18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Alle Tage wieder

Sitze gerade draußen in der norwegischen Abendsonne. Gemütlich auf einem mit Krümeln durchdrungenem Schaffell. Weiße Wattewölkchen wechseln sich mit wärmenden Sonnenstrahlen ab. Leises Gegacker von den Hühnchen dringt vermengt mit Ola’s unverständlichem Geplapper an mein Ohr. Ich muss an mein kleines Hühnchen denken. Es ist weiß-braun-schwarz gefiedert und schon etwas abgemagert. Seperiert sich mit jedem Tag mehr von dem Rest der Hühnchengang. Habe es stark in mein Herz geschlossen. Tageweise kann es nicht essen. Tagsüber sitzt es mit geschlossenen Augen auf einem Platz. Ab und an muss es sich übergeben. Und als ob dass alles nicht genug ist, nimmt einer der Hähne es abends dann richtig durch. Mein Hühnchen ist mit Abstand das hübscheste von dem restlichen Federvieh. Ob es starke Schmerzen hat, frage ich mich. Ich berichte Turid und Ole davon. Es beginnt eine Diskussion ob es geschlachtet werden soll. Bin grundsätzlich ja auch dafür. Weiß gleichzeitig dass das dann mein Job ist. Beobachte das Hühnchen jetzt jeden Tag noch eingehender. Hier und da meine ich Besserung erkennen zu können. Und dann muss ich es doch wieder zurück in den Stall tragen, weil es zu schwach ist.

Clara und ihr ganz spezieller Schützling: 'kleines Hühnchen'

Clara und ihr ganz spezieller Schützling: ‚kleines Hühnchen‘

Überhaupt muss für Recht und Ordnung im Hühnerstall gesorgt werden. Ein paar Tage nicht aufgepasst und schon legen die Enten ihre Eier in den Brennnesselhügel, der Boden steht unter Wasser und es werden Hähnenkämpfe ausgetragen. Ganz zu schweigen von den ständigen Ausreißern, die mit stolzgeschwellter Brust im frisch angesetzten Zwiebelbeet scharren, welches ICH angelegt habe. Dave geht im übrigen mit Hühnchen im Sperrgebiet etwas rabiater vor. Da wird schon mal der Wasserschlauch gezückt oder mit laufender Motorsäge den aufgebrachten Damen hinterher gerannt.

Nachts wird auch gerannt. Allerdings auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem und unter Todesangst. Zumindestens wirkt es jedes mal so, wenn Dave mit panischem Blick auf dem Boden, direkt durchs Krötengetümmel vom Haupthaus zu unserer kleinen Hütte hüpft. Man möchte sich das Gefühl einem mit Warzen behafteten Getier unter der nackten Fußsohle lieber nicht vorstellen.

Ola wässert gerade mit angestrengtem Gesicht die Außenwand des Gewächshauses. Auch der Stuhl und das davor liegende Brennholz wird mit großer Sorgfalt durchtränkt. Ich beobachte Ola klammheimlich. Im allgemeinen öfters als mir lieb ist. Nicht etwa weil ich von seinem mit Tuben-Kavier und Majonäse verschmierten Mund, den großen blauen Augen und den feinen blonden Haaren verzückt bin. Ja, wenn ich ehrlich bin muss ich immer wieder aufpassen dass sich mein innerlich missbilligender Blick nicht auf meinem Gesicht abzeichnet. Einen Monat nun sehe ich ihm schon zu. Wie er niemals aufessen muss, niemals aufräumen muss, TV und Film gucken darf wann und wie er möchte. Wie er immer Erwachsene unterbricht und sofort Gehör bekommt. Und wie er weint weil er kein Lätzchen anziehen will, und wie er dann schließlich auch keins anziehen muss. Vergleiche mich ständig mit ihm. Wie es wohl ist alles zu dürfen und zu bekommen was man will? Bei mir ging es sehr viel strenger zu und ich weiß dass ich selbst zu einem Kind noch sehr viel strenger wäre als meine Eltern bei mir. Versuche mich für Ola zu freuen. Versuche ihn ins Herz zu schließen. Trete auf eins seiner Eisenbahnstücke, welches ich schon drei mal zur Seite geräumt habe. Ich bin froh dass ich Zurückhaltung beherrsche.

Aber nun mal Butter bei die Fische. Was ist das, dass ich im allgemeinen Kinder nicht ausstehen kann? Warum kann ich Baby’s nicht auch mal ’süß‘ finden? Dieser Grimm wenn da Kinder laut lachen und spielen und dieses Bedürfnis ihnen die Gurgel abzudrehen wenn ihre dünnen Stimmchen anschwellen und in Ohrenbetäubendes Geschrei umschlagen. Werde vielleicht ab jetzt auch für Mitgefühl gegenüber Kindern beten.

Das Leben als Wwoofer hat so seine Eigenarten. Jeden Tag für jemand anderen zu arbeiten, dessen Wünsche nach Besten Wissen und Können auszuführen und abends verschwitzt und müde ins Bett zu fallen ohne auch nur eine einzige Münze dafür zu bekommen- das ist eine ganz neue Erfahrung. Manchmal überkommt uns unser guter, deutscher Perfektionismus und dann stellen wir fest, dass es für unsere „Arbeitgeber“ gar nicht so genau sein muss, und dass wir gar nicht an unserem Eigentum bauen und sägen. Und gleichzeitig denke ich daran wie dankbar ich bin, auf genau dieser Farm gelandet zu sein. Wir bekommen ausgezeichnetes Essen, dürfen uns selbstständig Arbeitszeit und Pausen einteilen, sind abends auf dem Familiensofa willkommen und Chips, Bier, Schokolade sowie Wein sind auch immer vorrätig. Sich lediglich für ein Essen zu verausgaben und sein bestes zu geben, dass hat etwas demütiges. Und von Demut kann man nicht zu viel besitzen.

Ich freue mich also, dass ich nicht nur Handwerkliches lerne, sondern dass ich auch an meinen Charakter feilen kann. Eine richtige Sommerschule 🙂

 

 

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