18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Behind the scenes

3:20 Uhr morgens,

verzweifelt kratze ich mich an meiner unteren Wadenhälfte, danach kommt mein linker Arm und zum Schluss ein Teil meines Rückens. Beginne von vorne, diesmal ist es das andere Bein. „Egal“, denke ich mir, muss jetzt sowieso wach werden. Denn schließlich geht das Internet nur noch mitten in der Nacht, wenn jeder andere schläft. Wälze mich also von der durchgelegenen Matratze. Betrachte die Kuhle wo ich gerade noch gelegen hab, alles klebt. Tausend undefinierbare Krümel pappen an mir, Kloaken Geruch weht vom Fenster herein. Ich bringe mich in eine einigermaßen angenehme Sitzposition und klappe den Mac auf. Die Routine beginnt: als aller erstes checke ich sämtliche email Postfächer nach Neuigkeiten über unseren Rucksack. Danach klappere ich alle weiteren wichtigen Dinge ab: Flüge, Visa, Unterkünfte, Wetter, Politik, und so weiter. Schreibe der Familie und Freunden, kratze den letzten Rest aus dem Mückenmittel und werfe mich wieder in die schwitzigen Laken. In zwei Stunden klingelt der Wecker, Zeit zu surfen.

Und dann passiert es. Gedanken die ich die letzten Tage immer beiseite geschoben hab, bemächtigen sich meiner. Ich drifte ab und beginne zu grübeln. Ich liege da und mir wird bewusst wie sehr ich das zu Hause was ich sonst nie geschätzt habe vermisse. Auf der Couch sitzen mit Alex, Tino im Körbchen, Brezeln mit Butter, ein Besuch bei meiner Mama. Mit Jenny und Jojo durch München laufen, mit lauter Musik im Auto durch die Gegend heizen, dunkle Fichten, klare Seen, Volkornbrot. Das München was ich immer verabscheut hab, scheint mir jetzt wie eine goldene Stadt. Was ist passiert? Ist das normal? Warum denke ich nur noch daran wie es ist, in den Flieger nach Hause zu steigen, eine Wohnung mit Dave zu suchen, im Krankenhauskittel wieder zu arbeiten… und wieso verschwende ich ganze Stunden Tagträumerei an dieses Thema? Da wo ich gerade bin, das was ich tue, das wollte ich doch immer. Oder doch nicht? Shit, ich hab wohl Heimweh.

Wohin ist meine Abenteuerlust? Der Hunger auf Neues? Erst 90 von 365 Tagen sind vorbei und ich knicke schon ein. „Ich brauche dringend ein Erfolgserlebnis!“, schießt es mir in den Kopf. Die letzten Tage haben mich mürbe gemacht. Die Suche nach dem Rucksack ist eine einzige Tortur. Jeden Tag neue Informationen, neues Hoffen, wieder Enttäuschungen. Tägliches Anrufen in Norwegen, was unendlich viele Rupien verschlingt. Die Gewissheit, dass wir ohne unseren Rucksack in kälteren Ländern verloren sind. Nächtliches Aufstehen um den email Kontakt aufrecht zu erhalten. Nur noch dreckige, klebrige Kleidung. Die Hitze an die ich mich so gar nicht zu gewöhnen scheine. Überall diese Mini Ameisen, Myriaden an Mücken und seit neuestem der permanente Kloaken Geruch vor dem Fenster. Die Katzen haben angefangen unter das Bett zu pinkeln und bei dem Versuch ihr Maleur zu beseitigen, klebt der Dreck von drei Jahrzehnten an meinem Lappen. Unsere eingekauften Lebensmittel werden aus dem Kühlschrank entwendet und spät nachts sowie früh morgens dreht unser Vermieter die Musikanlage mächtig auf.

Komme mir schlecht vor so viel zu meckern und zu jammern, und trotzdem machen mich die Angewohnheiten und das Verhalten der Einheimischen teilweise echt wütend. Überall schmeißen sie ihren Müll hin, es scheint sie nicht zu interessieren wie sehr sie ihre Heimat verschmutzen. Nichts wird repariert oder wieder verwendet. Wenn etwas kaputt geht, bleibt es einfach am Straßenrand liegen. Penetrantes Ansprechen, selbst nach viermaligem ‚nein Danke‘ -sagen, trotzdem noch Dienstleistungen aufdrängend. Egal wo wir hingehen, oder was wir kaufen, immer wird der Preis des Artikels vervielfacht. Nur weil meine Haut weiß ist? Nur weil ich weiß bin, bin ich eine wandelnde Dollarnote? Toiletten beispielsweise, für Einheimische kostenlos, für ‚Foreigner‘ nur gegen Geld. Ich meine, mir würde es niemals einfallen nur auf Grund der Hautfarbe eines anderen Menschen den Preis für mein Produkt in die Höhe zu schrauben. Jetzt werden natürlich wieder die Stimmen laut, die darauf hinweisen wie viel weniger diese Menschen haben als wir Europäer, dass man nicht so kleinlich sein sollte, etc. Aber dass ich viele viele Jahre mir rund um die Uhr jeden Cent verdient habe, und eine ganz andere Arbeitsmoral an den Tag lege, das scheint nicht zu zählen. Für diese Menschen hier, scheine ich nur in Geld zu schwimmen, und es scheint gut und recht mich selbst bei dem Preis für eine Banane über den Tisch zu ziehen. Abgerundet hat dieses Bild schließlich der Klau von David’s Handy im Bus. Direkt aus der Hosentasche, während uns die Typen in irgendein ach so freundliches Gespräch verwickelten. Dass wir das Handy nicht nur verlegt haben, bewies sich später, als der Dieb auf Facebook, WhatsApp und Telegramm online war und unsere Nachrichten an ihn las. Ist diese ganze asiatische Freundlichkeit also nur geheuchelt?

Ich besinne mich wieder, das sind nun mal die Reiseerfahrungen die dazu gehören. Die einen formen und bilden. Die einen vielleicht mehr in Richtung inneres Ich bringen. Und die in den allermeisten Reiseberichten fehlen. Zurück zum Anfang, ich brauche also dringend ein Erfolgserlebnis das mich hier raus reißt. Der einzig sinnvolle Ansprechpartner hierfür ist, wieso komme ich immer nur so spät darauf, wieder einmal Gott. Etwas an genervt bitte ich ihn um eine Wendung der Geschehnisse, um Weisheit und inneren Frieden. Irgendwas muss jetzt echt mal passieren! Also echt…

« »

© 2019 18-300mm. Theme von Anders Norén.

%d Bloggern gefällt das: