18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Berliner Schnauze

Ewig vor uns her geschoben, mit wenig Vorfreude bedacht sind wir am letzten Programmpunkt unserer Norwegen Reise angelangt: Die Begehung von Trolltunga.

Eine Bergtour die es schon nur durch Erzählungen in sich hat. Ein langer Aufstieg, dafür wohl ein sagenhafter Ausblick auf einer Felszunge die über mehrere hundert Meter Abgrund ragt. Kein Unterfangen für das ich mich freiwillig entscheiden würde, jedoch eines das ich bereue wenn ich es nicht einmal versuche. Also haben wir es solange wie möglich hinaus geschoben. Und dann war der besagte Freitag da. Fast schon auf eine Schlechtwetterfront hoffend, klicke ich den Wetterbericht zum zehnten mal an. Bewölkt mit Sonnenschein, steht in kleinen Lettern auf meinem Mobile. Hilft wohl nichts, grummele ich in mich hinein. Wir stehen auf einem Supermarktparkplatz und packen Dave’s großen Rucksack mit den benötigten Utensilien voll. Nochmals rufe ich mir die Eckdaten ins Gedächtnis: 22 km hin und zurück, vom obersten Parkplatz. Dieser kostet für 14 h jedoch 400 Kronen. Das macht 40 €. Ein teures Unterfangen. 700 m Höhenunterschied, 200 – 300 Besucher täglich. Wir entscheiden uns gegen den Stress der Parkuhr und wollen auf dem Gipfel eine Nacht zelten. Der Nachteil daraus ist jedoch, dass Dave 20 kg auf dem Rücken hat. Also wird nur das nötigste in das blaue Monstrum gesteckt. Wir verzichten sogar auf den Kocher und die große Gaskatusche. Belegtes Brot und Wasser muss ausreichen. Leicht angespannt kommen wir am ersten Parkplatz an. Ein blaues Schild verbietet Wohnwagen und Bussen bis zu dem sechs Kilometer entfernten letzten Parkplatz zu fahren und fordert gleichzeitig auf bereits hier den saftigen Parkpreis zu zahlen. Wir halten neben einem Tennisplatz in der Hoffnung hier keinen Parkzettel vorweisen zu müssen. Es ist 10:30 Uhr, niemand weit und breit zu sehen. Wir bitten Gott um einen guten Aufstieg, seinen Schutz und einfach eine gute Zeit.

Erste 30sec Pause nach eineinhalb Stunden Marsch. Noch ist es erträglich.

Erste 30sec Pause nach eineinhalb Stunden Marsch. Noch ist es erträglich.

Die Sonne ist inzwischen hinter den Wolken hervorgekrochen und scheint erbarmungslos auf uns hinab. Die ersten sechs Kilometer, zum eigentlichen Startpunkt, verlaufen in Serpentinen und steil. Ab und zu fährt ein Auto an uns vorbei,  die ausgestreckten Daumen nicht beachtend. Schweiß verbreitet sich großflächig über unseren Körpern, die ersten Wasserreserven gehen zur Neige. Ich blicke den grau grünen Berg an, frage mich wieso wir das machen. Jetzt bloß nicht die Motivation verlieren, es hat noch nicht mal angefangen! Nach vier Kilometer Bergstraße hält endlich ein Audi A7 und nimmt uns die letzten 2000 meter mit. Und dann beginnt die eigentliche Tour. Groß angelegte Warntafeln beschreiben genau zu welchen Jahres- und Uhrzeiten der Steig passierbar ist, was unbedingt mitgeführt werden muss, und ein Höhendiagram zeigt deutlich welche Abschnitte am schwierigsten sind. Andere junge Leute gesellen sich zu uns. Dass die ersten vier Kilometer die härtesten seien, haben wir nach nicht mal fünf Minuten begriffen. Ovale, von Matsch überzogene Steinstufen liegen in engen Kurven angelegt am Steilhang. Jeder Schritt genießt äußerste Vorsicht, die Hände suchen an Baumstämmen halt. Es ist unerträglich heiß. Schiele zu Dave rüber, der unter seinem Gewicht fast einzugehen droht. Habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nur einen Tagesrucksack trage. Bin gleichzeitig wahnsinnig froh darüber. Der Pfad gleicht einem Schlammparkour, lediglich bläulich miefende Seile bieten noch Halt. Ich überhole eine Chinesin, die nur einen Turnbeutel bei sich hat. Mit ihren weißen Halbschuhen tipselt sie Gleichgewicht haltend verzweifelt auf der Stelle.

Dave und ich verfallen  in Trance, reden kaum noch, haben nur noch ein Ziel: Durchhalten. Nach der drei Kilometergrenze führt der Weg erneut in einen nur aus Steinen bestehenden Steilhang. Die Sonne hat sich wieder hinter den Wolken verschanzt, ein kalter Wind zieht auf.  In stiller Eintracht erklimmen wir Stück für Stück. Dann fallen die ersten Tropfen. Gegen 17:00 Uhr hat sich der Weg in ein reißendes Bachbett verwandelt, wir sind trotz Regenjacken völlig durchnässt und unser Atem verlässt  in kleinen weißen Wölkchen stoßweise unsere Münder. Bis zum Gipfel fehlen uns noch weitere drei Kilometer. Umdrehen ist keine Option.

Der Regen hat nachgelassen und 'äußerst Motiviert' geht es weiter.

Der Regen hat nachgelassen und äußerst motiviert geht es weiter. Es geht motiviert weiter. Ach, seien wir ehrlich, es geht halt einfach weiter, weil zurück auch keine Option mehr ist.

Nebel zieht auf, lässt uns den Pfad der Qualen nur noch schwer erkennen. Nach einem gefühlten halben Leben, haben wir es dann endlich geschafft. Steif staksen wir die letzten Schritte und  sind angekommen, in einer extrem kalten und dichten Nebelsuppe umgeben von  Stein. Großartig! Diese Aussicht. Ich bin völlig von den Socken.

Mit gebückten Rücken irren wir über den steinigen Boden, nach einer geeigneten Schlafstätte Ausschau haltend. Kälte kriecht in die nasse Kleidung und  meine Zehen sind taub. Auf einer schiefen Ebene, in Richtung Abhang finden wir schließlich einen Fleck nass triefender Erde. Meine steifen Finger scheitern bereits an der Rucksackschnalle. Ich bin entsetzlich müde und will nur noch irgendwohin wo es warm ist. „Super Gott, das läuft ja echt toll hier! Ausgehungert, nass, und nicht mal nen Ausblick“, schimpfe ich in Gedanken vor mich hin.  „Wollt ihr n Kaffe?“, reißt mich eine Stimme aus meinen trübsinnigen Gedanken. „Pefferminz ham wa och!“

Zwei Meter entfernt stehen zwei Typen vor ihrem bereits aufgebautem Zelt und sehen mich fragend an. Ihre Blicke sind mitleidig, scheinbar sehen wir wie zwei begossene Pudel aus. „Oh ja bitte gerne!“, hauche ich aus. Sofort laufen Tobias und Stefan aus Potsdam geschäftig um ihr Zelt herum und bereiten alles vor. Ein dampfender Becher Tee wird mir in die Hand gedrückt und ich bin einfach nur noch dankbar. Es beginnt bereits wieder zu regnen, so schnell wir können bauen wir unser Zelt auf und bereiten die Schlafsäcke aus. Mit Rucksack und nassen Klamotten im Zelt ist es zwar nicht gerade gemütlich, aber Stefans und Tobias Diskussion über den nassen Zeltboden ihrerseits im Berliner Dialekt lässt uns die Unannehmlichkeiten der Situation schnell vergessen. Dem amüsanten Stimmengewirr lauschend liegen wir in unseren Schlafsäcken und warten auf die ersehnte Wärme, die aber leider auch nach zwei Stunden noch nicht eingetreten ist. Irgendwann scheinen wir eingeschlafen zu sein, denn als ich meine Augen wieder öffne, ist es stockdunkel. Wind peitscht Regen gegen unsere Zeltwand. Ich versuche meine Gedanken wieder an einen warmen Ort zu schicken, doch fiese Bauchkrämpfe hindern mich am erneuten einschlafen. Ein Gedanke erklimmt mein Hinterstübchen. „Nicht jetzt. Das kann doch nicht wahr sein!“, herrsche ich meine Gebärmutter an. „Echt jetzt? Immer zu den unmöglichsten Zeiten“. Rede mir ein, dass wenn ich mich nicht bewege, ich vielleicht bis morgen abwarten kann. Doch der Verstand siegt. Schwach schäle ich mich aus dem gerade warm gewordenen Schlafsack auf der Suche nach den benötigten Utensilien, schlüpfe barfuß in die nassen Schuhe und öffne die Zeltwand. Die kleine Taschenlampe des Handy’s wirft ein gespenstisches Licht auf den hereindrängenden Nebel und das rote Maleur. Unser Zelt scheint von einer weißen Wand umgeben zu sein, es herrscht Totenstille.

 

Trolltunga- immer noch, 7:00 Uhr morgens

Bevor ich ganz Herr meiner Sinne bin, dringt bereits ein: „Dat kann doch nicht wahr sein, jetz hängen wir immer noch in der trüben Suppe! Aber de Sonne kommt, dit hab ick im Gefühl! “ – „Ick wes nicht!“ -„Glob mir! Des wird! Des wird!“ Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben. Es ist immer noch extrem kalt, und auch der Nebel hat sich nicht wirklich verzogen. Mit einem Schaudern stelle ich fest, dass ich gleich meine Füße in meine nassen Schuhe stecken darf. Ein Griff in die Kleidung bestätigt, dass auch diese noch feucht ist. Das läuft ja fabelhaft hier, siniere ich mehr zu Dave als zu mir. Dieser liegt wie erschlagen neben mir und kann sich vor Muskelschmerzen kaum rühren. Endlich draußen stehend werden wir erneut von Tobias und Stefan gemustert. „Habt da noch was trockenes?“ Betreten schütteln wir die Köpfe. „Hier nehmt ma die!“ Zwei paar Socken werden uns gereicht. „Ey Stefan, mach ma die Suppen warm, muss eh allet weg! Kaffe?“ Wieder ein fragender Blick. Ich fühle mich wie im Himmel. Erneut ein dampfender Becher in meinen Händen. Es stellt sich heraus, dass Tobias und Stefan wirklich mit allem ausgerüstet sind. Noch bevor sie selbst gefrühstückt haben, drücken sie uns zwei Schalen mit Ente-Süß-Sauer Nudeln in die Hand. Tobias sieht wie sehr ich trotz des Teebechers und meiner zwei Jacken friere und wirft mir eine frisch gewaschene, trockene Fleecejacke entgegen. Wieder einmal kümmert sich Gott ausladend, indem er uns zwei liebevolle Bergkameraden zur Seite stellt.

Abstieg. Der Zoatla trägt die ihm auferlegte Last mit Leichtigkeit! Locker lässig baumeln im die 20kg am Rücken. Ein amüsiertes Lächeln huscht über seine Mundwinkel.

Abstieg. Der Zoatla trägt die ihm auferlegte Last mit Leichtigkeit!

Die nächsten Stunden verbringen wir mit Warten. Für diesen Aufstieg will man schließlich auch sein Foto! Und das am besten vor dem Mittag, denn da kommen die ganzen Tagestouristen, und es bildet sich eine 50 meter lange Schlange, in die man sich einreihen darf. Kurz bevor wir schließlich aufgeben, reißt der Himmel auf und lässt durch die dicken Wolken gewaltige Sonnenstrahlen. Der Ausblick ist wirklich sagenhaft, doch nichts im Vergleich zu der Nächstenliebe der zwei Berliner. Zu viert bezwingen wir den Abstieg und befinden uns nach 30 Stunden schließlich erschöpft, mit Blasen und Muskelkater versehen, aber glücklich zurück an unserem Bus. Dave und ich sind uns einig: Wir sind mehr als bereit für einen Länderwechsel.

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