18-300mm

For the two of us home isn't a place. It's a person. And we are finally home.

200.000 Jahre

 

Dunkle Wolken hüllen die grünen Hügel ein und ein paar Tropfen fallen vom Himmel. Wir sitzen wieder in unserem alten Knatter Defender und fahren eine kurvige Buckelpiste hoch. Immer weiter bewegt Rajid den Wagen in den zunehmend dichteren Wald. Irgendwann halten wir an und er erklärt uns, wir seien nun am höchsten Punkt der Cameron Highlands angekommen. Ob wir Aussicht haben, hänge von der Wolkendichte ab. Er winkt mit dem Arm in eine Richtung und schickt uns durch ein eindeutiges: „Betreten verboten“- Schild durch eine Absperrung. Wir sollen einfach dem kleinen Pfad folgen und auf den Aussichtsturm wandern. Ok. Inzwischen ist es wirklich kalt geworden und ich bin heilfroh über meine Regenjacke, die nun nach fünf Monaten das erste Mal zum Einsatz kommt.

Wer würde da denn nicht hoch wollen?

Wer würde da denn nicht hoch wollen?

Das grüne Blätterwerk um uns herum trieft vor Wasser, Nebelschwaden ziehen auf. Nach nur wenigen Metern stehen wir vor einem verrosteten, nunja – besser: zerrostetem Eisenturm. Ein Windschiefes Dach knarzt im aufkommenden Wind und wird fast vom Nebel verschluckt. „Also das mit der Aussicht hat wohl nicht so hingehauen…“, sage ich zu Dave und nehme die ersten extrem steilen Stufen. Bei jedem Tritt merke ich wie schief der Turm steht und hoffe er möge für uns noch halten. Als wir oben angelangt sind, blicken wir in nichts als weißes Nebelmeer. Und trotzdem ist es ein tolles Gefühl. Immer wieder blitzt das dunkelgrüne Blätterdach des Waldes durch und heisere Schreie von Vögeln ertönen. Dave macht ein paar Witze und ich bin einfach glücklich. Mit ihm zusammen hier zu sein. Auf einem windschiefen, verboten und verrostetem Turm mitten im Nebel. Bibbernd vor Kälte.

 

Wir steigen wieder ab und treffen uns mit den anderen am Wagen. Rajid bittet uns einzusteigen und wir fahren ein Stück den Hang hinunter. Er erklärt uns, dass der sogenannte Mossy Forest, nur in einer bestimmten Höhenlage zu finden ist. Nämlich auf 2300 Metern über dem Meer, was mit den Winden, der Feuchtigkeit und Temperatur des Klimas zusammen hängt. Er hält mitten auf der Straße und wir steigen alle wieder aus. Ich frage mich, wo wir hier zu dem angelegten Wanderweg kommen sollen- schließlich ist alles um die Straße herum so zu gewuchert, dass ein Eindringen unmöglich erscheint. Rajid, dessen Outfit jetzt nicht passender erscheinen könnte, nimmt sich ein Bambushölzchen zur Hand und fuchtelt damit in der Gegend herum. Dann marschiert er auf die scheinbar geschlossene „Waldwand“ zu und verschwindet. Begeistert laufen wir hinterher und finden uns auf dem schmalsten Pfad, den ich je betreten habe, wieder. Nasses Geäst streift meinen Arm, Bambus wächst kreuz und quer und wir kriechen ein Stück durchs Unterholz. Hier und da beseitigt Rajid totes Geäst und ich habe den Eindruck, dass auf diesem Weg schon lange niemand mehr gewandert ist. Schlingpflanzen scheinen nach unseren Füßen zu greifen und mit jedem Schritt verschluckt der Wald die Geräusche ein wenig mehr. Unser Guide zeigt auf eine, für uns Europäer in Übergröße, Fleischfressende Pflanze und erklärt uns den Mechanismus der Blume. Wie sie es schaffe die Fliegen anzulocken, dass das süße Wasser die Fliegen ‚betrunken‘ mache und diese dann nicht mehr den‚Weg nach draußen finden würden. Ich muss schmunzeln und stelle mir das ganze als eine Fliegenbar vor. Torkelnde Brummer die hinter der Theke am Fruchtwasser kollidieren. Als Rajid uns das Alter der Pflanze verrät, stockt mir der Atem. Über 15 Jahre hat dieses Exemplar schon auf dem Buckel. Er zeigt auf ein winzig grünes Blättchen einen Meter weiter, welches so groß ist wie der Nagel meines kleinen Fingers und erklärt dass diese Pflanze, der gleichen Sorte, erst zarte 1 1/2 Jahre alt sei. Umso wichtiger, bläut er uns ein, sei es auf seine Tritte in diesem Wald zu achten. Immer wieder müsse der normale ‚Pfad‘ für die Touristen geschlossen werden, da diese die Natur einfach zu sehr zerstören würden. Jetzt wird mir auch klar, warum unser Pfad so klein und schmal ist. Ecotours habe einen eigenen kleinen Weg erstellt, den nur die allerwenigsten Touristen sehen würden und der immer nur von ganz wenigen Menschen begangen werden dürfe, so Rajid. Oh, danke Jesus für dieses Geschenk!

Wir laufen und klettern weiter, immer weiter ins Innere des Waldes. Es ist so still wie seit den Zeiten in Island nicht mehr und ich genieße die Ruhe. Je weiter wir Rajid folgen, desto dunkler und mystischer wird es. Jeder Ast ist von Moos überzogen, durch die Blätterkrone dringen nur noch vereinzelt Sonnenstrahlen und immer wieder lässt ein kühler Wind leise die Blätter rascheln. Wurzeln scheinen immer größer und noch verwundener zu werden, dünne Lianen hängen von den Ästen, lassen uns jeden unserer Schritte mit Bedacht wählen. Ich strahle übers ganze Gesicht und flüstere Dave zu wie unglaublich ich diesen Wald finde. Er ist ganz in seinem Element und sieht hinter jeder Kurve ein neues Motiv.

Mein Lieblingsmotiv ;)

Mein Lieblingsmotiv 😉

Rajid führt uns bis über das Blätterdach hinaus und lässt uns einen spektakulären Ausblick über das ganze Waldgebiet erahnen, das in mehreren Kilometern Entfernung von Nebel und Wolken verschluckt wird. Zurück im feuchten, grünen Geäst führt er uns schließlich bis in das Herz des Waldes, das meiner Realität nicht ferner sein könnte. Mit grellgrün und dunkelschattiertem Moos bewachsene 200.000 Jahre alte Wurzeln winden sich bis weit über meinen Kopf quer von Baum zu Baum. Bewachsene Erdbrocken hängen wie Pandorra Inseln in der Luft und Schlingpflanzen zwirbeln sich um dicke dunkle Stämme. Wir bleiben stehen und lassen die Szenerie auf uns wirken. Nicht ein einziges Geräusch ist zu vernehmen, alles wird verschluckt. Wie lange diese Pflanzen hier wirklich schon wachsen, kann ich mir schwer vorstellen. Und obwohl dieser Wald schon so viele tausend Jahre überlebt hat, wirkt er doch schützenswerte und zerbrechlich. Mit einem letzten Blick auf die teilweise, schwarz klaffenden Baumhöhlen und langsamen Schrittes über den federnden Boden, machen wir uns auf den Rückweg. Als wir aus dem Wald zurück auf die Straße treten, wärmen uns die Strahlen der Nachmittagssonne und lassen uns verträumt lächeln. Dave greift nach meiner Hand und wir steigen ein letztes Mal in den Defender.

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