18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

Vor der Küste Malaysias

Es ist acht Uhr morgens und wir verlassen unsere behagliche Unterkunft in Georgetown. Zeit aufzubrechen und für die letzten Tage in Asien einen entspannten Ort zu suchen. Nach einigem Stöbern auf der Weltkarte suchen wir uns die Insel Langkawi ganz im Norden Malaysias aus. Nur ein Bootstrip entfernt und mit schönen Stränden und Wäldern versehen. Quer durch die schwarz bunten Gassen schleppen wir unsere Ungetüme und kommen schließlich am Hafen an. Ein großer Katamaran steht schwankend bereit. Menschen aller Herkunft strömen über die kleine Metallbrücke und nehmen im Inneren Platz. Sachte hebt und senkt sich das Boot und ich mache mir Gedanken über den Seegang. Die Überfahrt soll viereinhalb Stunden dauern und im Internet wurden Leute mit sensiblem Magen gewarnt. „Ok, gucken wir mal ob wir Seekrank werden“, sage ich lachend zu Dave, der gleich darauf noch ein paar Witze reisst. „Die haben bestimmt übertrieben“, denke ich mir. Und dann startet das Boot. Als die wir die kleine Halbinsel hinter uns lassen und aus dem Hafen herausfahren, gehen plötzlich Mitarbeiter des Bootes durch die Reihen und verteilen Plastiktüten. Ok- doch so krass? Jetzt keine Panik bekommen! Plötzlich geben wir Gas und rauschen durch die Wellen. Es geht hoch und runter und ich blicke Dave ernst an. Keine fünf Minuten später übergibt sich der erste Passagier schwallartig in seine Plastiktüte. Ich habe das Gefühl in einer Achterbahn zu sitzen, das Herz rutscht mir in die Hose. Ok, Clara, jetzt ist Konzentration gefragt, bläue ich mir ein und fokussiere meinen Gedanken auf etwas außerhalb des Bootes. Ich suche mir einen Punkt am Horizont, atme ruhig und versuche mich an die Bewegungen des Bootes anzupassen. Die Zahl der sich Übergebenden steigt mir jeder Welle und bald sind wir in säuerlichen Geruch und einstimmiges Würgen eingehüllt. Ich bin froh über meine Abhärtung durch die Arbeit im Krankenhaus und schalte automatisch auf Mundatmung. Nun hat es den Deutschen vor uns und das junge Pärchen neben uns auch erwischt. Die Mitarbeiter des Schiffes schwanken zu den Passagieren und verteilen Tücher zum Abwischen und immer neue Tüten. Unser Pärchen hat nun schon drei an der Zahl angesammelt und ich hoffe das dünne Plastik reisst nicht unter dem Gewicht des Mageninhaltes und ergießt sich über meine Füße. Mir wird schwindlig und ich bekomme schlimme Kopfschmerzen. Das Sprechen mit Dave wird furchtbar anstrengend. Vor uns liegen noch drei Stunden und zwanzig Minuten.

Irgendwann kann ich meine Konzentration nicht länger halten und verfalle in tiefe Müdigkeit. Auch Dave schläft inzwischen, doch es sieht anstrengend aus. Kurz bevor sich meine Augen schließen, lasse ich meinen Blick noch einmal über die gut 60 Sitzplätze wandern. Das Bild hat sich nicht verändert. Wir sind zwei der wenigen die noch keinen Gebrauch von ihren Tüten gemacht haben und wer einmal mit dem Entleeren seines Mageninhaltes angefangen hat, hat noch nicht damit aufgehört. Mit verkrampft an den Sitzlehnen festhaltenden Händen schlafe ich schließlich ein.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist die Odyssee vorbei. Wir sind kalkweiß im Gesicht, frieren und schwanken unglaublich geschwächt und doch etwas stolz vom Boot. Ich danke Gott unablässig, dass der Kelch des Kotzens an mir vorüber gegangen ist und schwöre Dave dass wir einen anderen Rückweg finden werden. Später lese ich, dass wir alle Symptome der gemeinen Seekrankheit aufgewiesen hatten.

Wieder bei Sinnen leihen wir uns am Pier für die nächsten zehn Tage einen feurig orangen Roller aus. Steigen auf und fahren ins Landesinnere. Diesmal haben wir ein kleines Zimmer in einen zweistöckigem Holzturm gemietet. Es ist zwar etwas spartanisch, zur Toilette und zum Duschen müssen wir zwei Stockwerke hinunter und durch den Garten laufen, aber dafür sind wir ganz für uns allein und haben einen herrlichen Blick bis aufs Meer hinaus. Sogar ein kleiner Balkon liegt vor unseren Betten und in der uralten Röhre namens Fernseher läuft in krisseliger Qualität und mit Gelbstich Bad Boys auf Dauerschleife. Ich fühle mich direkt heimisch und falle müde in die kitschigen lila Blumenkissen.

Die nächsten Tage entspannen wir uns in dieser äußerst ruhig gelegenen Oase, genießen das kostenlose Frühstück und unternehmen Erkundungstouren mit dem Roller. Über kühle Regentage sind wir besonders glücklich und bleiben guten Gewissens im Bett. Zusammen beten wir für all die daheim gebliebenen, lesen in der Bibel, diskutieren über die Situation unseres Planeten und stopfen Haufenweise Drachenfrüchte und Mangosteen in uns hinein. Unsere Gastgeber scheinen uns in ihr Herz zu schließen. Waren sie anfangs doch etwas zurückhaltend und still, so bringen sie uns inzwischen Fruchtplatten, machen extra für mich ein veganes Frühstück und stellen uns ungefragt ein kleines Abendessen zusammen. Wir dürfen ihre Waschmaschine benutzen und werden immer herzlicher angelächelt. Aus ursprünglich drei geplanten Nächten, werden zehn. Langkawi ist klein und wir können alles mit dem Roller erreichen. Zwischen traumhaft weißen Sandstränden mit blauem Wasser, leckeren Straßenverkäufen und frischen Kokosnüssen erkunden wir Wasserfälle. Laufen durch den Dschungel und schauen der Sonne beim Untergehen zu.

Dave bringt mir das Rollerfahren bei und ich stelle mich weniger ungeschickt an als gedacht. Sogar mit einem albernden Dave hinter dem Rücken und im Linksverkehr kann ich die für deutsche Verhältnisse die viel zu schnelle Maschine fahren. Quer über die Insel und rundherum führen wunderbare, gut ausgebaute Straßen durch die immergrünen Palmenwälder Malaysias. Bis zur bekannten Skybridge fahren wir und steigen in die von einem Österreicher gebaute Bergbahn. Die Stille der Luft und das altbekannte Rattern über die Rollbügel lassen uns in Heimweh verfallen… in Deutschland fällt bald der erste Schnee.

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