mindestens sagt dies unsere Karte.

Der sagenumwobene ‚yellow-eyed penguin‘. Sehr lustig, da das einsame Pinguinpärchen schläft und die Augen zu hat… Naja, die gelben Augen denken wir uns einfach dazu…

Jojo & Jenny wie sie leiben und leben.

Und nun bin ich angekommen, an dem Punkt der von Deutschland ferner nicht sein könnte. Der Wind zerzaust meine Haare, zerrt an meiner Jacke und fragt mich: Und? Wohin willst du nun gehen? Noch weiter weg kannst du nicht mehr…

So weit weg von zu Hause, und trotzdem daheim.

Und da weiß ich, dass dies der Höhepunkt unserer ganzen Weltreise ist. Ein Stückchen Küste, nach dem nichts mehr kommt. Ein Gefühl des Angekommen seins, eine Ende des Weglaufens. Der Beginn von etwas Neuem. Wann ich wieder Deutschen Boden betreten werden? Ich weiß es nicht – doch von nun an befinde ich mich auf dem Rückweg.

Haa, da hat einer doch die Augen geöffnet! Dachte wohl keiner schaut, aber weit gefehlt, denn auf diesen historischen Augenblick habe ich nur gewartet. Und tatsächlich! Die Augen gelb wie schnee..

Ein unvorstellbarer Wind bläst hier Tag ein Tag aus ins Landesinnere. Aber da ihr nun dieses Bild gesehen habt, doch nicht mehr ganz so unvorstellbar was?

Ja, so siehts aus…

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